Der Wahlkampf naht, die Stimmung ist schlecht und die Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Aber nicht erst jetzt, sondern seit Johannes Gutenberg 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, prägen Medien die öffentliche Meinung. Aus der Macht von wenigen Medien ist mit dem Internet die Macht der vielen User geworden. Aber stimmt das? Unser Autor, 20 Jahre jung, Abitur in Riedlingen, studiert in Tübingen Medienwissenschaft und Geschichte und ist der Meinung, die JournalistInnen – wie wir alle – müssten den Mut zur guten Nachricht haben. Ein Versuch oder die „Kunst des Miteinanderredens“.
Die Macht von Medien erleben wir im Alltag bereits im Kleinen – wer schafft es schon, eine Woche lang keine Zeitung, keine Zeitschrift, kein Fernsehen oder gar kein Handy zu benutzen? Doch im Großen können Medien und ihre Konsumenten die Welt verändern und Geschichte, Gegenwart und Zukunft prägen. Die traditionelle Rolle der Journalisten hat sich seit der Verbreitung des Internets und der sozialen Medien stark verändert. Früher waren Journalisten praktisch die einzigen, die Informationen filterten und veröffentlichten. Der Begriff „Gatekeeper“ beschreibt diese traditionelle Funktion, zu entscheiden, welche Informationen die Öffentlichkeit erreichten. Sie konnten entscheiden, wie die Bevölkerung Themen wahrnahm und handelte. Ein historisches Beispiel ist die Einführung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Die Medien, hauptsächlich Zeitungen und Zeitschriften, spielten eine entscheidende Rolle bei der Überwindung der anfänglichen Skepsis und Furcht vor der neuen Technologie. Geschwindigkeiten von rund 30 Stundenkilometern galten zunächst als unnatürlich und gefährlich. Es gab Befürchtungen vor gesundheitlichen Schäden, dem „Verlust von Raum und Zeit“ und moralischem Verfall. Publikationen wie die „Gartenlaube“ trugen dazu bei, die Eisenbahn in den Alltag zu integrieren, indem sie positive Berichte über Vorteile wie Geschwindigkeit und die Förderung von Handel und Wirtschaft veröffentlichten. Sie nutzten Illustrationen und Geschichten, um die Technik zu entmystifizieren und als Symbol für Fortschritt darzustellen. Kaum vorstellbar, wo wir heute stünden, hätte sich die Eisenbahn nicht verbreitet. In totalitären Systemen wie dem nationalsozialistischen Deutschland oder der Sowjetunion wurde die Presse vollständig in den Dienst der Propaganda gestellt. Journalismus diente als Instrument, um Feindbilder aufzubauen, Ideologie zu verbreiten und die Bevölkerung zur Unterstützung des Regimes zu manipulieren. Dies führte zu Massenmobilisierung und einer breiten Akzeptanz von Entscheidungen, die auf Desinformation basierten, etwa die Aussage Hitlers zum Kriegsbeginn 1939: nach polnischen Angriffen werde „seit 5 Uhr 45 … zurückgeschossen!“.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass der Einfluss des Journalismus stark von der Ethik und der Funktion der Medien im jeweiligen System abhängt – ob er zur Aufklärung, zur Schaffung von Vertrauen und Akzeptanz oder zur Manipulation und Mobilisierung dient. In früheren Zeiten galt all das noch sehr viel mehr. Heute können Bürger, Blogger, Medien und andere Akteure dank des Internets Inhalte direkt weitläufig verbreiten. Inhalte können praktisch genauso einfach produziert wie konsumiert werden. Dadurch ist die Exklusivität und damit der Einfluss der traditionellen Medien als Torwächter stark geschwunden. Seit der Verbreitung des Internets und insbesondere der sozialen Medien haben sich die Informationsflüsse grundlegend verändert. Journalisten agieren nun oft als „neue Gatekeeper“ und müssen sich an das neue Informationsumfeld anpassen. Sie haben ihre traditionelle Selektionshoheit über die Nachrichtenagenda verloren, treten aber weiterhin als qualifizierende Instanz für die Verifizierung, Einordnung, Gewichtung und Verbreitung relevanter Inhalte im Informationsüberfluss auf.
