Altdorfer Wald – Worum geht’s zehn Jahre nach dem Klimaschutzabkommen in Paris, das die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen soll? Es geht um ein Stück Wald, elf Hektar groß in der Nähe von Wolfegg, im Altdorfer Wald, 8200 Hektar groß, der sich zwischen Waldburg und Aulendorf erstreckt. Es geht um Kies und dessen Abbau und damit um viel „Schotter“. Und es geht um den Schutz dieses Waldes und des Trinkwassers, das er trinkfertig filtert, und das für Samuel Bosch der „Energy Drink“ ist, für seinen Widerstand gegen die drohende Rodung. Dafür lebt der Aktivist seit nunmehr fünf Jahren in Baumhäusern im Wald. Fünf Jahre von 23 Jahren, so alt ist der Jüngling heute. Zu Besuch bei einem Unermüdlichen.
Samuel Bosch ist schon längst kein Unbekannter mehr. Als Gesicht des Baumcamps und damit des Widerstands gegen den Kiesabbau im Altdorfer Wald ist er weithin medienbekannt von BLIX bis ins Kino. Und ein weiterer Dokumentarfilm über die Waldrebellen ist in der Mache. Samuel Bosch ist ihr ungewählter und unmaskierter Sprecher. Das Baumcamp, das aus einem halben Dutzend Hütten besteht und je nach Aktualität und Jahreszeit von nur einer Hand voll bis zu einigen Dutzend Bewohnern bevölkert wird, ist ohne Hierarchien organisiert, aber erwünscht sind „Wissenshierarchien“ zum Teilen. Und davon hat der 23-Jährige, der das Abitur gecancelt hat, um sich ganz und gar dem Naturschutz zu widmen, viel zu bieten. Er weiß viel und kann viel und ist vom lieben Gott und seinen Eltern mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, das ihn offensichtlich auch im Winter bei Null-Grad in seiner ungeheizten und zugigen Baumhütte warm hält.
Es wartet an diesem Morgen kurz vor dem vierten Advent kein Frühstück auf ihn, sondern der Reporter mit Fotograf und Bernhardiner Hündin Pauline. Treffpunkt ist die Küchenhütte, wie es in einer guten Wohngemeinschaft üblich ist. Es führt eine steile Holzleiter zu dem zugestellten Verschlag hoch, ausgestattet mit Fenstern und einem eisernen Küchenherd, der kalt ist. Ein kleines Hinweisschild am Regal mit Gewürzen und Sonstigem macht zweisprachig darauf aufmerksam, dass die Unterkunft nicht mäusesicher ist. Dafür gibt es ein Klavier und auf dem Eßtisch steht Knabberzeug, von dem sich Samuel eine Hand voll nimmt, bevor wir ins Gespräch kommen.

Wir sind unter uns. Samuel erwartet erst zu Weihnachten Übernachtungsgäste und diejenigen, die ohne Schlafsack anreisen, erhalten einen „kommunalen“, erklärt der Waldler. Draußen ist es still. Es herrscht Winterruhe.
Angefangen hat es am 12. Dezember 2020 mit einer Baumbesetzung an der Schussenstraße in Ravensburg aus Protest gegen die lahme Umsetzung des Klimakonsens der Stadt. Die Protestform sorgte für große Aufmerksamkeit. Das war noch zu Zeiten von Fridays for Future. (Man möge sich daran erinnern.) Mit Schwung und unter Anleitung von Samuel zogen die Kids in den Wald bei Grund, um sich für weitere Aktionen im Klettern zu schulen und bauten die erste Plattform. Das war im Februar 2021. Was spontan entstand, wurde zur Initialzündung für das Baumcamp im Altdorfer Wald, das sich schon längst in Google Maps finden lässt. Der Ort des geplanten Kiesabbaus war Grund genug zu bleiben und weiter zu werkeln. Oberschwaben hatte plötzlich ein Protestcamp im Wald wie andernorts im hessischen Hambacher Forst (NRW) zum Beispiel, wo Samuel seine Lehrzeit fürs Klettern und für den Bau von Baumhäusern absolviert hatte. Seitdem heißt die Parole „Alti bleibt!“
Es ist vertrackt. Schaut man von der Küche durchs zersprungene Fenster hangauf, tut sich direkt neben den Baumhäusern eine beträchtliche Lücke im Fichtenbestand auf. Es waren die Borkenkäfer, die im letzten Sommer unter die Rinde der Fichten ihre „Rammelkammern“ gebohrt haben und damit den anfälligen Bäumen den Garaus gemacht haben. Den Rest erledigten die Waldarbeiter. Es scheint fatal, denn um den Schutz der Bäume geht es ja den Aktivisten, aber die Natur spielt ihr eigenes Spiel, doch die Aktivisten nutzen auch dieses: Durch die Kahlfläche kommt Licht in den dusteren Wald, dort hängen nun Solarmodule und gleich daneben die Batterien, die so den Strom für ein bisschen Licht und zum Laden der Akkus liefern. Jetzt im Winter muss damit gehaushaltet werden, denn „es ist nervig, wenn das Licht ausgeht“, stellt Samuel fest, der ansonsten bis auf sein Handy und Laptop auf fast jeden Komfort wie fließendes und warmes Wasser, Heizung, Bad und Toilette verzichtet, und der behauptet, immer so viel Geld zu haben, wie er braucht. Im Wald käme er mit 100 Euro im Monat aus, der gelegentliche Kebab inklusive, wenn er reist braucht er mehr. Es fehle nicht an Unterstützung, von Cash bis Nahrungsspenden, von Altholz bis alte Fahrräder und viel Krempel reicht die Solidarität, die ihn trägt. Es lohnt sich, dem jungen und viel wissenden Waldler zuzuhören.
