Skip to main content
Andere Zeiten, andere Sitten

Herzgräber in zwei oberschwäbischen Loretokapellen



Foto: Herbert Eichhorn
In der Loretokapelle bei Wolfegg ist ein Herz bestattet.

Wolfegg / Dürmentingen – In der Zeit um Allerheiligen und Allerseelen rücken traditionell die Verstorbenen stärker ins Blickfeld. Ihre Gräber werden geschmückt, besondere Blumengestecke werden platziert. Häufig wird ein – in der Regel rotes – „Allerseelenlicht“ angezündet. Familien und Freunde besuchen die Gräber, oft im Rahmen einer feierlichen Andacht am Nachmittag von Allerheiligen. Zwar sind diese Gräberbesuche nicht mit den Fiestas vergleichbar, die in Mexiko am „Dia de los Muertes“ (Tag der Toten) üblich sind, aber nach der Andacht bekommt auch bei uns der gut besuchte Friedhof oft etwas von einem munteren großen Klassentreffen.

Separate Bestattung des Herzens

Wenn der Blick zurück in die Geschichte geht, so gab es auch in Oberschwaben und im Allgäu Traditionen, die uns heute seltsam fremd anmuten, so etwa die separate Herzbestattung. Getrennt vom Rest des Körpers bestattete Herzen, das bringt man am ehesten mit den großen europäischen Herrscherhäusern in Verbindung. Aber dass es auch in unserer Region Beispiele für diese für uns heute doch eher etwas befremdliche Sitte gibt, ist kaum bekannt. Dabei kann man in Kapellen in Wolfegg oder in Dürmentingen bei Riedlingen solche Herzgräber finden.

ANZEIGE

Neu renoviertes Apartment in Alicante/Spanien
Mit direktem Meerblick und 100m zum traumhaften Strand im Naturschutzgebiet.
3 mal wö. ab Flugh. Memmingen. Bilder auf Anfrage.
Kü, Bad mit Du., Blk., Poollandschaft.
Tel.: 0160/8971540

Tradition bei Wittelsbachern und Habsburgern

Wer schon einmal in der Gnadenkapelle des Wallfahrtsortes Altötting war, dem sind dort bestimmt neben den zahllosen silbernen Votiven rechts und links der „Schwarzen Madonna“ auch die 14 prachtvollen, ebenfalls silbernen Urnen in den Wandnischen aufgefallen. In ihnen werden die Herzen von verschiedenen Mitgliedern der bayerischen Herrscherfamilie der Wittelsbacher aufbewahrt. Ähnliches findet sich in Wien. Im Herzgrüfterl in der Loretokapelle der dortigen Augustinerkirche ruhen, allerdings in eher schlichten Gefäßen, 54 Habsburger Herzen. Tatsächlich waren es diese beiden katholischen Dynastien, die die Tradition der separaten Herzbestattung am konsequentesten gepflegt haben. Ihr Vorbild wurde dann aber vom Hofadel oder von sympathisierenden Adelshäusern aufgegriffen.

Zunächst ganz praktische Gründe

Schon aus dem Mittelalter gibt es Berichte, dass, vor allem bei Herrschern, die fernab der Heimat gestorben waren, dem Leichnam Eingeweide und Herz entnommen wurden. Das hatte zunächst einen ganz praktischen Grund. Diese Teile des Körpers verwesen einfach am schnellsten. Bald kam aber der Brauch auf, das Herz, das nach damaliger Vorstellung der Sitz der Seele war, an gezielt ausgewählten Orten zu begraben. Oft waren das Kirchen, die dem Verstorbenen besonders wichtig waren. Sein Herz dort zur Ruhe zu betten, galt als Garantie für ewiges Seelenheil.