Man könnte meinen, aufgrund der Vielfalt und Schnelligkeit an Meinungen sowie Nachrichten hätten größere Medien an Macht eingebüßt, da jede einzelne Information in Windeseile überprüft werden kann. Paradoxerweise führt jedoch die Diversität der Veröffentlichungsmöglichkeiten nicht zwingend zu einer gesteigerten Differenziertheit im öffentlichen Diskurs. Obwohl theoretisch jeder seine eigene Plattform nutzen kann, um als Gegengewicht zu agieren, werden gerade die etablierten, oft öffentlich-rechtlichen oder auflagenstarken Medien weiterhin pauschal als „Mainstream Medien“ beschimpft. Dieses Paradoxon lässt sich dadurch erklären, dass die schiere Fülle an Informationen es den Rezipienten ermöglicht, sich in sogenannten „Bubbles“, Filterblasen beziehungsweise Echokammern, mit Gleichdenkenden zu verschanzen. Sie grenzen sich vom vermeintlichen „Mainstream“ ab, suchen Bestätigung für bereits vorhandene Meinungen. So meiden jene die Konfrontation mit seriösen und faktenbasierten, aber komplexen Berichten, die die eigenen Ansichten infrage stellen könnten – sie möchten gar nicht erst riskieren, an der eigenen Position zu zweifeln.
Die Corona-Pandemie markierte in dieser Hinsicht eine Zäsur in der öffentlichen Auseinandersetzung: Die intensive, teils kontroverse Berichterstattung über Maßnahmen, Impfungen und wissenschaftliche Erkenntnisse führte zu einer weiteren Radikalisierung und Fragmentierung des Diskurses. So wurde die Glaubwürdigkeit etablierter Medien massiv und oft unbegründet in Frage gestellt, was die Kluft zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen vertiefte. Eine weitere zentrale Entwicklung ist, dass die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich ausführlich mit Nachrichten und den Hintergrundthemen auseinanderzusetzen, zweifelsfrei nachgelassen hat. Dies liegt an vermeintlichem Zeitmangel, dem Überangebot an News, daraus resultierender Nachrichtenmüdigkeit („News Fatigue“) oder der abnehmenden Aufmerksamkeitsspanne vor allem bei der jüngeren Bevölkerung – auch wenn manche Umfragen zeigen, dass gerade junge Menschen je nach Thema und Interesse durchaus längere Formate wie Podcasts oder Dokumentationen, teilweise gar wissenschaftlich, suchen. Ungeachtet dieser Nische für tiefgehende Formate gewinnen jedoch blitzlichtartige, plakative Überschriften im breiten Nachrichtenkonsum an Bedeutung – je sensationslüsterer, desto besser. Die Agenda-Setting-Funktion von Medienredaktionen – festzulegen, welche Themen relevant sind – bleibt einerseits eine zentrale Macht der Massenmedien und unterliegt dennoch Veränderungen: Ihre Macht verschiebt sich teilweise von der Agenda (was berichtet wird) hin zum Framing (wie berichtet wird, insbesondere durch die Überschrift). Beiträge von Anfang bis Ende durchzugehen, mit anderen Darstellungen zu vergleichen und die Bereitschaft, eigene Ansichten zu überdenken – all das nimmt ab. Meinungen sind immer festgefahrener, der Diskurs und die Kompromissfindung leiden zunehmend.
