Kreis Biberach – Der Wald ist für viele ein Sehnsuchtsort mit vielen Ansprüchen, das bringt auch Konflikte mit sich. Beispielhaft im Altdorfer Wald, wo ökonomische Interessen mit ökologischem Schutz kollidieren, wo es neben Kiesabbau auch um Windkraft geht, wo es um Wasser- und Klimaschutz geht. BLIX hat schon häufig darüber berichtet, weil Wald ein Gradmesser für das Befinden von Natur und Umwelt und damit existenziell wichtig ist. Frauen sind die Hälfte, nicht so in der Forstwirtschaft, dort sind sie immer noch eine rare Spezies, insbesondere in Führungspositionen. Aber in Biberach gibt es seit kurzem gleich zwei davon. Frauke Holland (29) ist Leiterin des Städtischen Forstamts und Karin Ott (48) ist Chefin im Kreisforstamt. Frauenpower im Wald. BLIX war zu Besuch.
“Der Wald von morgen”
Frau Ott, was macht Ihnen aktuell mehr Sorgen: der extrem trockene Winter oder der vielerorts nagende Biber?
Von einem extrem trockenen Winter würde ich dieses Jahr nicht sprechen. Wir hatten vielerorts durchaus ordentliche Niederschläge und das hilft den Böden erst einmal. Sorgen macht mir eher das größere Bild: Entscheidend sind die wiederkehrenden Trockenphasen im Frühjahr und Sommer, die Hitzespitzen und die langen Vegetationsperioden – das setzt den Wald dauerhaft unter Stress.
Der Biber ist dagegen ein sehr konkretes, lokales Thema: Wo er Dämme baut und Wasser staut, entstehen Nutzungskonflikte – an Wegen, an Entwässerungsgräben oder an einzelnen Beständen. Gleichzeitig bringt er auch ökologische Effekte mit, etwa mehr Struktur und Feuchtlebensräume. Sorgen macht mir deshalb nicht ‚der Biber an sich‘, sondern die Frage, wie wir Konflikte pragmatisch lösen.
Sie sind Försterin, studierte Forstwirtin, und als Leiterin des Kreisforstamtes in Biberach auch ein Novum. Frauen in der Forstwirtschaft sind nach wie vor eine seltene Spezies, Sie sind die erste Frau in dieser Funktion. Wie fühlen Sie sich in der ‚grünen‘ Männerdomäne?
Zunächst einmal sehr wohl. Die Forstverwaltung ist deutlich vielfältiger, offener und moderner, als ihr Image manchmal vermuten lässt. Natürlich ist sie historisch männlich geprägt, aber Kompetenz, Führungsstärke und Begeisterung für den Wald sind keine Frage des Geschlechts. Ich werde hier nicht als ‚erste Frau‘, sondern als Amtsleiterin wahrgenommen – und das ist richtig so.
Das einzig Beständige ist die Veränderung. Das zeigt sich in der Natur, aber auch in den Aufgaben des Kreisforstamts. Welche sind diese?
Unsere Wälder sind geprägt von sehr unterschiedlichen Standorten. Diese Vielfalt ist Chance und Herausforderung zugleich. Der Klimawandel wirkt sich auch hier deutlich aus – Trockenjahre, Sturmereignisse und der Borkenkäfer haben vor allem in den Fichtenbeständen Spuren hinterlassen. Eine zentrale Aufgabe des Kreisforstamts ist deshalb der konsequente Waldumbau hin zu stabilen, standortgerechten Mischwäldern.
Gleichzeitig bleibt die nachhaltige Nutzung des Rohstoffs Holz ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Holz aus unseren Wäldern ist regional verfügbar, klimafreundlich und wirtschaftlich bedeutsam. Die Herausforderung besteht darin, Nutzung und Stabilisierung der Bestände in Einklang zu bringen, gerade nach Schadereignissen und unter zunehmend unsicheren Rahmenbedingungen.
Eine weitere zentrale Aufgabe ist die Betreuung und Beratung der vielen kommunalen, kirchlichen und privaten Waldbesitzenden im Landkreis. Die Eigentumsstruktur ist kleinteilig, der Beratungsbedarf entsprechend hoch. Hier versteht sich das Kreisforstamt als verlässlicher, fachlich fundierter Ansprechpartner.
