Oberschwaben – Das Biosphärengebiet Oberschwaben ist gescheitert. An einer nahezu perfekten Kampagne, gesteuert von einer Adelsallianz, die ihren Feldherrn auf Schloss Zeil hat.
Der Fürst habe nur zwei kleine Bier getrunken. Das ist dem Wirt im Bad Waldseer „Hasen“ wichtig zu betonen. Keine Siegesrunde, keine Jubelreden. Er erinnert sich deshalb so gut, weil er genau hingeschaut hat. Erich von Waldburg-Zeil, 63, scheut normalerweise die Öffentlichkeit und war noch nie im „Hasen“, aber an diesem Abend des 10. Novembers 2025 musste er raus aus seinem Schloss. Es war der Tag, an dem das Biosphärengebiet (BSG) Oberschwaben beerdigt wurde.
Geschafft hatte es der Waldseer Gemeinderat, dessen CDU- und Freie-Wähler-Mitglieder dagegen stimmten und nun mit dem Fürst, seinem Verwandten Ludwig Erbgraf von Waldburg-Wolfegg-Waldsee sowie dem Bauernchef Franz Schönberger ihren Triumph feierten. Ein Ratsherr, der Kontext um Anonymität bittet, verlässt die Festgesellschaft vorzeitig. Die „Schadenfreude“, sagt er, sei „unerträglich“ gewesen.
Mittendrin dabei ist auch Maximilian Klingele, CDU-Chef am Ort, Konrektor und Wortführer der Gegner. Am Tag der entscheidenden Sitzung hat er Post aus Schloss Wolfegg erhalten. In einer langen Mail, die dringend eines KI-Schreibassistenten bedurft hätte, erklärt Erbgraf Ludwig, 35, was ihm bedeutend erscheint. Zum Beispiel sein Golfplatz Hopfenweiler: Er sei gerade dabei, eine „zweistellige Millionensumme“ zu investieren, berichtet der Unternehmer-Graf, das restriktive BSG senke „natürlich“ diese Bereitschaft.
Und um keine Missverständnisse entstehen zulassen, erklärt er das Umweltprojekt in toto zum „planwirtschaftlichen Hirngespinst“, das er „mit aller Entschlossenheit“ ablehne. Der passionierte Jäger endet, im O-Ton, mit: „Denken Sie daran dass Sie Waldseer diejenigen sind die die heutige Abstimmung für Ihre Kinder und deren Kinder treffen“. Klingele hat den Schuss gehört.
Nur zur Erinnerung: Was der Fürst in spe und CDU-Gemeinderat in Wolfegg als „Hirngespinst“ bezeichnet, könnte ein kleiner Teil des Plans sein, den Planeten bewohnbar zu halten. Er steht im Koalitionsvertrag der grünschwarzen Landesregierung, unterzeichnet am 11. Mai 2021. Danach sollte in den Landkreisen Ravensburg, Biberach und Sigmaringen ein 180.000 Hektar großes Biosphärengebiet ausgewiesen werden, um „Klima und biologische Vielfalt zu schützen und den regionalen Wirtschaftskreislauf zu stärken“.
Die Tinte unter dem Vertrag war kaum trocken, da meldete sich der Zeiler Fürst, der Reichste unter den privaten Großgrundbesitzern in Oberschwaben, zu Wort. In einem geharnischten Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der durchaus ein Ohr für den Adel hat, kündigte Erich von Waldburg-Zeil an, sich „mit aller Entschiedenheit“ gegen das Biosphärengebiet zu stellen. Damit war der Ton gesetzt, jetzt brauchte es nur noch einen unverdächtigen Namen, unter dem das Adelsorchester aufspielen konnte. Der Verein hieß „Allianz für Oberschwaben“.
Und alle Durchlauchten und Erlauchten, die sich bedrängt fühlten, versammelten sich unter seinem Dach: Der Zeiler Fürst, geschätztes Vermögen 650 Millionen Euro, vorneweg. Der Wolfegger Erbgraf bekam das Amt des Vizevorsitzenden, als weitere Alliierte stießen der Herzog von Württemberg (Altshausen), der Fürst von Hohenzollern (Sigmaringen), die Grafen von Königseggwald-Aulendorf und das Fürstenhaus Thurn und Taxis dazu. Zu ihrem Sprecher ernannten sie Michael Fick, den Oberförster auf Schloss Zeil. Den Vorsitz erhielt, der Ausgewogenheit halber, der regionale Landwirtschef Franz Schönberger, ein Ferienhofbetreiber mit Rinderhaltung.
