Ochsenhausen – Die beiden Betreiberinnen der Buchhandlung Lesebar kennen sich nicht nur vortrefflich bei literarischen Fragen aus, sie wollen sich auch einmischen in den gesellschaftlichen Diskurs.
Seit 16 Jahren betreiben Pat Götz und Inge Grieser die Buchhandlung „Lesebar“ in Ochsenhausen. Doch mit dem Verkaufen von Büchern wollen sie sich nicht begnügen. Während Grieser im Erdgeschoss alleine Kundinnen und Kundin berät und bedient, schildert Götz im renovierten Untergeschoss an einem Tischchen neben der Kaffeemaschine ihre Ideen. Zwar hat die Lesebar wie die meisten Buchhandlungen zu kämpfen, aber die Beiden erfahren im überwiegend von Stammkundschaft frequentierten Geschäft sehr viel Wertschätzung, „Wahrscheinlich schaff ich deshalb auch so gerne“, erklärt Götz in ihrem liebenswerten amerikanisch gefärbten Schwäbisch. Der einundsechzigjährige Wirbelwind kam mit dreizehn Jahren aus den Südstaaten der USA nach Oberschwaben. „Wir Quereinsteigerinnen stemmen den Laden zu zweit, definitiv könnten wir keine dritte Kraft bezahlen. Vor zwei Jahren hatten wir das beste Geschäftsergebnis, das letzte Jahr lief richtig schlecht.“ Bis vor kurzem gab Götz noch Kurse ins Business-Englisch als zweites Standbein neben der Buchhandlung. Auf die Frage, wann sie Zeit zu Lesen hat, lacht sie: “Nachts. Ich habe das Glück, oft nicht schlafen zu können.“
Bei der Lektüre des Romans 10 Lektionen aus der Geschichte für die drängendsten Fragen unserer Zeitkam ihr die Idee, wie sie ihr Unbehagen an aktuellen Entwicklungen im Land in Handeln umsetzen könnte. Der Autor Roman Krznaric erläutert, was wir aus der Kaffeehauskultur in der Epoche der Aufklärung lernen können, um die Spaltung unserer heutigen Gesellschaft zu bekämpfen. Er schreibt etwa darüber, welche Inspirationen das Japan des 18. Jahrhunderts zur Schaffung einer nachhaltigen Wirtschaft liefert und was die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus zur Kontrolle künstlicher Intelligenz lehrt.
Der Unterhaltungs-Speiseplan
Besonders wichtig ist der Buchhändlerin die Überwindung wachsender Ungleichheit und damit die Wiederbelebung unseres Glaubens an die Demokratie. Das „geniale Buch des Historikers“ zeige auch Strategien zur Vermeidung des ökologischen Kollapses: Götz sieht Geschichte nicht nur als ein Mittel zum Verständnis der Vergangenheit. Sie könne auch helfen bei der Gestaltung der Zukunft. Nach dem Vorbild der vor allem im damaligen England weit verbreitetem Gesprächsrunden in Kaffeehäusern schweben ihr politische Stammtische vor. „Wir müssen Menschen an einen Tisch bringen, die unterschiedliche Einstellungen haben. ‚Unterhaltungs-Speisepläne‘ machen und Themen diskutieren wie etwa Wehrpflicht und Aufrüstung. Und zwar nicht nur in Buchhandlungen, die zu betreten manche sich nicht trauen, sondern völlig barrierefrei in Kneipen, Kaffees und Gasthäusern.“ Man brauche natürlich Menschen, die solche hoffentlich sehr vielfältigen Gespräche moderieren.
„Nicht miteinander reden ist keine Option“, findet Götz, die nicht interessiert ist an Parteipolitik. Es sei ihr jedoch ein großes Bedürfnis, mit ihrem kleinen Thinktank und ihrem großen Netzwerk auch jüngere Menschen zu erreichen, die sich austauschen wollen. Menschen, die sich mit den Maßnahmen während der Corona-Pandemie schwer taten, einfach in die Verschwörungserzähler-Ecke zu stecken, helfe nicht weiter. Deshalb ist sie im Gespräch mit dem Bündnis für Demokratie und Toleranz im Landkreis Biberach und Gastronomiebetrieben. Über weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter freuen sich die beiden engagierten Frauen aus der Lesebar.
Autorin: Andrea Reck
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