Auch der Wald als Erholungsraum gewinnt im Landkreis Biberach an Bedeutung. Gerade in der Nähe von Städten und Gemeinden wird der Wald intensiv genutzt. Unsere Aufgabe ist es, Erholung, Naturschutz und Forstwirtschaft so zu steuern, dass Konflikte minimiert und die vielfältigen Funktionen des Waldes erhalten bleiben.
Nicht zuletzt haben sich die Anforderungen an das Kreisforstamt insgesamt gewandelt. Neben forstfachlicher Kompetenz sind heute Kommunikation, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit unverzichtbar. Der Wald steht im Fokus gesellschaftlicher Debatten vom Klimaschutz über Biodiversität bis hin zur regionalen Wertschöpfung. Unsere Aufgabe ist es, diese Erwartungen einzuordnen und den Wald im Landkreis Biberach verantwortungsvoll und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.
Neben den klassischen Aufgaben der Waldbetreuung und Bewirtschaftung ist die Waldpädagogik ein neues Feld. Was steckt dahinter?
Die Waldpädagogik ist im Waldgesetz verankert, und als Kreisforstamt haben wir einen gesetzlichen Bildungsauftrag. Waldpädagogik bedeutet, den Wald als Lernort erlebbar zu machen. Es geht darum, Zusammenhänge zu erklären: Warum wir Bäume fällen, warum Totholz wichtig ist, warum der Wald nicht immer so ‚aufgeräumt‘ aussieht, wie man es sich vielleicht wünscht? Neben unseren allgemeinen Veranstaltungen arbeiten wir gezielt und langfristig mit Schulen zusammen, unter anderen mit dem Kreisgymnasium Riedlingen und dem Pestalozzi-Gymnasium in Biberach. Unser Ziel ist es, jungen Menschen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch Urteilskraft, denn wer den Wald versteht, entwickelt Wertschätzung, und das ist eine zentrale Voraussetzung für nachhaltiges Handeln.
Als Kreisforstamt sind Sie der Öffentlichkeit verpflichtet, was sich auch in der Waldpädagogik widerspiegelt. Wie hat sich die Wahrnehmung des Waldes und unser Umgang mit der Natur verändert?
Früher stand für viele Menschen der Wald vor allem für Holzproduktion, Jagd oder klassische Erholung. Heute wird er zunehmend als sensitives Ökosystem wahrgenommen, das zentrale Leistungen für Klima-, Wasser- und Artenschutz erbringt. Themen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust oder Extremereignisse haben das Bewusstsein geschärft, dass der Wald kein statisches Gebilde ist, sondern ein dynamisches System, das aktiv gepflegt und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst werden muss.
Gleichzeitig beobachten wir eine stärkere emotionale Bindung der Bevölkerung an den Wald. Der Wunsch nach Naturerlebnis, Ruhe und Ausgleich ist gewachsen – gerade in einer zunehmend urbanisierten und digitalisierten Gesellschaft. Das führt aber auch zu neuen Nutzungskonflikten: zwischen Erholung, Naturschutz und nachhaltiger Bewirtschaftung. Viele Eingriffe, die forstfachlich notwendig sind, etwa Durchforstungen oder der Umbau instabiler Bestände, werden heute kritischer hinterfragt als früher.
Wir als Kreisforstamt wollen Verständnis für langfristige forstliche Entscheidungen schaffen. Wir wollen zeigen, warum nachhaltige Waldwirtschaft aktiver Klimaschutz ist, warum Nutzung und Schutz kein Widerspruch sind und weshalb der Wald von morgen andere Baumarten und Strukturen braucht, als der Wald von gestern.
Frau Ott, wie sehr beeinflusst der Klimawandel Ihre Arbeit? Und können FörsterInnen den Wald retten?
Der Klimawandel beeinflusst unsere Arbeit sehr stark – er ist inzwischen die zentrale Rahmenbedingung. Trockenphasen, Extremwetter, Schadorganismen und verschobene Vegetationszeiten erhöhen die Unsicherheit und machen Entscheidungen risikoorientierter: Welche Bestände sind akut gefährdet? Wo greifen wir ein, wo lassen wir gezielt Ruhe? Welche Baumartenmischungen und Herkünfte sind unter künftigen Bedingungen tragfähig?
