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Wirtschaftsprofessor Christian Kreiß in Weingarten über die Lage in Deutschland

Die Schere geht auf



Foto: Julian Aicher
Die „Wirtschaft menschlicher gestalten” möchte das “Bündnis autonome Wirtschaft” in der Region zwischen Donau (Deutschland) und Alpen-Rhein (Vorarlberg). Eines seiner Angebote: der Vortrag von Volkswirtschaftsprofessor Christian Kreiß am 18. April im Best Western in Weingarten. Das Foto zeigt von links nach rechts: Veranstalterin und Moderatorin Daniela Nowotny, Christian Kreiß und den Bad Saulgauer Maschinenbau-Unternehmer Jürgen Knoll.

Weingarten – 1. Mai. „Tag der Arbeit“. Viele Kundgebungen der Gewerkschaften in Deutschland. Auch einige im schwäbischen Oberland. Am 9. April hatte die IG Metall bei Pfleiderer in Leutkirch zum Warnstreik aufgerufen. Umso bemerkenswerter, was der Aalener Volkswirtschaftler – und ehemalige Investmentbanker – Professor Christian Kreiß bei einem Vortrag am 18. April in Weingarten zur Wirtschaftslage in Deutschland und der Welt gesagt hatte. Und dabei auch zur sozialen Situation. Eingeladen worden war Kreiß vom regionalen „Bündnis autonome Wirtschaft”. 

Immer größere Unterschiede. Eine wachsende Schere zwischen arm und reich. „Ungleichgewichte, die sich da aufbauen“, erkannte der Wirtschaftsprofessor (* 1962) in klaren Zahlen: „Ein Prozent der Erdbevölkerung gehören ungefähr 50 %.” Umgekehrt betrachtet: 53 % der Weltbevölkerung besitzen 1% der wirtschaftlichen Werte auf dem Blauen Planeten. Diese Schere gehe seit etwa 50 Jahren immer weiter auseinander. Immer schneller. 

Dazu komme: Ein wachsender Schuldenberg werde aufgehäuft, in dem „ständig die Arbeitenden an die Nicht-Arbeitenden zahlen“. Also an reiche Geldbesitzerinnen und –besitzer. Sie vergeben Kredite – und kassieren dann Zins und Tilgung. Das bedeute: „Die Gewinne sind in den USA so hoch wie nie.”  Und das bringe es mit sich, „dass viel Geld von vielen zu wenigen fließt.” Wirtschaftsprofessor Kreiß im Staufersaal des Best Western Hotels  Weingarten über die, die an diesem System reicher werden: „Wir sprechen hier von leistungslosem Einkommen.” Ergebnis: „Die größte Vermögenskonzentration der US-Geschichte.” 

„So viele Schnitzel können die gar nicht essen” 

„Die Situation ist ziemlich gefährlich”, erläutert der Aalener Wissenschaftler. Er hat inzwischen acht Bücher veröffentlicht und war mehrmals als Fachmann in den Bundestag eingeladen worden. Besorgniserregend bezeichnet Kreiß die Entwicklung in den USA – aber auch in Deutschland. So gingen 27,5 % der Mieteinnahmen des Wohnungskonzerns Vonovia an Aktionärinnen und Aktionäre. Und die Geschwister Quandt kämen pro Tag auf 1,8 Millionen Euro großteils aus ihren BMW-Aktien. 1,8 Millionen – pro Tag. Kreiß: „So viele Schnitzel können die gar nicht essen.” 

Kehrseite der Medaille: Für die unteren Einkommensgruppen im Land habe es seit 20 Jahren kein wirkliches Einkommens-Wachstum mehr gegeben. So Professor Christian Kreiß gegenüber der Journalistin Milena Preradovic.  Gefährlich an diesem Geld-System: die Gesamt-Schulden, „die konnten nicht getilgt werden”. Also haben „die Notenbanken den Geldhahn aufgedreht”. Spätestens seit der Finanzkrise”2008. In den USA verzehnfachte sich so die Geldmenge. In der Europäischen Union EU verachtfachte sie die EZB. Daraus folgte die jetzige Inflation. Andererseits: Immer schnellere und größere Warenherstellung – und immer weniger Leute, die das alles kaufen können. Überproduktion. 

„Ein Schuldenschnitt wäre genial”, erläuterte Wissenschaftler Christian Kreiß jetzt in Weingarten. Diesen begrüße auch die Weltbank. Aber die super-reichen Kreditgeber seien dagegen. Darunter viele Fonds. Ein weiterer denkbarer Lösungsschritt: ein großer Krieg. Die jetzigen Kriege seien dafür „zu klein”. Dagegen habe sich die Arbeitslosigkeit in den USA mit Beginn des II. Weltkriegs ab 1. September 1939 erkennbar stark gemindert. Der II. Weltkrieg sei dann als Wirtschafts-Retter der USA gekommen. Kreiß betont, die Welt befinde sich heute in einer ähnlichen (Wirtschafts-)Lage wie kurz vor Beginn des I. Weltkriegs (1914 – 1918). 

“Die Wirtschaft menschlicher gestalten” 

Lob zollte der Wirtschaftwissenschaftler und erfahrene Banker dagegen für kleine und mittlere Unternehmen. Und so hatte ihn das “Bündnis für autonome Wirtschaft” auch zum Vortrag nach Weingarten eingeladen. Also rund 200 mittelständische Unternehmer, Kleinunternehmer, Einzelunternehmer und Verbraucher. „Die Mitarbeiterzahlen unserer Betriebe reichen von 1 bis über 1000 in der Gegend zwischen Donau und Alpen-Rhein.” Der Saulgauer Maschinenbauer Jürgen Knoll freute sich deshalb auch, dass Christian Kreiß in Weingarten die Wirtschaftslage in Deutschland so klar schilderte. 

Zusammen mit Moderatorin und Veranstalterin Daniela Nowotny aus Wangen stellte Knoll das “Bündnis für autonome Wirtschaft” als einen neueren Zusammenschluss vor, der „die Wirtschaft menschlicher gestalten” möchte. Ein Bündnis, dessen Mitglieder und Interessierte sich bisher fünfmal trafen. Eine Vereinigung, die anstrebt, die Einkommen ihrer Mitglieder aus eigener Arbeit zu erwirtschaften. Ein Bündnis zum “Tag der Arbeit”. 
Julian Aicher 



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