Sollte nun jemand fragen, was der elitären Klasse an der Sache so wichtig ist, muss sich als erstes von dem Bild verabschieden, dass „Schwabens milliardenschwere Blaublüter“ (Der Spiegel) nur hoch zu Ross durch den Forst reiten und Achtzehnender erschießen. Ein Blick auf die Internetseiten der Hofkammern genügt, um zu sehen, was ihnen wirklich wichtig ist – die Pirsch nach dem Profit. Ihnen gehören Hunderttausende Hektar Wald und Land, abgepresst und vererbt, das weiß man. Sie müssen eine „optimale Rendite“ abwerfen, formuliert man ungeniert in Königseggwald. Weniger bekannt sind sie als Betreiber von Immo-Projekten, Hotels, Reha-Kliniken, Spielcasinos, Weingütern, Kiesgruben, Golfplätzen, Bergbahnen, Flugplätzen, Friedwälder, nicht zu vergessen als Verleger von Zeitungen, die ihnen zu Diensten sind. Aber dazu später.
Alle diese Geschäftsfelder sind von reglementierenden Einflüssen soweit wie möglich frei zu halten und exakt hier liegt für sie das Problem: das Biosphärengebiet hält ein paar bereit. Im Moor etwa wären Spielcasinos verboten. Aber darum geht es im Kern nicht. Es geht um das nach wie vor ungebrochene Selbstverständnis des Adels, definieren zu können, was Recht ist und was Unrecht. Zumindest bei seinen Besitztümern.
Gottfried Härle kennt die Verhältnisse aus der Nähe. Seine Brauerei liegt fünf Kilometer entfernt von Schloss Zeil. Er ist eine Berühmtheit in der Region, weil er anders ist als andere. Ein Unternehmer mit roten Socken, Bio-Brauer der ersten Stunde, ein grüner Pazifist, Miterfinder der Menschenkette 1983 von Stuttgart nach Neu-Ulm, Stimmenkönig im schwarzen Leutkirch. Man könnte ihn einen Antipoden des Adels nennen.
Der 71-Jährige ist auch Botschafter für das Biosphärengebiet. Im März 2025 hat er einen Brief an den „Allianz“-Adel geschrieben und zu einem „fairen und konstruktiven“ Meinungsaustausch eingeladen. Geantwortet haben der Zeiler Fürst Erich und der Wolfegger Erbgraf Ludwig. In teils wortidentischen Sätzen teilen sie mit, ihre Positionen würden von der „Allianz“ bereits „klar und fundiert“ vertreten, persönliches Erscheinen sei also nicht nötig. Zur Sicherheit wiederholen sie ihr grundsätzliches Nein und ihre Sorge, dass es Einschränkungen bei der „Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz“, eine „Gewichtsverlagerung“ auf den Natur- und Artenschutz sowie eine „Fehlallokation von Steuermitteln“ geben könnte. Da wird nicht geschwiemelt, da wird Klartext geredet.
Die kühle Absage hat Härle nicht überrascht. Allein seine vielen Jahre im Gemeinderat haben ihn gelehrt, wie die Arroganz des Adels die Demut der Bürgerlichen erwartet. Der Anspruch wird im Dreiklang vorgetragen, sagt er bei unserem Besuch, nach dem Motto: „Wir sind die Herren über unser Land. Da redet uns keiner rein. Wer dagegen verstößt, ist unser Gegner.“
Das haben sich die Bürgermeister und Gemeinderäte hinter die Ohren zu schreiben, die von Seiner Durchlaucht oder Erlaucht etwas wollen. Bauland zum Beispiel, das die Fürsten im Überfluss besitzen, um die Dörfer und Städte herum. In solchen Fällen ist es hilfreich, gegen das Biosphärengebiet zu sein, weiß Härle und teilt den Eindruck, dass der Druck zunimmt und sichtbarer wird.