In der Praxis heißt das: Wir fördern Mischwälder, Vielfalt in Alter und Aufbau, stabilere Ränder, boden- und wasserschonende Verfahren und nutzen natürliche Verjüngung, wo sie passt. Nach Schadereignissen geht es um standortgerechte, widerstandsfähige Bestandsentwicklung.
Försterinnen und Förster können den Wald nicht ‚retten’. Was wir aber sehr konkret leisten können, ist Anpassung mit adaptivem Waldbau: Wir reagieren früh auf Stresssignale und entwickeln Bestände so, dass sie Risiken besser abpuffern. Mehr Baumarten- und Strukturvielfalt, standortgerechte Mischungen und gezielte Pflege erhöhen die Chance, dass Wälder Ausfälle einzelner Arten verkraften und alle ihre Funktionen weiter erfüllen.
Fakten:
Fläche gesamt: 11.900 ha
Fläche Kommunal: 4.500 ha
Fläche Privatwald: 7.400 ha
Anzahl Reviere: 9
Menge Holzeinschlag/Jahr: 100.000 Festmeter
Beschäftigte: 24
Zielbild Dauerwald
Biberach – Noch ist Winter. Es ist Anfang Februar, Treffpunkt Parkplatz Burrenwald, der Teil des Biberacher Stadtwalds ist, wo wir von Frauke Holland mit freundlichem Lächeln begrüßt werden. Die 29-jährige schlanke Frau ist ein Novum. Sie ist die erste Frau und Amtsleiterin des über 200 Jahre alten städtischen Forstamts, das neben dem kommunalen Wald auch noch den Hospitalwald betreut. Ein Revierbesuch.

Der Waldweg ist streckenweise glatt. Der wenige Schnee ist im Waldschatten festgefahren und festgetreten von den vielen Spaziergängern und Walkern und macht das Gehen zur Rutschpartie. Warum wir gerade hier lang gehen? Wir sind auf dem Weg zum „Zielbild der Dauerwaldbewirtschaftung“, erklärt die Försterin. Und die kurze Strecke bis zu einem kleinen Lehrpfad zeigt die vielfältigen Ansprüche, denen der Wald ausgesetzt ist und die somit auch zu den Aufgaben der heutigen Förster gehört im Unterschied zu deren Vorgängern. Gleich eingangs, nur einen Katzensprung vom Parkplatz entfernt, findet sich ein großer Spiel- und Picknickplatz mit anschließendem Kletterwald, der freilich winters verwaist ist, aber erahnen lässt, dass hier bei sommerlichen Wetter der Bär steppt. Und vom Spaß bis zur Trauer ist der Weg auch nicht weit. Seit einem Jahr bietet sich im „Friedwald“ die Möglichkeit, die Urne des Verstorbenen unter einem Baum zu bestatten. Ein Angebot, das mit 140 Bestattungen im ersten Jahr auf großes Interesse stoße, bestätigt Frauke Holland, die erst seit Mitte letzten Jahres im Biberacher Forstamt das Sagen hat und das zeitgemäße Angebot auch als willkommene Einnahmequelle begrüßt.
Die Wurzeln der jungen Frau finden sich im nahen Ochsenhausen, wo sie auf einem Bauernhof mit reichlich Wald groß geworden ist und schon als Kind Bäume pflanzte, „das war Kinderarbeit“, erzählt sie amüsiert. Die Eltern haben beide Forstwirtschaft studiert, somit war es für die Tochter selbstverständlich, ohne Scheu diesem Beispiel zu folgen. Dass der Wald und die Forstwirtschaft (immer noch) eine Männerdomäne ist, fiel ihr erst an den Universitäten in Freiburg und später auch im bayerischen Freising auf. Was sie aber nicht gestört habe. Ihre Begeisterung für ihren Beruf lässt daran keinen Zweifel zu. Zuletzt arbeitete sie in München im Wirtschaftsministerium mit Blick auf den Englischen Garten. Von dort bewarb sich die begeisterte Oberschwäbin in Biberach und gewann mit dem Schritt von groß (München) nach klein (Biberach) „Gestaltungsfreiraum“, begründet Holland ihre Heimkehr.
