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Erwin Egger arbeitet seit 60 Jahren im Ravensburger Krankenhaus

Die gute und treueste Seele des St. Elisabethen-Klinikums



Foto: Jürgen Schattmann (OSK)
Swen Wendt (links, Pflegedirektor der OSK, und Matthias Schäfer, Leitung Pflege- und Prozessmanagement (rechts) flankieren ihren Erwin Egger.

Ravensburg – Als Erwin Egger am 4. Dezember 1964 mit zarten 13 Jahren sein Vorstellungsgespräch im Krankenhaus St. Elisabeth führt, ist die Welt auf den Hängen über der Ravensburger Gartenstraße noch eine andere: erdiger, natürlicher, vor allem grüner. Inmitten von Wiesen und Feldern thront das Krankenhaus über der Stadt und erinnert mit seiner Kapelle und dem Glockenturm, den die Eigentümerinnen, die Franziskanerinnen von Reute, zum Gebet errichten ließen, wie eine Melange aus Kirche, Sanatorium und Zauberschlösschen.

Das EK im Jahr 1965, als Erwin Egger mit seiner Arbeit im Krankenhaus begann. Archivbild: OSK

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Die Telefonzentrale des EK im Jahre 1965. Die Klinikträgerschaft lag damals beim Kloster Reute. Selbstverständlich arbeiteten nicht wenige Franziskanerinnen von Reute mit, in unterschiedlichsten Verwendungen – vom OP-Saal bis eben zur Telefonzentrale. Archivbild: OSK

Das EK der Sechziger-Jahre war nicht die hochmoderne, in Glas gefasste High-Tech-Klinik von heute, es hatte seine eigene Ästhetik. Es war ein Schmuckkästchen mit viel Charme und Eigenleben – auch dank der umtriebigen, streng disziplinierten Ordensschwestern, die das Krankenhaus wie ein nachhaltiges Unternehmen führten und Wert auf Selbstversorgung legten. Erwin Egger erinnert sich noch genau an die Apfel- und Zwetschgenbäume, deren Früchte im Spätsommer geerntet wurden und zügig auf den 200 Meter entfernten Tellern der Patienten landeten. An die eigene Bäckerei. An das Schwimm- und Bewegungsbad, in dem die Patienten bei ihren wochenlangen Aufenthalten entspannen und ihre Muskulatur langsam wieder aufbauen konnten. Und an die Telefonzentrale am Empfang, die mit ihren vielen bunten Knöpfchen aussah wie das Raumschiff Enterprise.

„Erwin, tu die Pferde rein!“

Vor allem aber erinnert sich Egger an die eigenen Stallungen, die Landwirtschaft mit Kühen, Schweinen, Pferden und Hühnern, die die Schwestern an einen Verwalter verpachtet hatten. Tagsüber grasten die Pferde gemächlich auf dem Feld, bis der Rettungshubschrauber im Anflug war. Dann herrschte Aufruhr: „Kurz bevor er landete, klingelte immer das Telefon. Erwin, Erwin, rief die Schwester, tu die Pferde rein, sonst drehen sie wieder durch und werden scheu. Da war klar, dass es gleich wieder laut wird“, erinnert sich Erwin Egger lächelnd. 

Vier Jahre verbrachte er auf dem Hof, der 1974 weichen musste und an dessen Stelle heute die Sinova-Klinik steht. Mistete den Stall aus, fütterte und versorgte die Tiere, molk die 18 Milchkühe, fuhr mit dem Traktor über die Felder, öhmdete das Heu und holte es ein, erntete Äpfel, Zwetschgen und Futterrüben und las Kartoffeln auf. Nero, der hofeigene Schäferhund, der gerne vor dem Klinikeingang döste, war ihm dabei ein treuer Begleiter. Parallel arbeitete Erwin Egger in der Krankenhaus-Gärtnerei, die sich dort befand, wo heute das Labor Dr. Gärtner steht. Sein Chef, der Verwalter Arthur Miller, sei ein toller Mann gewesen, und die Arbeit im Freien habe ihm gutgetan, sagt Erwin Egger. „Das Schönste in meinen 60 Dienstjahren aber ist das, was ich jetzt mache: Patienten transportieren und mit ihnen zu reden.“

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75 ist er, 60 Jahre davon im Dienst des EK

Wer glaubt, die Zahl sei ein Tippfehler, der irrt. Erwin Egger, der Ende Januar 75 Jahre alt wurde, ist vor kurzem tatsächlich für 60 Dienstjahre an der Oberschwabenklinik geehrt worden. Der Pflegehelfer führt das interne OSK-Ranking damit uneinholbar an, mehr als zehn Jahre hat er Vorsprung vor dem nächsten Mitarbeiter. Wer Zeitzeugen für den Wandel des St. Elisabethen-Klinikums sucht, das in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiert, kommt an Erwin Egger nicht vorbei. Der Mann war knapp die Hälfte der Zeit selbst mit dabei.