Die Herrschaften sitzen jetzt in der ersten Reihe. Bei den entscheidenden Ratssitzungen in Waldsee und Wurzach bilden Fürst Erich und Erbgraf Ludwig die Adelsbank, eine Machtdemonstration ohne Zweifel. Wenn man sie so betrachtet, beschleicht einen das Gefühl, sie hätten gerne die Monarchie zurück.

Mit dabei ist auch ein Hofberichterstatter der besonderen Art. Er heißt Marcus Johst, ist 59 und österreichischer Journalist mit Adressen in Wien und Berlin, Herausgeber eines Blogs, den er „Sphärman“ nennt, und angeblich an „ein paar Tausend“ Gemeinderäte verschickt. Er sieht sich selbst als Mann fürs Grobe, genauer gesagt als „PR-Drecksau“, die er nach eigener Einschätzung ist. Nach der Lektüre seiner umfänglichen Beiträge, die ihn immer wieder nach Oberschwaben geführt haben, ist dem Mann nicht zu widersprechen. Moral ist seine Sache nicht, schreiben kann er.
Der „mediale Auftragskiller“ (Eigenwerbung) bezichtigt so ziemlich alle Befürworter der Lüge, angefangen bei der Umweltministerin, über Landräte, Medienmenschen bis zu Bürgermeistern, wobei es ihm besonders Matthias Henne, der OB von Bad Waldsee, angetan hat. Der 43-Jährige hatte sich unter den Rathauschefs am deutlichsten für das Biosphärengebiet ausgesprochen, und fand sich im „Sphärman“ als Dealer in der Maske der örtlichen Narrenzunft wieder. Nicht verschont blieb auch Gottfried Härle, der als „Lügen-Brauer“ im Gewand des Barons von Münchhausen verunglimpft wurde. Er habe seinen Betrieb grüner geschwindelt als er sei, behauptete der Spindoctor und war nicht mehr zu erreichen. Eine Unterlassungsklage von Härle, gerichtet an die Wohnsitze Johsts, kam ungeöffnet zurück.
Den „Sphärman“ zu kriegen, schaffte die „Schwäbische Zeitung“ im Juli 2025. Ihr Verleger ist Fürst Erich. In dessen Monopolblatt für „christliche Kultur und Politik“ durfte Johst erzählen, was in der „Allianz“ gedacht wird und unbedingt zu verhindern war. Er wetterte gegen die „Umverteilung im Sinne des Öko-Sozialismus“, gegen den „ökosozialen Swingerclub“, dem es um die „Herrschaft über die Fläche“ gehe, gegen die „ausufernde Bürokratie“ und eben um „viel, viel Geld“. Eine Nachfrage, von wem er bezahlt wird, wurde in der Chefredaktion, die das Interview führte, nicht gestellt. Er habe beschlossen, es offen zu lassen, sagte der Österreicher, das erzeuge „Aufmerksamkeitsenergie“ und Reichweite.
Jetzt hat das Offene enger gezogene Grenzen. Nach Informationen von Kontext, BLIX und der Stuttgarter Zeitung war der „Sphärman“ am 9. Dezember 2025 Gast auf Schloß Zeil. Um 12.52 Uhr Einfahrt Johst, schwarzer Audi A 8, Kennzeichen RV-WZ …, notiert ein Beobachter. Er habe den Mann auf dem Beifahrersitz eindeutig als Marcus Johst identifiziert. Fürst Erich sei eine Stunde früher in einem schwarzen Mercedes GLS eingetroffen. Das wiederum führt nun zu der Frage, ob hier eine Art Abschlussbesprechung stattfinden sollte, nachdem der „Spuk vorbei“ war, wie der „Sphärman“ das Scheitern des Biosphärengebiets kommentierte.
Rückmeldungen aus dem fürstlichen Haus gibt es dazu, wie stets, nicht. Für die „Allianz“ betont Sprecher Michael Fick, man wolle sich an einer „Nachbetrachtung“ nicht beteiligen, jetzt gelte es den Blick nach vorne zu richten und der Rest stehe in ihrer Pressemitteilung. Sie endet mit dem Satz: „Lassen Sie uns die Gräben zuschütten und gemeinsam auf der Basis von Vernunft arbeiten“. Auf die Frage, ob der „Sphärman“ in den Diensten von Zeil beziehungsweise der „Allianz“ stand, war bis Redaktionsschluss keine Antwort zu erhalten.

Autor: Josef-Otto Freudenreich
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