Sie bewegt sich dabei auf geschichtsträchtigem Grund, wie vor zehn Jahren die Ausstellung „Der Wald“ im Museum Biberach zeigte. Nicht umsonst nahm sich Museumsleiter Frank Brunecker dieses Themas an. Denn das Städtische Forstamt Biberach ist neben dem in Villingen das einzige kommunale Forstamt in Baden-Württemberg, und dessen Wurzeln reichen weit ins Mittelalter. In der Ausstellung war zu erfahren, dass „der Großteil des Biberacher Waldes ein so genannter Hospitalwald“ ist, der sich im Eigentum der wohltätigen Stiftung „Der Hospital zum Heiligen Geist in Biberach“ befindet, und das schon seit deren Gründung um 1239 herum. Der Biberacher Hospital ist damit die älteste Stiftung in Württemberg und ist heute im Besitz von 1.650 Hektar Wald. Zum Forstamt gehören weitere 670 Hektar Stadtwald sowie Betreuungen von Klein- und Großprivatwald. Zuständig und verantwortlich dafür ist Frauke Holland mit 13 Mitarbeitern darunter drei Revierförster.
Frage: „Frau Holland, was macht Ihnen aktuell mehr Sorgen: der trockene Winter oder der vielerorts nagende Biber?“ Der Nager stehe unter besonderem Schutz, den es zu beachten gelte, lautet die Antwort. Der Umgang mit ihm würde sich aber je nach örtlichen Verhältnissen leichter gestalten, wenn der Gesetzgeber die Tötung von einzelnen Tieren erlaubt. In Bayern sei man dabei „mutiger“ mit „guter Erfahrung“. Aber mit Blick auf die Wetterlage relativiert sich die Sorge um die Schäden durch den Biber, macht Holland deutlich. Schließlich gehe es dabei um ganze Baumgenerationen wie „die Frühjahrspflanzung“, die durch die Trockenheit „in Gefahr“ sei, mahnt die Försterin. Kein Schnee und wenig Regen im Winter habe Auswirkungen auf das ganze Jahr. Als knapp Dreißigjährige sei sie „mit dem Klimawandel groß geworden“. „Wir wissen, es wird schlimm, aber wie schlimm wissen wir nicht“, stellt Holland nüchtern fest, und weiß, dass wir in Oberschwaben bisher „auf einer Insel der Glückseligen leben“. Wichtig sei, „dass die Gesellschaft ihren Teil leistet und die weitere Klimaerwärmung verhindert. Nur so können wir den Wald langfristig sichern“.
Der Wald müsse auch wegen der „Generationengerechtigkeit“ geschützt werden, meint die studierte Forstwirtin, die den Großteil ihres Lebens noch vor sich hat. Wie es gehen könnte, zeigt das „Zielbild“, wohin sie uns führt: Ein Wald in Vielfalt was Baumarten und ihr Alter anbelangt, ein „Dauerwald“, der sich selbst verjüngt und selektiv genutzt wird, ist das Ideal, wie uns eine Infotafel aufklärt. Der aufmerksame Blick rundum reicht nicht weit: die Naturverjüngung ist üppig, darunter auch die von Rehen besonders geschätzte Tanne. Dass das gelingt, dazu gehöre die Jagd, behauptet die Infotafel und auf die Frage, ob sie denn auch jage, meint Frauke Holland: „Als Försterin muss man jagen, es funktioniert nur zusammen.“ Und auf dem rutschigen Rückweg erinnert sich die neue Chefin im Biberacher Wald eines Freiburger Professors, der mit Blick auf das „waldbauliche Zielbild“ erklärte: „Wer streut, rutscht nicht.“ Meint wohl: Vielfalt statt Einfalt! Das könnte auch ein Wahlmotto sein.
Fakten:
Fläche Hospital: ca. 1.650 ha
Fläche Stadtwald: ca. 670 ha
Fläche Privatwald: hoheitliche Betreuung von ca. 500 ha; Bewirtschaftung von ca. 700 ha Großprivatwald
Reviere: 3
Holzeinschlag/Jahr: ca. 26.000 Festmeter
Beschäftigte: 13
Auszubildende: 3
Autor: Roland Reck
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