Mit Laterne und starker Taschenlampe
Bad Wurzach – Mit Laterne, starker Taschenlampe, einem mittelalterlichen Stadtbild und in einem Nachtwächtergewand „bewaffnet“ konnte Stadtführer Peter Koerver zur zweiten Nachtwächterführung des Jahres 26 hauptsächlich weibliche Teilnehmer beim Treffpunkt auf dem Klosterplatz vor der Bad Wurzach-Info begrüßen.
Das Schloss auf Eichenpfählen gegründet
Die Stadtpfarrkirche St. Verena wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie das Kloster Maria Rosengarten auf einer Anhöhe etwas außerhalb des mittelalterlichen, von einer kreisförmigen Stadtmauer umgebenen Stadtkernes gebaut. Koerver lieferte auch gleich die entsprechende Erklärung dazu: Die Stadt wurde zwar nicht auf Sand gebaut, aber auch der moorige Untergrund – auch heute noch stößt man bei Bauten innerhalb des Stadtkernes bereits in eineinhalb Meter Tiefe auf das Grundwasser – erwies sich als sehr instabil. Daher musste auch das Wurzacher Schloss auf dicken Eichenpfählen gegründet werden. Keller waren in der Stadt damals nicht möglich. So kam es auch, dass die Schlossbrauerei ihre Kühlkeller außerhalb des Stadtzentrums auf einer Anhöhe hatte.
Im Geländer der Luxeuil-Brücke
Vom Klosterplatz führte die Führung zur Luxeuil-Brücke, in deren Geländer das Stadtwappen, der Krebs, das Wurzacher Wappentier, integriert ist und die ihren Namen der Städtepartnerschaft mit Luxeuil-les-baines in Frankreich verdankt. Die Brücke hat auch, was die Namensgebung der Stadt angeht, eine besondere Bedeutung: Wurzun, wie die Stadt im Mittelalter hieß, bedeutet „eine befestigte Siedlung an einer Flussengstelle“. Hier stand bis Mitte der 1930er-Jahre das letzte von drei Stadttoren.

Das mittelalterliche Wurzach („Wurzun”). Unten rechts, außerhalb des Mauerrings, sieht man die Vorgängerkirche der heutigen Stadtpfarrkirche St. Verena.
Im Politischen Winkel
Von dort ging es wenige Schritte weiter in die Brunnengasse, deren leichte Krümmung an den Häusern noch den Verlauf der Stadtmauer nachzeichnet. Die Brunnengasse heißt so, weil bis in die 1970er-Jahre dort der Brunnen stand, den man danach im politischen Winkel aufsuchte. Weil der Winkel vom Schloss aus wegen der sich um den Marienbrunnen gruppierenden hohen Bürgerhäuser nicht einsehbar war, konnte dort ungeniert über die Obrigkeit kräftig gelästert werden – daher im Volksmund die Bezeichnung „Politischer Winkel”.
Viehmarkt und Mühltor
Über den Viehmarkt, wo Koerver erläuterte, dass auch Schwabenkinder in Wurzach bis nach dem Zweiten Weltkrieg als Hütekinder lebten, führte er die Gruppe zum Amtshaus. Dieses wie das Rathaus wurde nach dem Krieg mit Sgraffiti verziert, nachdem es vom fürstlichen Haus in städtischen Besitz übergegangen war. Nach dem Fußgängerdurchgang unter dem Amtshaus gelangte die Gruppe in die Mühltorstraße. Dort stand bis 1869 das auf dem Sgraffito von Pater Egino Manall am Giebel der ehemaligen Bäckerei Räth dargestellte Mühltor, das nach einem Brand 1865 schwer beschädigt worden war, ehe es dann abgerissen wurde.
Die Bleiche in der Breite
Vom Mühltor ging es dann – vorbei am alten Feuerwehrhaus – bis zum Damenmodehaus Binder in die Gartenstraße Ecke Breiteweg. Denn dort stand bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts das Obertor. Dieses musste weichen, weil Wurzach als Weberstadt dort in der Breite, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch eine Wiese war, auf dieser die Leinenstücke zur Bleiche ausgebreitet wurden.
In der Spitalkapelle
Auf dem Weg zurück zur letzten Station der Führung, dem Rathaus, gab es noch einen kleinen Abstecher in die Spitalkapelle, die am 4. April des vergangenen Jahres profaniert worden war. Die Kapelle ist das einzige Gebäude in Bad Wurzach, das noch gotische Fensteröffnungen hat, sie stammt aus dem 15. Jahrhundert.

In der Spitalkapelle. Die Bänke sind ausgebaut.
Die Sgraffiti am Rathaus
Schlusspunkt der Führung war auf dem Platz beim Marienbrunnen und dem Rathaus. Dort erläuterte der „Nachtwächter“ Peter Koerver, was die einzelnen Sgraffiti rund um das Rathaus zu bedeuten haben und wies besonders auf den Spruch auf der Seite zum Café Steinhauser hin, der da lautet: „Es zwicke Dich, der Himmel geb´s, nur so ein kleiner Wurzach Krebs, denn es gibt noch grössre Nummern, denke an die Riesen-Hummern.“ Unter den Sgraffiti sind auch die Symbole der Fetten Zunft und des großen Handwerks. Dessen Zunftfahne wurde auch zur Stadtfahne erhoben. Aus diesem Grund ist Bad Wurzach die einzige Stadt in der Bundesrepublik mit einer echten Trikolore, denn die Stadtfarben sind Rot, Gelb und Blau.

Das Sgraffito am Rathaus weist auf die wichtigsten Stationen der Stadtgeschichte hin. Was nur wenige wissen: Im Gängele auf der anderen Seite ist ein humoristisches Sgraffito angebracht. Von wessen Hand das Rathaus-Sgraffito stammt, ist nicht bekannt.
Nächste Nachtwächter-Führung am 17. März
„Nachtwächter“ Peter Koerver, der bei der diesjährigen Nachtwächterführung-Premiere am 3. Februar rund 40 Teilnehmer zählen konnte, wird am 17. März noch einmal eine solche Führung anbieten, ehe er wieder reguläre Abendführungen anbieten wird.
Text und Fotos: Uli Gresser
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