Skip to main content
15 Jahre lang war Winfried Kretschmann erster und bisher einziger grüner Ministerpräsident. Zum Abschied in die Rente und für den heimischen Garten bekam er in Biberach einen grünen Gartenzwerg geschenkt – natürlich mit Daumen nach oben. Foto: Wolfgang Volz

Die Grünen mit ihrem Frontmann Winfried Kretschmann sind dabei, die Sensation perfekt zu machen: an Ostern 2011 verhandeln die Ökos mit den Sozis über einen Koalitionsvertrag, der zur ersten Grün-Roten-Landesregierung in Baden-Württemberg führen wird und beendet damit die unendlich scheinende Nachkriegsära der CDU. Heute wissen wir, dass damit die Ära von Winfried Kretschmann und seinen Grünen begann. 15 Jahre und damit länger als jeder seiner Amtsvorgänger regierte der grüne Realo völlig skandalfrei den konservativen Südwesten, dessen selbstironisches Label „the Länd“ die Frage provoziert: Was bleibt? Der Versuch einer Antwort mit Hilfe einer Biografie „Winfried Kretschmann. Im Herzen grün“ (2025).

„Mitten in der Osterruhe, die sich auch die verhandelnden Koalitionäre gönnen, überrascht der baldige Ministerpräsident mit einem besonderen Interview in der Bild am Sonntag“, schildert die Journalistin und Biografin Dagmar Seitzer den politischen Neustart und zitiert Kretschmanns Statement in BILD: „Wir müssen mit weniger Autos in Deutschland auskommen.“ Auf die Frage „Werden Sie als erster Ministerpräsident von Baden-Württemberg sagen: Es ist besser, wenn wir weniger Autos verkaufen?“ antwortet Kretschmann: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr. Wir müssen in Zukunft Mobilitätskonzepte verkaufen und nicht nur Autos. Dazu gehören Laufen, Fahrradfahren, Autofahren, Eisenbahnfahren. Das müssen wir so klug vernetzen, dass man gut vorankommt und die Umwelt schont. Wir wollen grüne Produkte und Dienstleistungen exportieren, ohne Lebensgrundlagen zu zerstören. Darin besteht unsere spezielle Verantwortung, darum wird ein Grüner hier Ministerpräsident. Sonst könnte es ja jeder andere machen.“

ANZEIGE

„Sonst könnte es ja jeder andere machen.“ Kretschmann wusste das drei Wahlperioden lang mit  zwei fulminanten Wahlsiegen zu verhindern. Nach den SPD-Genossen folgte zehn Jahre lang die CDU als Juniorpartnerin in der Koalition, es änderte sich vieles, aber nicht der Ministerpräsident. Dank der steilen Lernkurve des Biologielehrers, könnte man behaupten, denn der frisch gebackene Ministerpräsident war fortan der Autoindustrie zu Diensten. So sehr, dass selbst in den Reihen der CDU von „Überkompensation“ gesprochen wurde, berichtet Seitzer. 

Aber für den Ministerpräsidenten war es ein „Strategiedialog“ als Teil seiner „Politik des Gehörtwerdens“. Diese sollte prägend werden für die Ära Kretschmann, der am 18. Februar beim Politischen Aschermittwoch in der voll besetzten Stadthalle in Biberach mit Standing Ovation seinen Abschied feierte. Begleitet von seiner Frau Gerlinde und Joschka Fischer. Der Ex-Sponti und -Außenminister war bereits vor 30 Jahren 1996 zum ersten Aschermittwoch nach Biberach gekommen und gab nun seinem alten Realo-Gefährten Kretschmann und dessen potentiellen Nachfolger Cem Özdemir die Ehre. Der einstige Straßenkämpfer ist alt geworden und pessimistisch. Mit Blick auf die Weltpolitik stellt der Transatlantiker fest: „Meine Fantasie hat nicht ausgereicht“, mir vorzustellen, dass ein amerikanischer Präsident die EU und die Nato zerstören will. Mit Blick in die Nähe auf den bisher einzigen grünen Landeschef lobt Fischer: „Winfried, du hast Unmögliches vollbracht. Wir sind stolz auf dich.“

ANZEIGE

Kretschmann gibt Anfang Februar der ZEIT (6. Februar 2026) ein ausführliches, aber auch müdes Interview. „Ich schlafe oft schlecht und zu wenig.“ Er wirkt ratlos vor dem Hintergrund, dass die Grünen mit der AfD bei den Landtagswahlen laut Umfragen um den zweiten Platz kämpfen.