„Singend den Wald verlassen“

Samuel, wie fühlst du dich nach fünf Jahren im Wald?
Ich fühle mich glücklich und mit der Natur verbunden. Ich kann so leben, wie ich mir mein Leben im Moment vorstelle. Wir kämpfen für eine ernste Sache und haben trotzdem viel Spaß dabei. Dass wir unser Leben fast ohne Konsum führen, mag traurig oder unmöglich klingen, aber wir haben gemerkt, dass die Sachen, die einen glücklich machen, schwer kaufbar sind. Es ist gemeinsame Zeit mit netten ähnlich denkenden Menschen, Herausforderungen und Selbstwirksamkeit. All das haben wir, wenn wir mit selbst ausgetüftelten Baumhäusern in unserer anarchistischen Gemeinschaft auf die Bauwende oder das Klima aufmerksam machen.
Welches Fazit ziehst du nach dieser Zeit?
Wir haben es geschafft viel Aufmerksamkeit und Beachtung auf die Bauwende und die Verkehrswende und insgesamt für mehr Klimagerechtigkeit zu lenken. Wir haben unzählige Menschen wachgerüttelt und ihnen die Augen geöffnet, was vor ihrer Haustür an Umweltzerstörung stattfindet. Wir sind von einer kleinen Gurppe aus Fridays for Future Schüler*innen zu einer vielfältigen gut vernetzten Bewegung in der Comnunity geworden. Das ist etwas sehr Besonderes. Auch habe ich persönlich sehr viel dazu gelernt, vermutlich mehr und vor allem vielseitiger, als ich das in einer Ausbildung oder einem Studium getan hätte: Baumhaus bauen, klettern, Texte schreiben, Solaranlagen bauen, schweißen, Konflikte in Gruppen lösen, Aktivist*innen vor Gericht verteidigen, Bäume pflegen und sich organisieren. Darüber hinaus sind tolle Freundschaften zu Menschen aus aller Welt entstanden.
In fünf Jahren hättest du schon längst eine Ausbildung und auch schon ein Studium abschließen können. Hast du keine Angst um deine Zukunft?
Weniger um meine eigene, viel mehr um die Zukunft von uns allen und unseren Planeten. Ich habe die vergangenen Jahre so viel dazugelernt und einige Talente von mir entdeckt, die ich vielleicht einmal beruflich nutzen möchte. Eine fehlende Ausbildung oder ein noch nicht begonnenes Studium bereiten mir da keine Sorge. Angst macht mir eine Menschheit, darunter vor allem die Länder mit viel Geld, die unsere Lebensgrundlagen zerstören. Eine Ausbildung kann ich jederzeit anfangen, aber eine intakte Umwelt und ein intaktes Klima sind die Grundlagen, die es dazu braucht. Meine innere Stimme sagt mir, dass es genau das Richtige ist, was ich gerade mache. Ich möchte mir nicht irgendwann sagen müssen, ich hätte nicht alles mir mögliche versucht, um unseren Planeten zu retten und unsere Zukunft lebenswerter zu machen. Dieses Bewusstsein treibt mich an, ist mein Kompass und Motor.
Beschreib’ den aktuellen Stand der Dinge?
Mittlerweile laufen die Genehmigungsverfahren für beide Kiesguben im südlichen Altdorfer Wald. Elf Hektar bei Grund und 16 Hektar bei Schlier/Oberankenreute. Für Oberankenreute hat das Genehmigungsverfahren schon die Einwendungsphase durchlaufen. Viele Anwohner:innen haben Einwendungen geschrieben. Selbst die Gemeinde Schlier und der Gemeinderat haben sich in einer Stellungnahme ohne Gegenstimmen gegen die Kieswerkserweiterung auf ihrer Gemarkung ausgesprochen.