ANZEIGE

Loreto-Verehrung bei Habsburgern und Waldburgern

Seit Kaiser Ferdinand II. seine Siege im Dreißigjährigen Krieg der Madonna des italienischen Wallfahrtsortes Loreto widmete, gab es eine besondere Nähe der Habsburger zu diesem Gnadenbild. Wie die Habsburger, zu denen enge Beziehungen bestanden, hatten auch die verschiedenen Linien der Waldburger eine große Affinität zum Loreto-Kult. In der Nähe ihrer verschiedenen Residenzen entstanden eine ganze Reihe von Kapellen nach dem Vorbild der Casa Santa in Loreto, dem laut Legende von Engeln aus Nazareth nach Europa übertragenen Haus der Gottesmutter. So gibt es von Waldburgern gestiftete Loretokapellen in Dürmentingen, Kißlegg, Scheer und Wolfegg. Und einzelne Familienmitglieder ließen, wie die Habsburger in Wien, auch ihre Herzen in diesen Kapellen bestatten.

Der Innenraum der Loretokapelle bei Wolfegg

ANZEIGE

Das Herz in der Loretokapelle Wolfegg

Eine ganz typische Loretokapelle ist die bei Wolfegg an der Straße nach Rötenbach. Mit dem Bau der Kapelle hatte Graf Maximilian Franz von Waldburg-Wolfegg 1668 ein Gelübde seines Vaters erfüllt. Die Loretokapellen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg überall in Süddeutschland entstanden, hielten sich in Größe und in den baulichen Details an das fensterlose Vorbild in Loreto. Zu dieser typischen Ausstattung zählt auch die Wiederholung von Freskenmalereien mit Madonnenmotiven, die die Casa Santa in Loreto früher aufwies (verlorengegangen bei einem Brand 1921). Auch in Wolfegg waren die Fresken eine Zeitlang verschwunden. Im 19. Jahrhundert waren sie übermalt worden, wurden in den 1960er-Jahren aber wieder freigelegt.

Ganz typisch: Reste von Wandmalereien wie ursprünglich in Loreto

ANZEIGE

In Wolfegg baute auch die nächste Generation an der Kapelle weiter. Graf Ferdinand Ludwig ließ die Kapelle erweitern. Da die neue Wolfegger Stiftskirche damals noch nicht fertig war, ließ er sich nach seinem Tod 1735 in der Kapelle bestatten. Als sein Leichnam dann 1742 in die herrschaftliche Gruft in der Kirche überführt wurde, blieb sein Herz gemäß seiner Verfügung in der Kapelle. Vor dem Altar bezeichnet eine Bronzetafel im Fußboden die Stelle.

Das Herzgrab im Boden der Wolfegger Kapelle: Hic jacet inclusum cor … (Hier ruht das eingeschlossene Herz …)

ANZEIGE

Das Herz in der Loretokapelle Dürmentingen

Künstlerisch wesentlich anspruchsvoller ist das in die Wand eingelassene Herzgrab für Joseph Wilhelm Eusebius von Waldburg-Friedberg-Scheer, der 1756 starb, in der Loretokapelle in Dürmentingen. Dieser residierte in Scheer an der Donau und hatte dort die Stiftskirche im Barockstil umbauen lassen. Der Künstler, der maßgeblich für die Neugestaltung der Kirche in Scheer verantwortlich gewesen war, schuf auch das Kardiotaph (Herzdenkmal) in der fast 100 Jahre zuvor errichteten Kapelle. Es handelt sich um einen der bedeutendsten Bildhauer des süddeutschen Barocks, nämlich Joseph Anton Feuchtmayer, dessen Hauptwerk die Wallfahrtskirche in Birnau ist.

Das Herzgrab in der Wand der Kapelle in Dürmentingen

Diese frühen Formen der Bestattung mit einem im Boden vergrabenen oder einem in der Wand eingemauerten Herzen, auf das eine mehr oder weniger aufwändige Gedenkplatte aufmerksam macht, wurden erst später von solchen prachtvollen Schaugefäßen wie in Altötting abgelöst.