Am Anfang: der Helfer des Hausmeistes

Am 21. April 1965 beginnt der gebürtige Weingartener, der zuvor die ebenfalls von Ordensschwestern geführte Schule Heudorf am Bussen in der Nähe von Dürmentingen besucht hatte, seine Arbeit im Krankenhaus – zunächst als Helfer des Hausmeisters. Er lädt Holz und Kohlen im Lager ab, die für die Back- und Hauptküche gebraucht werden, und hilft bei der beschwerlichen Überführung der verstorbenen Patienten in die Kapelle. Eggers Mutter arbeitet bereits seit Jahren im EK in der Hauswirtschaft, sie hatte sich für ihn eingesetzt, ebenso die Ordensschwestern, die sich für den tief gläubigen Jungen stark machen. Erwin Egger gibt viel zurück.

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Die Sache mit dem Weihrauch

Bei jeder Messe, egal ob morgens um 6.00 Uhr oder abends um 18.00 Uhr, in allen vier Kapellen, die es in den 60 Jahren gibt, assistiert er als Ministrant. Noch heute übernimmt Erwin Egger die Mesnerdienste bei den Gottesdiensten, nur den typisch katholischen Duft von einst vermisst er. „Seit es Feuermelder gibt, ist Weihrauch leider verboten“, sagt er und lächelt.

Porzellanschüsseln mit Wasserkrügen und eine strenge Hierarchie

Wem Erwin Egger Einblick in seine Memoiren gewährt – nicht nur den eigenen Lebenslauf, auch die baulichen und medizinischen Entwicklungen hat er in einer persönlichen Chronik detailliert festgehalten –, der begreift erst, wie revolutionär der technische Fortschritt in einem Menschenleben sein kann. „Als ich hier anfing, hatten die Krankenbetten keine Räder, konnten also nicht geschoben werden. Die Schwestern und Pfleger mussten die Kranken fast immer zu dritt auf eine fahrbare Liege umbetten, wenn sie zum OP, zum Röntgen oder zu anderen Untersuchungen mussten. Das war mühselig und umständlich, aber so war es eben damals. Man kannte es ja nicht anders“, erzählt Erwin Egger. Es habe bereits Ein- oder Zweibettzimmer für Privatpatienten gegeben, „aber es gab auch einige große Krankensäle mit acht bis zehn Patienten, ohne Badezimmer. Die Gemeinschaftstoiletten und -Bäder lagen abgetrennt auf der Station. Für Patienten, die am Bett gewaschen werden mussten, benutzte man Porzellanschüsseln mit Wasserkrügen.“ Auch die Klinik-Hierarchie war damals noch in Stein gemeißelt: Ärzte und Pflegekräfte aßen in separaten Speisesälen. 

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Kartoffeln schälen und Akten einsortieren

Als der Hof 1974 aufgelöst wird, wechselt Erwin Egger in die Hauswirtschaft. Er wird dort zum Mann für alle Fälle, Zwischen- und Notfälle und für die kleinen, unspektakulären Dienste, die oft übersehen werden, weil sie nicht glänzen, ohne die der Klinikalltag aber nicht funktionieren würde. Im Hol- und Bringdienst übernimmt er die Wäscheversorgung und -verteilung, ist sich aber auch nicht zu schade, im Keller Kartoffeln zu waschen und zu schälen. Im neuen Bettenhaus sortiert er die Krankenakten für die Fachabteilungen ein, auch beim Umzug der Kinderabteilung ins benachbarte Kinderkrankenhaus St. Nikolaus ist er der Helfer Nr. 1. Dank Erwin Egger findet jede Akte, jeder Stuhl, jedes Regal seinen neuen Platz.

Ersatz für die Zivis

Als 1984 der Zivildienst reformiert wird, ist er ebenfalls zur Stelle: Erwin Egger springt immer dann ein, wenn Not am Mann ist, wenn Zivis plötzlich krank ausfallen. Er übernimmt Patiententransporte zur Bestrahlung und Kindertransporte, fährt Infusionen aus und verteilt das Patientenessen. „Mit den Patienten zu reden, Menschen zu begegnen und ihre Dankbarkeit zu spüren, das hat mir immer Spaß gemacht.“ 1986 absolviert er die Fortbildung zum Pflegehelfer beim DRK, fortan kümmert er sich auf allen Stationen um die Essensausgabe und die Wäsche und trägt Cremes oder Salben auf. Als das EK 1996 Teil des Klinikverbunds Oberschwabenklinik wird, ist Erwin Egger ein Teil davon, auch 2001, als sich die Kirche als Träger zurückzieht, bleibt er an Bord. Und er ist noch da, als 2009 der große Umbau beginnt, an dessen Ende eine Klinik steht, die architektonisch zu den schönsten in Deutschland zählen dürfte. 