Frage: „Sie fordern, sich an der Realität zu orientieren: In diesem Jahr können in mehreren Bundesländern vielleicht keine Regierungen mehr gegen die AfD gebildet werden.“

Kretschmann: „(…) Mein Erfolgsrezept war die Politik des Gehörtwerdens, der Bürgerbeteiligung, heute würde man sagen: Selbstwirksamkeit erfahrbar zu machen. Vielleicht gibt es auch so etwas wie den Fluch des Massenwohlstands.“

Kretschmanns hilflose Antwort psychologisch zu dechiffrieren könnte lohnen. Ist es nicht vielmehr der Fluch des grünen Realpolitikers, dessen zentrale Erkenntnis und Handlungsmaxime lautet: Hände weg vom Wohlstand der Bürger! Daraus wird dann, so Kretschmann, der „Fluch des Massenwohlstands“, der den satten Bürger in die Arme der rechtsradikalen Alternativen treibt. Es ist schräg, aber es ist Folge des Wohlstandversprechens, das sich am technischen Fortschritt und Wirtschaftswachstum festmacht und die letzten 80 Jahre auch gut funktionierte. Den technischen Fortschritt gibt es seit Menschengedenken, das massenhafte Wachstum erst seit der industriellen Revolution und dem erblühen des Kapitalismus, der Wachstum auf Teufel komm raus generiert und zwingend benötigt – und nun an die planetaren Grenzen stößt. Die Klimakrise ist der radikale Beweis dafür.

Vielleicht ließe sich das verschmerzen, aber ohne fortwährendes Wachstum ist nicht nur der Kapitalismus am Ende, sondern auch die Demokratie. Denn nur über das wiederkehrende Wahl- und Wohlstandsversprechen: alle kriegen mehr und manche noch mehr, ist das demokratische System stabil. Denn nur wer etwas anzubieten hat, wird gewählt oder andernfalls abgewählt. Und die Profiteure der Misere locken mit Scheinlösungen und Feindbildern. Sie zu wählen entlastet – auch diejenigen, die Angst um ihren Wohlstand haben und sich mit Blick in die Welt und vor der Zukunft fürchten. Und das sind offensichtlich nicht zwei Prozent, sondern im reichen Baden-Württemberg eher 20 Prozent, wenn man die prognostizierten Wähler der AfD als Maß nimmt. Und das trotz 15 Jahre „Politik des Gehörtwerdens“. Das ist bitter!

Was ich als ökosensibler Zeitgenosse ohne Parteibuch von einem grünen Vorkämpfer mit naturwissenschaftlichem Studium und philosophischem Talent erwartet hätte und immer noch erwarte, ist, dass er den so genannten Wohlstand nicht als unantastbar, sondern für definierbar hält. Wohl gemerkt: nicht von oben diktiert, sondern als forderndes Diskussionsangebot. Dass er das Immer-Mehr in Frage stellt. Denn das Unantastbarkeitsgebot ist ein verhängnisvolles Denkverbot.

Was bleibt? Dass ich von Winfried Kretschmann, meinem Landesvater, während der Gaskrise – ja, die gab es mal! – gelernt habe, dass der Waschlappen ein altes und überdies praktisches Kulturgut ist, mit dem man sich manche Dusche und damit Ressourcen- und Energieverbrauch sparen kann. Weniger ist mehr, auch das ist Freiheit, die ich seither genieße. Danke, Kretsche!