Nicht nur fernste Vergangenheit

Heute liegt diese für uns eher bizarre Sitte nicht nur im schwäbischen Oberland in fernster Vergangenheit. Lange und bis in unser Jahrhundert durchgehalten haben allerdings die Habsburger. Der in vielerlei Hinsicht rückwärtsgewandte Politiker und Publizist Otto von Habsburg, der Sohn des letzten österreichischen Kaisers, führte die Tradition tatsächlich fort. Als er 2011 starb, wurde er wie viele seiner Vorfahren in der berühmten Wiener Kapuzinergruft beigesetzt. Sein Herz aber fand seinen Platz in der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma.
Text und Bilder: Herbert Eichhorn




NEUESTE BEITRÄGE

Schnell, günstig, klimafreundlich

Mit den Öffis zur Landesgartenschau – Das Angebot von Bus und Bahn

Region – Zur baden-württembergischen Landesgartenschau, die am 26. April in Wangen beginnt, gibt es ein umfangreiches Fahrtenangebot von Bus und Bahn. Sie laden zur schnellen und klimafreundlichen Anreise bis direkt zum Veranstaltungsgelände ein. Kombitickets bieten besonders günstige Preise.
Leserbrief

Damit am Ende möglichst wenig Naturschutz herauskommt

Zur Diskussion um Windkraft Im Dorf Kettenacker (Kreis Sigmaringen) wehrt sich der Verein für Mensch und Natur gegen die Ausweisung einer Vorrangfläche für Windräder mitten in einem der dichtesten Milangebiete Baden-Württembergs durch den Regionalverband Bodensee-Oberschwaben (RVBO, der sich dabei auf den Fachbeitrag Artenschutz des Landesamts für Umwelt (LUBW) stützt. Dieses Beispiel lässt sich gut auf die Windradplanung in Kißlegg und Argenbühl anwenden und zeigt deren  Widersprüche auf….
von Berthold Büchele, Argenbühl-Ratzenried
veröffentlicht am 13. April 2024
Offener Brief

Im Alleingang schaffen wir es nicht

Sehr geehrter Herr Dr. Rülke, in der SWR-Sendung “Zur Sache Baden-Württemberg” am 11. April 2024 zur künftigen Energieversorgung unseres Landes hatten Sie als Fraktionsvorsitzender der FDP im Landtag von Baden-Württemberg keinen leichten Stand, eingerahmt von der sprachgewandten grünen Ministerin Thekla Walker und der wortstarken Fridays-Aktivistin Greta Waltenberg. Denn es ist kaum möglich, in einer vom Glauben geprägten Gemeinschaft den Blick auf die reale Welt und auf das Machbare zu richt…
von Wolfgang Hübner
veröffentlicht am 12. April 2024
Wiederholung aufgrund des großen Interesses

Am Dienstag Vortrag “Wurzach im Jahr 1945”

Bad Wurzach – Aufgrund des starken Interesses lädt die Katholische Erwachsenenbildung am Dienstag, 16. April, um 19.30 Uhr zu einem Wiederholungsvortrag ins Pius-Scheel-Haus ein. Referentin des Abends ist erneut Gisela Rothenhäusler, die mit Unterstützung vieler Bilder den Bogen spannen wird von der Zeit vor dem Zusammenbruch bis zu den ersten Bemühungen um einen Neuanfang in der Nachkriegszeit.
Polizeibericht

Polizeipräsidium Ravensburg stellt Kriminalstatistik 2023 vor

Landkreis Ravensburg-Sigmarringen-Bodenseekreis – +++ Gesamtzahl der Straftaten entgegen des Landestrends leicht rückläufig +++ Kriminalitätsniveau deutlich niedriger als in Land und Bund +++ Zwei Drittel aller Straftaten werden aufgeklärt – Aufklärungsquote deutlich über dem Landesschnitt +++ Betrug rückläufig, Raub- und Diebstahlsdelikte angestiegen +++ Einbruchskriminalität nach wie vor auf niedrigem Niveau +++ Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auf Allzeithoch +++ Erneut mehr…

