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Der Historiker Edwin Ernst Weber hat sich intensiv mit dem Bauernkrieg vor 500 Jahren auseinandergesetzt und sieht eine „positive Wahrnehmung“ der Historie „in der Öffentlichkeit“. Foto: privat

Das Jahr des Erinnerns an die Geschehnisse vor 500 Jahren, als die Bauern in Oberschwaben und vielerorts gewaltsam gegen ihre Unterdrückung rebellierten, geht zu Ende. Die Große Landesausstellung 2025 „Uffrur! Utopie und Widerstand im Bauernkrieg 1524/25“ in Bad Schussenried wurde von rund 36.000 Besucherinnen und Besuchern gesehen. BLIX sprach mit dem Historiker und ehemaligen Archivar im Landkreis Sigmaringen Dr. Edwin Ernst Weber über das außergewöhnliche Gedenkjahr. Weber ist vielfacher Autor zum Bauernkrieg und Mitherausgeber des aktuellen Fachbuches über die „Akteure des Bauernkriegs im deutschen Südwesten“.

Herr Weber, das Jahr des Gedenkens an ‚500 Jahre Bauernkrieg‘ geht zu Ende. Es gab eine Vielzahl an Ausstellungen und Veranstaltungen. Was bleibt?

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Der Ertrag des Erinnerungsjahres scheint mit zum einen in einigen neuen Forschungsbefunden etwa zur Rolle der Städte, der Kommunikation zwischen den Aufstandslandschaften, dem engen Zusammenhang von Reformation und Bauernkrieg, zur differenzierten Bewertung des Weingartener Vertrags sowie zu den Gründen des überwiegenden Scheiterns von Verhandlungen und Verträgen im Bauernkrieg zu bestehen. Zum anderen hat sich nach meiner Wahrnehmung die positive Wahrnehmung des Bauernkrieges als einer der wichtigsten Freiheits- und Emanzipationsbewegungen in der regionalen, der deutschen und europäischen Geschichte in der Öffentlichkeit gerade auch in Oberschwaben nochmals verstärkt.

Das Gedenken fokussierte sich auf die Bauern, deren Gegner, der Schwäbische Bund, mit seinen verschiedenen Akteuren aus Adel, Geistlichkeit und den vielen Reichsstädten spielte nur eine Nebenrolle. Wurde das dem Thema und der Historie gerecht?

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Nach meinem Eindruck galt in den Ausstellungen, Theateraufführungen und Vorträgen neben den Bauern stets auch eine große Aufmerksamkeit den Vertretern der Herrenstände und insbesondere den wichtigen politischen und militärischen Akteuren auf obrigkeitlicher Seite wie Truchsess Georg von Waldburg (dem ‚Bauernjörg‘), Graf Felix von Werdenberg als einem ausgeprägten adligen Hardliner, dem Weißenauer Abt Jakob Murer als dem Schöpfer der wichtigsten Bildquelle zum Bauernkrieg oder auch den Bürgermeistern und weiteren Spitzenvertretern zumal der Reichsstädte Memmingen, Ravensburg und Überlingen. Auch die Rolle der vielfach von der Reformation inspirierten Geistlichen wie Christoph Schappeler, des 1527 hingerichteten Johannes Hüglin oder in der Ferne natürlich von Luther, Müntzer und Zwingli wurde vielfach thematisiert.

Mit dem Schmied von Sulmingen begann im Dezember 2024 die Berichterstattung über das Gedenkjahr zum Bauernkrieg in BLIX.

Der Freiheitsbegriff war das zentrale Thema. Zurecht? Und welche Einordnung lässt sich vornehmen? War der Bauernkrieg der Anfang dessen, was wir heute als ‚freiheitlich-demokratische Grundordnung‘ verstehen?

Eine direkte Verbindungs- und Aufstiegslinie vom Bauernkrieg zum Grundgesetz lässt sich natürlich nicht ziehen. Gleichwohl zählt die ‚Revolution des gemeinen Mannes‘ (Peter Blickle) von 1525 mit ihrem aus dem Evangelium abgeleiteten Freiheits- und Gleichheitsverlangen zum Kernbestand des freiheitlichen Erbes unserer Geschichte. Die zündende Botschaft des bekannten 3. der ‚Zwölf Artikel‘ – ‚Weil Christus uns mit seinem kostbaren Blut erlöst hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen, sagt die (Heilige) Schrift, dass wir frei seien und sein wollen‘ – ist, mit dann allerdings naturrechtlicher Begründung, der Kern der 1789 deklarierten Menschen- und Bürgerrechte und von ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ der Französischen Revolution.

Ihr Glaube war der Antrieb der Bauern bei ihrem Verlangen nach Freiheit und Gerechtigkeit, und die Kirche war der Feind. Ein Makel, den die katholische Kirche immer noch trägt? Was kann sie daraus lernen?

