Biberach – Jede Menge Prominenz trat beim 30. Politischen Aschermittwoch der Grünen auf die Bühne. Special Guest war Ex-Außenminister Joschka Fischer, der schon 1996 mit seinem Auftritt in der Biberacher Stadthalle Furore machte.
Vor zwei Jahren erlebte die Reporterin am selben Ort den „Uffrur“ der Bauernrandale, die zum Abbruch der Veranstaltung führte, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ein Novum, dessen gerichtliches Nachspiel mit der Verurteilung des letzten Angeklagten erst vor kurzem endete. Auch für die Reporterin war der Ausbruch dieses rechtsgedrillten, frauenfeindlichen Hasses ein Schock. Zwei Jahre später erinnert nichts mehr an den Spuk, es sind die vielen BesucherInnen, die den Eingang „blockieren“ und nicht alle Einlass finden. Die Stadthalle ist mit rund 1100 Gästen proppenvoll.
Draußen fehlen die Transparente, im Saal sind verschiedene Info-Tische aufgebaut. Vom BUND, vom Weltladen, dem Biberacher Friedensbündnis, der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und den Omas for future. Auf einem Büchertisch sind einige Exemplare der vor wenigen Monaten kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag erschienen Biographie „Cem Özdemir – Brücken bauen“ drapiert. Der grüne Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen ist in Begleitung seiner frisch vermählten Ehefrau neben dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und dessen Frau nicht nur anwesend, sondern bestreitet mit seiner Rede auch den Großteil der dreistündigen Veranstaltung. Schließlich ist Wahlkampf.


Den Auftakt der Redner macht der 23-jährige Biberacher Direktkandidat, der Student Berat Gürbüz. Aufgewachsen im 600-Seelen-Dorf Füramoos behauptet er temperamentvoll: „Uns auf dem Land geht’s viel besser, seit die Grünen regieren. Baden Württemberg ist ein geiles Land, und wir sind die stärkste Region in Europa. Aufstieg ist möglich, auch wenn man nicht Max Mustermann heißt.“
Der Kandidat ist im Alter von Fischers Enkelkindern, wie der vierfache Opa feststellt, nachdem er mit wackligen Schritten und Applaus auf die Bühne gekommen ist. Es ist ein spannender Bogen, der sich vom einstigen Sponti und Tu-nicht-gut Joschka Fischer zum braven Berat Gürbüz spannt, der mit Krawatte und dem Bekenntnis, dass ihm die Grüne Jugend „zu links“ ist, gut gelaunt für sich wirbt.
Dem Jungen vom Dorf folgt der „Politpensionär“ aus Berlin, der zu Ehren des scheidenden Ministerpräsidenten und zur Unterstützung dessen nominierten Nachfolgers angereist ist. Der 77-Jährige ehemalige Marathonläufer steigt vorsichtigen Schrittes zum Podium hoch. Fischer ist nur einen Monat älter als Kretschmann, fungierte aber als dessen Chef im hessischen Umweltministerium als Fischer dort der erste grüne Minister und stellvertretende Ministerpräsident war (von Dezember 85 bis Februar 87). Das Lehrjahr als Fischers Büroleiter sei hart gewesen, erinnert sich Kretschmann, aber eine gute Schule für seine eigene politische Laufbahn, die ihn 2011 in die Villa Reitzenstein führte, wo er 15 Jahre, länger als jeder seiner schwarzen Vorgänger, Hausherr blieb.

Nun ist Fischer an die Riss gekommen, um Cem Özdemir zu unterstützen. Es gehe schließlich um „das Erbe Kretschmanns“ und „das gehört uns Grünen“. Dass die CDU darauf Anspruch erhebe sei „Erbschleicherei“, lästert Fischer und hebt Özdemir aufs grüne Schild. „Cem, ich traue es dir zu!“ Dann nimmt sich der Ex-Außenminister die Weltpolitik vor und erklärt, dass er als „Erzpessimist“ von der Wirklichkeit überholt worden sei und warnt: „Wir werden in einer anderen Welt leben. Ich als Politpensionär darf offen sagen, dass auch Baden-Württemberg sich auf eine schwere Zeit einstellen muss.“ Und mit Blick auf die AfD und deren europafeindlichen Politik fordert er, „das Erbe Adenauers“ zu schützen. „Ohne Europa sind wir nichts. Wir müssen gemeinsam auf unsere Abschreckungs- und Verteidigungsbereitschaft setzten.“ Fischers Rede war bei weitem nicht mehr so flüssig und bissig wie in alten Zeiten, aber das Publikum, geschätzt im Schnitt 20 Jahre jünger als das Grünen-Urgestein, spendet stehend Ovationen.
Dem Pessimisten folgt die Optimistin. Strahlend ruft Ricarda Lang „Hallo Biberach“ ins Mikrofon und freut sich, „hier Henne im Korb“ zu sein. Die ehemalige grüne Bundesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd ist Sozialpolitikerin und fordert die Mietpreisbremse in allen Städten. Die 32-Jährige beißt gegen Die Linke, die nur „schöne Opposition“ mache und fordert: „Politik muss auch über Kosten und Zumutungen reden.“ In Berlin könne man von Baden-Württemberg lernen, wie Wirtschaft und Klimaschutz gut zusammen gingen.
Die Moderatorin Anja Reinalter, grüne Bundestagsabgeordnete aus Laupheim, verteilt dem folgenden Redner und ehemaligen Biologielehrer erwartungsgemäß gute Noten. Kretschmann habe keinen einzigen Fehltag beim Politischen Aschermittwoch in Biberach. Der scheidende Regierungschef begrüßt seine „lieben oberschwäbischen Landsleute“ zum letzten Mal beim Politischen Aschermittwoch als Berufspolitiker und kritisiert den Koalitionspartner. Wenn er sich so anhöre, was Hagel im Wahlkampf fordere, habe er den Eindruck, die CDU habe in den letzten Jahren gar nicht mitregiert. „Das machen wir doch alles schon“, ruft Kretschmann. Hagel gebe bestehenden Konzepten lediglich neue Überschriften. Damit könne man Wahlkampf machen, aber keine ernsthafte Regierungspolitik.
Auch Özdemir klagt, nicht so recht zu verstehen, was die CDU eigentlich wolle. Wie etwa Hagels Forderung nach der Abschaffung zweier Verwaltungsebenen. Nie habe Hagel erklärt, welche er genau meine und im Wahlprogramm finde man die Forderung auch nicht. Özdemir lobt das von Kretschmann eingeführte Konnexitätsprinzip, das übergeordnete Ebenen verpflichtet für Kosten aufzukommen, wenn sie den Kommunen neue Aufgaben übertragen. Alles andere sei „Zechprellerei“. Das tue er auch in Berlin kund.
Aber: Özdemir weiß natürlich auch, wie die Umfragen derzeit aussehen. Es ist wahrscheinlich, dass am Ende CDU und GRÜNE wieder gemeinsam regieren müssen. Weitere Attacken spart auch er sich deswegen. Man müsse sich nach dem Wahltag auch weiterhin in die Augen schauen können, sagt Özdemir. Winfried Kretschmann habe die Kultur des Anstandes geprägt. Er zeigt sich mutig: „Wenn ich Minischderpräsident werde, will ich auch in die Hochburgen der AfD gehen. Lasst uns ins Gespräch kommen. Wir haben in der Vergangenheit nicht immer zugehört und die Ängste der Menschen ernst genommen“, gesteht er selbstkritisch mit dem Anspruch, Brücken bauen zu wollen.
Autorin: Andrea Reck
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