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Wenn ein Patient im EK stirbt …

Als 2014 die Wäscheversorgung ausgelagert wird, ist Erwin Egger 63, in Rente gehen aber möchte er noch nicht. Er wechselt in Teilzeit und findet neben dem Patiententransport eine Aufgabe, die nicht jeder ausfüllen kann: Immer, wenn ein Patient im EK stirbt und sich die Angehörigen im Raum der Stille von ihm verabschieden möchten, übernimmt Erwin Egger die Aufbahrung. Er hat das Feingefühl. Auch an Tagen, an denen er eigentlich frei hat, ist er auf Abruf da. Der Raum solle den Menschen ein Gefühl von Würde, Wärme und Geborgenheit geben, sagt er. Und: „Ich gebe den Menschen alle Zeit, die sie brauchen, um sich zu verabschieden. Für viele ist das der schwerste Moment in ihrem Leben.“

Erwin Egger im Raum der Stille, in dem Angehörige sich von verstorbenen Patienten verabschieden können. Foto: Jürgen Schattmann (OSK)

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„Das Krankenhaus ist meine Familie“

Seine Wegbegleiter sagen, Erwin Egger sei die gute Seele des St. Elisabethen-Klinikums. Die treueste Seele ist er auch. Nur einmal verlässt er für wenige Monate die Klinik. Ende 1996 zieht er nach Neuss, zu einer katholischen Laienbrüderschaft, die psychisch Kranke versorgt. In einer katholischen Zeitung hatte er über die Kongregation gelesen, der Text hatte ihn inspiriert. Es ist ein kurzes Gastspiel. „Einer der Brüder, der Novizenmeister, glaubte, er müsste böse zu mir sein. Er machte mir das Leben schwer. Ich war dankbar, dass ich wieder zurück nach Ravensburg konnte. Hier ist meine Heimat, das Krankenhaus ist wie meine Familie.“

„Möchte keinen Tag missen“

Noch einige Jahre will Erwin Egger im EK bleiben, so lange sein Körper es mitmacht. Er hat kaum einen Fitnesskurs für die Mitarbeiter ausgelassen und ist noch immer kerngesund. „Es gibt immer Tage mit Höhen und Tiefen“, sagt Erwin Egger. „Aber wenn man in all den Jahren so viele Krankheiten gesehen hat wie ich, so viele Menschen in Not, dann ist man froh, wenn man selbst gesund ist und noch arbeiten kann. Ich möchte hier keinen Tag missen.“

Stimmen zu Erwin Egger

Swen Wendt (Pflegedirektor der OSK): „Erwin Egger schreibt voraussichtlich gerade einen Rekord für die Ewigkeit, was die Zugehörigkeit zum St. Elisabethen-Klinikum betrifft. Er ist hochloyal, ein Kämpfer und ordnet alles seiner Aufgabe in der Oberschwabenklinik unter. Ich habe großen Respekt vor seiner Lebensleistung. Herzlichen Glückwunsch!“

Doris Kraus (lange Jahre Leiterin Empfang)
Was mir zu Erwin Egger einfällt?
1. Erwin Egger hat ein geniales Namensgedächtnis. Er kannte früher jeden Mitarbeiter und Zivi mit Namen, auch Jahre, nachdem sie ausgeschieden waren.
2. Er macht sehr würdevolle Aufbahrungen unserer verstorbenen Patienten für die Angehörigen – und das zu jeder gewünschten Zeit. 
3. Er ist immer sehr kontakt- und gesprächsfreudig, wenn ich ihm begegne. 
4. Er ist immer gut gelaunt und sehr freundlich zu allen Menschen, denen er begegnet, ob Mitarbeiter, Patienten oder Besucher.

Herzlichen Glückwunsch zum Dienstjubiläum!


Sr. Myria und Sr. Sonja Maria (Seelsorgerinnen)

Lieber Erwin,
seit wir das EK kennen (in den 80er-Jahren), kennen wir auch Dich! Du bist hier lebendige Geschichte, ein Urgestein in diesem Krankenhaus. Mit so vielen Schwestern hast Du zusammengearbeitet, und auch wir beide sind Dir oft begegnet, da Du durch Deine Aufgaben viel unterwegs warst: im Hol- und Bringdienst, in der Wäscheverteilung und auch jetzt beim Patiententransport. Während der gesamten Zeit war und ist es Dir ein Herzensanliegen, Mesnerdienste in den einzelnen Kapellen ehrenamtlich zu übernehmen. Sr. Priscilla und Du waren ein eingespieltes, unzertrennliches Team.

Wir kennen Dich als ruhige, ausgeglichene, immer freundliche Person. Und wir schätzen an Dir deine Zuverlässigkeit während der so erstaunlich vielen Dienstjahre.

Wir danken Dir für das gute Miteinander und gratulieren Dir sehr herzlich! Für die kommende Zeit wünschen wir Dir viel Zeit für das, was Dir guttut, weiterhin eine gute Gesundheit und Gottes Segen. Pace e bene.“

Erwin Egger im EK vor der Skulptur der Hl. Elisabeth von Thüringen, Namensgeberin und Schutzpatronin der Klinik. Foto: Jürgen Schattmann (OSK)

Text und Fotos (3): Jürgen Schattmann




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