Die reformatorische Botschaft von der ‚Freiheit eines Christenmenschen‘ mit der radikalen Infragestellung der römischen Kirche und des geweihten Kleriker- und Mönchstandes mit ihren Privilegien und ihrer Herrschaftsteilhabe verschaffte dem Aufstand von 1525 letztlich die systemsprengende Dynamik und Ideologie. Bei einem Erfolg der Erhebung wäre Oberschwaben zu einer evangelischen Landschaft ohne geistliche Herrschaften und Klöster geworden. Die Haltung des höheren, adlig bestimmten Klerus als Teil der Herrenstände ist ablehnend und feindlich gegenüber der bäuerlichen Bewegung, beim niederen Klerus und zumal den Dorfpfarrern finden sich verschiedentlich Verständnis und Unterstützung. Der Dorfpfarrer von Kreenheinstetten Conrad Mock beispielsweise begleitet die Bauern des Meßkircher Raums als evangelisch inspirierter Feldprediger in den Kampf gegen den Schwäbischen Bund und hat nach der Niederlage Repressionen zu erdulden. Solidarität (‚Nächstenliebe‘) mit den Armen, Benachteiligten und Unterdrückten ist ein urchristliches Gebot, das die Kirche in ihrer 2000-jährigen Geschichte vielfach verdrängt und missachtet hat, und das gleichzeitig immer wieder innerkirchlichen Reformbewegungen, von Franz von Assisi und der spätmittelalterlichen Armuts- und Frömmigkeitsbewegung bis zur christlichen Soziallehre und der Befreiungstheologie, den Anstoß und die Legitimation gegeben hat.

War der Südwesten Deutschlands und damit auch Oberschwaben dank der mutigen Bauern vor 500 Jahren eine Wiege der Demokratie, die wir heute – 500 Jahre später – verteidigen müssen?

Oberschwaben und der deutsche Südwesten insgesamt sind nicht nur das Kerngebiet des Aufstands von 1525, wo mit den ‚Zwölf Artikeln‘ und der ‚Bundesordnung‘ das reichsweit rezipierte Revolutionsprogramm entsteht, sondern sie haben auch eine Jahrhunderte lange Tradition der kommunalen und genossenschaftlichen Autonomie und Selbstverwaltung, der kommunalen und landschaftlichen Teilhabe und der Mitgestaltung der Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnisse und nicht zuletzt des Untertanen-Widerstandes gegen herrschaftliche Ausbeutung, Bedrückung und Entrechtung. Wobei nach 1525 dieser Widerstand ganz überwiegend rechtliche Austragungsformen mit Verhandlungen, Prozessen und Verträgen findet. Die freiheitliche und demokratische Gesellschaftsordnung, die nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus in Deutschland zunächst im Westen entstanden ist und sich nach der friedlichen Revolution von 1989 auf den Osten ausgeweitet hat, muss gerade auch vor dem Hintergrund der Freiheitsbestrebungen der Bauern und des Dritten Standes insgesamt in der Geschichte als kostbares und schützenswertes Gut gerade auch in der Gegenwart mit ihren autoritären Anfechtungen von innen und außen wertgeschätzt und verteidigt werden.

Spielt der Bauernkrieg heute noch eine Rolle im bäuerlichen Selbstverständnis?

Die Bauern beriefen sich bei ihrem Aufbegehren gegen die Streichung der Steuervergünstigung für Agrardiesel und der Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Fahrzeuge 2024 mitunter auf den Bauernaufstand von 1525. Tatsächlich ging es in der ‚Revolution des gemeinen Mannes‘ vor 500 Jahren um Freiheit, Gleichheit und kommunal-bündische Selbstbestimmung und Herrschaftsteilhabe für 90 Prozent der Bevölkerung. 2024 dagegen ging es um den Fortbestand von Vergünstigungen und die – durchaus berechtigte – Kritik an der bürokratischen Überreglementierung und Bevormundung der Bauern in einem dysfunktionalen Agrarsystem bei einem Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung von noch ein bis zwei Prozent.

Was war Ihr Highlight in diesem Gedenkjahr?

Besonders beeindruckt war ich von verschiedenen Theateraufführungen zum Thema und hier namentlich des Projekts des Theaters Lindenhof ‚Wenn nicht heut, wann dann!‘ und des kleinen Kammerspiels ‚Hans im Krieg‘ von Michael Skuppin, der das Geschehen von 1525 auf die Entscheidungssituation in einer Bauernfamilie fokussiert. 

Autor: Roland Reck


Akteure des Bauernkriegs im deutschen Südwesten
600 Seiten, mit 91 meist farbigen Abbildungen 
Jan Thorbecke Verlag, 2025
ISBN 978-3-7995-9607-7
Preis: 68 Euro


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