MEISTGELESEN

BauGrund Süd

Einer der besten Arbeitgeber in Baden-Württemberg

Bad Wurzach – Zum zweiten Mal erhielt BauGrund Süd die Auszeichnung als einer der besten Arbeitgeber Baden-Württembergs beim Great Place to Work® Wettbewerb. 157 Unternehmen aus Baden-Württemberg hatten dieses Jahr an dem Wettbewerb teilgenommen, 30 davon erhielten die Auszeichnung. „Vor diesem Hintergrund erfüllt uns das Ergebnis mit besonderem Stolz“, freut sich Geschäftsführer Alois Jäger.
Furchtbarer Pferdeunfall

Neunjähriger Bub zu Tode geschleift

Rohr – Bei einem tragischen Unfall ist am Sonntag (7.4.) gegen 16.45 Uhr ein neunjähriger Bub ums Leben gekommen. Der Bub führte ein Pferd an einem Seil, das um seinen Bauch gebundenen war, und ging so mit dem Tier verbunden zu Fuß nebenher. Aus noch ungeklärter Ursache scheute das Tier in einem Flurstück im Bereich Seeblickstraße in Rohr, ging durch und schleifte den Neunjährigen mehrere hundert Meter mit. Der Junge erlitt unter anderem schwere Kopfverletzungen, denen er trotz Reanimation d…
Heimatverein “Wurzen”

Das historische Torfbähnle fährt wieder ins Wurzacher Ried

Bad Wurzach – Die “Bähnlesbauer” des Heimatvereins “Wurzen” fahren mit dem historischen “Torfbähnle” entlang des Riedkanals und des Stuttgarter Sees mit herrlichem Blick in die Riedlandschaft. Der Kultur- und Heimatpflegeverein “Wurzen” bietet von April bis Oktober jeden zweiten Sonntag und vierten Samstag im Monat öffentliche Fahrten an. An diesen Tagen ist auch das Oberschwäbische Torfmuseum von 13.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.
Am 13. April

Bus aus Aulendorf fährt nach München zum „Marsch für das Leben“

Aulendorf (rei) – Am 13. April kommen Christen auf dem Königsplatz in München zusammen, um beim „Marsch für das Leben“ für das Lebensrecht aller Menschen, auch der gezeugten und noch nicht geborenen Menschen, einzutreten. Aus Oberschwaben fahren Busse ab Aulendorf und ab Ochsenhausen nach München.
Einspruch

Viele Argumente gegen Windkraft am Ried

Die Bürgerinitiative “Wurzacher Becken” e. V. hat fristgerecht beim Regionalverband Bodensee-Oberschwaben (RVBO) gegen drei im Umfeld des Wurzacher Riedes geplante Vorranggebiete für Windenergie Einspruch erhoben. Dr. Stefan Hövel, der Vorsitzende der BI, hat der Bildschirmzeitung den Einspruch mit der Bitte um Veröffentlichung zugeleitet. Wir veröffentlichen den Text ungekürzt (die Zwischentitel stammen von der Redaktion der Bildschirmzeitung).
von Dr. Stefan Hövel, BI Wurzacher Becken
veröffentlicht am 9. April 2024

TOP-THEMEN

Zur Diskussion um Windkraft Im Dorf Kettenacker (Kreis Sigmaringen) wehrt sich der Verein für Mensch und Natur geg…
Sehr geehrter Herr Dr. Rülke, in der SWR-Sendung “Zur Sache Baden-Württemberg” am 11. April 2024 zur künftigen Energi…
Die Bürgerinitiative “Wurzacher Becken” e. V. hat fristgerecht beim Regionalverband Bodensee-Oberschwaben (RVBO) gege…

VERANSTALTUNGEN

ANZEIGE
Cookie Consent mit Real Cookie Banner