Autor: Roland Reck



NEUESTE BLIX-BEITRÄGE

Editorial BLIX März 2026

Liebe Leserinnen, liebe Leser, vor einem Jahr war die Wahl zum Bundestag. Heraus kam die Schwarz-Rote-Koalition mit Kanzler Merz (CDU) an der Spitze. Sie quält sich über die Runden, hat man den Eindruck. Wenngleich sie mit einem Paukenschlag begann.

„Liebe oberschwäbische Landsleute“

Biberach – Jede Menge Prominenz trat beim 30. Politischen Aschermittwoch der Grünen auf die Bühne. Special Guest war Ex-Außenminister Joschka Fischer, der schon 1996 mit seinem Auftritt in der Biberacher Stadthalle Furore machte.

Was bleibt?

Die Grünen mit ihrem Frontmann Winfried Kretschmann sind dabei, die Sensation perfekt zu machen: an Ostern 2011 verhandeln die Ökos mit den Sozis über einen Koalitionsvertrag, der zur ersten Grün-Roten-Landesregierung in Baden-Württemberg führen wird und beendet damit die unendlich scheinende Nachkriegsära der CDU. Heute wissen wir, dass damit die Ära von Winfried Kretschmann und seinen Grünen begann. 15 Jahre und damit länger als jeder seiner Amtsvorgänger regierte der grüne Realo völlig ska…

Wahl im Umbruch

Wenn in Baden‑Württemberg am 8. März ein neuer Landtag gewählt wird, entscheidet sich mehr als nur die politische Richtung der kommenden fünf Jahre. Es ist die erste Wahl nach einer umfassenden Reform des Landeswahlrechts – ein Systemwechsel, der das politische Gefüge im Südwesten spürbar verändern dürfte.

Wald in Frauenhänden

Kreis Biberach – Der Wald ist für viele ein Sehnsuchtsort mit vielen Ansprüchen, das bringt auch Konflikte mit sich. Beispielhaft im Altdorfer Wald, wo ökonomische Interessen mit ökologischem Schutz kollidieren, wo es neben Kiesabbau auch um Windkraft geht, wo es um Wasser- und Klimaschutz geht. BLIX hat schon häufig darüber berichtet, weil Wald ein Gradmesser für das Befinden von Natur und Umwelt und damit existenziell wichtig ist. Frauen sind die Hälfte, nicht so in der Forstwirtschaft, dor…

Drei gegen einen

Ravensburg – Vier Bewerber dürfen offiziell für das Oberbürger­meisteramt in Ravensburg kandidieren. Der Gemeindewahlausschuss hat für die Wahl am Sonntag, 8. März, die Bewerber Daniel Rapp, Roman Urban, Umut Bulut und Samuel Bosch zugelassen. Wahlberechtigt sind am Sonntag, 8. März, rund 39.000 RavensburgerInnen. Gewählt ist, wer mehr als die Hälfte der gültigen abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen kann. Sollte dies keinem Bewerber gelingen, wird am 22. März erneut gewählt. Auf den Stimmz…

Nicht jammern

Aulendorf – Aufbruch statt Resignation war die Haltung  der Teilnehmenden einer „Post-Biosphärenkonferenz“, die auf Einladung des BUND am 7. Februar in Aulendorf stattfand. Der Kreis, rund 30 Personen, bestand aus „einer Koalition der Willigen“ aus dem gescheiterten Biosphärenprozess, erklärten Martin Bachhofer, Landesgeschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, und Maike Hauser, Regionalgeschäftsführerin BUND Bodensee-Oberschwaben, bei der abschließenden Pressekonferenz.