Der Begriff „Heizungsverbot“, den die BILD-Zeitung wiederholt bezüglich des Gesetzesentwurfs von Wirtschaftsminister Robert Habeck verwendete, ist in dieser Hinsicht leider ein Meisterwerk: anschaulich, drastisch, dadurch Verunsicherung, Unmut bis sogar Hass schürend, aber nun einmal faktisch falsch. Das Gesetz sah kein sofortiges Verbot bestehender Öl- und Gasheizungen vor und enthielt zahlreiche Übergangsfristen und Ausnahmen. Mit Sicherheit trug diese destruktive Berichterstattung zur politischen Krise, dem Scheitern der Ampel-Regierung und der Wut der Menschen bei. Die damalige Regierung trug natürlich Mitschuld, weil die komplexen rechtlichen Details des Entwurfs nicht klar und frühzeitig an die Bürger kommuniziert wurden. Wenn sich etwa die BILD-Journalisten über die offizielle Gesetzeslage im Klaren waren und dennoch entsprechendes Framing und damit Stimmungsmache betrieben, handelten sie meines Erachtens unverantwortlich. Sie nahmen ihre Verantwortung nicht wahr, die bekanntlich mit großer Macht einhergeht. Folglich lässt sich beobachten, dass sich die Rolle der großen Medien als Gatekeeper zwar abgeschwächt hat – aber ihre Macht ist noch immer groß. Gerade mittels Überschriften, Fotos und auch mittels Kurzvideos im Netz erreicht man die Menschen oft auf subtilere Art und Weise. Und die Algorithmen sorgen für die Penetranz. Radikale Kräfte nutzen dies effektiv, so auch die AfD, die zahlenmäßig erfolgreichste Partei auf TikTok in Deutschland. Drastische, immer wieder repetierte Überschriften, Schlagworte und Bilder treffen den Nerv all jener, die ohnehin bereits das Gefühl haben, in Deutschland funktioniere nichts mehr.
Genau hier muss der Qualitätsjournalismus ansetzen: sachlich, verständlich, deutlich, aber nicht belehrend von oben herab. Journalisten sollten sich ermutigt fühlen, auch über positive Dinge zu berichten. Wann wurde das letzte Mal eine große Überschrift im Stile von „Deutschland erreicht neuen Höchststand beim Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung“ auf der Titelseite gelesen? Gerade in der Boulevardpresse sucht man positive Ereignisse vergeblich, sieht man einmal von der Hochzeit eines Reality-TV-Paares oder dem Kinderglück eines Influencer-Pärchens ab. Wenn diese Medien auch nur ein Stückchen Verantwortungsbewusstsein bewahren wollen, sollten sie positive News aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt unbedingt berücksichtigen. Das erhöht zwar ihre Verkaufszahlen erst einmal nicht, aber es dient der Stimmung im Land und dem Wohlbefinden der Menschen.
Außerdem muss die Debatten- und Diskussionskultur in Deutschland zurückgewonnen werden. Wir müssen wieder lernen, uns gegenseitig zuzuhören und nicht pauschal zu verurteilen. Eine Idee ist die Einführung eines Schulfachs à la „Diskussion und Debatte“. Dies ließe sich kombinieren mit einer Idee von Professor Pörksen: Ein Schulfach, das sich mit den Herausforderungen der digitalen Öffentlichkeit befasst. Für Erwachsene könnte dies in staatlich geförderten Abendkursen oder Online-Konferenzen vermittelt werden. Das Ziel sollte sein, die Welt wieder mit mehr qualitativen und positiven Aussagen zu prägen. Dazu kann jeder und jede beitragen. Informieren Sie sich tiefgreifender über Themen, bilden Sie sich Meinungen, beweisen Sie Zivilcourage gegenüber Personen, die Falschinformationen verbreiten. Jeder kann heute gewissermaßen Journalist sein, andere informieren, erklären, mit anderen debattieren. Nutzen Sie diese Möglichkeit für gute Zwecke. Und vor allem: Hören Sie einander zu, tauschen Sie sich offen aus. Das ist die „Kunst des Miteinanderredens“.
Autor: Benjamin Fuchs
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