Bei Grund, wo unsere Baumbesetzung steht, wurde im Sommer 2025 der Antrag auf Genehmigung gestellt. Das Genehmigungsverfahren läuft seitdem. Der Ausgang ist noch ungewiss. Aus Sorge um den Grundwasserfilter, der durch den Kiesabbau abgebaggert werden würde, klagt die Gemeinde Baienfurt und der Wasserzweckverband Baienfurt/Baindt gegen die neue Kiesgrube.
Wenn der Verwaltungsgerichtshof Mannheim gegen den Kiesabbu entscheidet, können wir fröhlich den Wald verlassen, und das Genehmigungsverfahren wird unbedeutend.
Woher beziehst du deine Energie und die Hoffnung, dass sich dein/euer Einsatz lohnt?
Jedes Zehntel Grad weniger Erderwärmung rettet vermutlich Millionen Menschenleben. Es lohnt sich zu kämpfen.
In den letzten fünf Jahren haben sich die Umstände nicht gebessert, im Gegenteil. Der Altdorfer Wald wird nicht nur vom Kiesabbau bedroht, sondern inzwischen auch von Windrädern in Mitleidenschaft gezogen, deren weiterer Ausbau sicher ist. Wie stehst du dazu?
Windräder sind grundsätzlich etwas, von dem wir mehr brauchen, denn sie sind die Alternative zu Braunkohletagebauten, Atomkraftwerken und der klimaschädlichen Energiegewinnung allgemein. Kiesabbau, Torfabbau und Windräder sind zusammen viel zu viel für den Altdorfer Wald. Ich denke dass 28 Windräder im Südlichen Altdorfer Wald zu viel sind. Aber wenn wir in Oberschwaben weiterhin Energie in diesem Ausmaß verbrauchen möchten, müssen wir sie auch erzeugen. Der Energieverbrauch ist in den letzten Jahren massiv gestiegen. Muss das wirklich so sein? Für mich ist klar, weniger Energie zu verbrauchen, den Energiebedarf zu reduzieren wäre das richtige Ziel. Dann würden wir vielleicht nur eine handvoll Windräder im Altdorfer Wald brauchen.
Dass der Ausbau der Windkraft auch mit unserem eigenen Konsumverhalten zu tun hat, wird meiner Meinung und Beobachtung nach in der Diskussion zu wenig in den Fokus gerückt.
Fühlst du dich in deinem persönlichen Umfeld verstanden und aufgehoben? Wer ist dafür wichtig in deinem Leben?
Ich fühle mich in meinem Umfeld sehr wohl und gut verwurzelt. Meine Eltern, Familie und Freund*innen stehen hinter mir. Ich bin meinen Eltern und Großeltern sehr dankbar, dass ich durch ihre Erziehung diesen Weg eingeschlagen habe und das ohne Druck zu bekommen.Von vielen Bekannten oder zum Beispiel ehemaligen Lehrer*innen bekomme ich oft gesagt, dass sie viel Respekt vor mir und vor unserem Handeln haben. Das freut mich sehr und gibt mir Mut, auf dem richtigen Weg zu sein.
Wie sehen deine Pläne aus? Wie stellst du dir die Zukunft in fünf Jahren vor?
Was ich in Zukunft mache, ist völlig offen, vielleicht trampe ich um die Welt oder wir besetzen ein Haus oder beides. Vielleicht mach ich auch eine Ausbildung, wenn dann würde mich der handwerkliche Bereich am meisten interessieren. Das alles ist im Moment aber Zukunftsmusik. Eines ist für mich aber klar, ich werde nicht aufhören mich gegen Ungerechtigkeiten welcher Art auch immer einzusetzen.
Du hast einen Wunsch fürs neue Jahr frei, welchen?
Dass die Kiesgruben im Alti verhindert werden und wir singend den Wald verlassen können. Und Frieden unter den Menschen.
Termine:
6. Januar, 16 Uhr, Humboldthaus Achberg
Buchvorstellung und Ringaustausch
Raubbau im Altdorfer Wald – Vorstellung des neuen Buches „Sand- und Kiesextraktivismus im Altdorfer Wald – Widerstand für eine Bauwende“
15. Januar, 19 Uhr, Teestube Singen
Raubbau im Altdorfer Wald – Vorstellung des neuen Buches „Sand- und Kiesextraktivismus im Altdorfer Wald – Widerstand für eine Bauwende“
29. Januar, Universität Konstanz
Raubbau im Altdorfer Wald – Vorstellung des neuen Buches „Sand- und Kiesextraktivismus im Altdorfer Wald – Widerstand für eine Bauwende“
22. Februar, 11:30 Uhr, Seenema Bad Waldsee
„Die Klimakrise spitzt sich zu, und im Altdorfer Wald wird Kiesraubbau betrieben“ – Klima Vortrag von Roland Roth + Film und Bericht aus dem Altdorfer Wald
1. März, 14 Uhr
„5 Jahre Waldbesetzung“ Konzert Ronja Künstler
Autor: Roland Reck
Fotos: Andreas Reiner
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