Mit Freude am Schaffen

Riedlingen/Ehingen – Rebecca Harnau erzählt begeistert von ihrer Kindheit auf dem Land, geprägt von Familie und Freunden, vom Heimwerken und der Hobby-Landwirtschaft mit familieneigenem Traktor. 2022 folgte das Abitur am Kreisgymnasium Riedlingen mit sprachlichem Profil, Spanisch – nicht etwa Naturwissenschaft und Technik. Das erstaunt, denn die Riedlingerin wurde im Dezember 2025 zur besten Industriemechanikerin Deutschlands gekürt. Grund genug, die 23-Jährige an ihrem Arbeitsplatz bei Liebh…

„Da ist Leben in der Bude“

Ulm – Das kleine Naturmuseum Ulm und das große Museum Ulm wachsen zusammen. Hochmotivierte Teams wollen noch mehr Menschen jeden Alters Natur erlebbar machen. 

Göttinnen-Dämmerung im Kloster

Bad Schussenried – Aus ihrem reichen Fundus zeigt die Sammlerin Hansi Schmehle-Knöpfler Frauenfiguren und weibliche Darstellungen aus vielen Epochen. Und sie erläutert in der Sonderausstellung, wie Rollenbilder sich geändert haben. 

Musik für alle

Biberach – Unbestritten: Musizieren aktiviert das Gehirn, fördert die Koordination und schafft Gemeinschaft. Dies gilt auch für Menschen mit Behinderung. Für sie ist in Musikgruppen und Vereinen aber meist kein Platz, es bedarf spezieller Angebote. Ganz besonders, wenn sie dem Schulalter entwachsen sind. 

Schneiden und säen im Frühjahr

Der Gehölzschnitt sollte erledigt sein, schon damit brütende Vögel nicht gestört werden. Doch die alte Faustregel gilt noch: Sobald die Forsythien ihre gelben Blüten zeigen, können die Rosen geschnitten werden. Was wiederum nicht so einfach ist. Verlangen doch Beetrosen einen anderen Schnitt als Kletterrosen oder Strauchrosen. Auch Rosensorten, die nur einmal im Jahr blühen, werden anders geschnitten als solche, die mehrmals blühen.

Achtsam sein

Wie oft sind wir wirklich voll und ganz im Moment? Nehmen bewusst wahr, was gerade um uns herum ist, ohne schon in Gedanken bei der nächsten Aufgabe zu sein? Und brauchen wir dafür die Hilfe der Künstlichen Intelligenz?

Kaffeeklatsch mit Künstlicher Intelligenz

Bücher für Senioren wecken gerne sentimentale Erinnerungen an alte Zeiten. Manche ermutigen aber auch, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen.

Riedlingen is(s)t gesund

Riedlingen – In der Donaustadt dreht sich vom 9. bis 15. März alles um die Gesundheit. Unter dem Motto „Riedlingen is(s)t gesund – Gesund leben, lecker genießen!“ steht die Stadt ganz im Zeichen von Ernährung, Bewegung, Achtsamkeit und Gemeinschaft. Die 7. Riedlinger Gesundheitstage bieten ein pralles Programm: Von praktischen Mitmachaktionen über fachliche Vorträge bis hin zu einem verkaufsoffenen Sonntag mit großer Gesundheitsmesse in der Stadthalle. Ein Überblick.

ANZEIGEN

BLIX-NEWSLETTER

VERANSTALTUNGEN

ALLGÄU-OBERSCHWABEN

Vogt – Die Waldbesetzung im Altdorfer Wald besteht seit genau fünf Jahren. Vom 25. Februar bis 2. März finden dort Sk…
Leutkirch / Kißlegg – Eine frohe Meldung kommt von Musiker, Buchautor und Hobbykoch Reinhold Kraft. Die Künstler-Agen…
Ravensburg – Bundeskanzler Friedrich Merz kommt am 6. März nach Ravensburg. Hier die Mitteilung von Seiten der CDU:
Wangen – Am Donnerstag, 26. Februar, ist das Landestheater Schwaben aus Memmingen mit dem Klassiker „Die Odyssee“ zu …
Wangen – Zehn Tage vor der Landtagswahl, am Freitag, 27 Februar, kommt auf Einladung des Allgäuer Landtagsabgeordn…