Bilder von Wiggenreute, wie es früher war
Kißlegg-Wiggenreute – Das März-Blatt in Bernd Mauchs Alt-Kißlegg-Kalender ist dem Kißlegger Teilort Wiggenreute gewidmet. Ortsheimatpfleger Bernd Mauch schreibt:

Wiggenreute 1910. Postkarte.
Bis 1934 war Wiggenreute mit seinen vielen kleinen Teilorten und Wohnplätzen eine eigenständige Gemeinde. Im Kernort selber waren es zwar nur zwölf Höfe bzw. Häuser, aber das Umland mit vielen einzelnen Höfen und Hofansammlungen reichte weit und gehörte alles zu Wiggenreute. Eine Kapelle, eine Gastwirtschaft, eine Kolonialwarenhandlung und früher auch noch eine Spezereienhandlung waren vorhanden und im Jahr 1910 war sogar der Wunsch nach einer eigenen Schule laut geworden. Die neue Schule wurde dann aber in Kißlegg gebaut und die drei Teilgemeinden Wiggenreute, Emmelhofen und Sommersried mussten ihre Kinder weiterhin nach Kißlegg zum Unterricht schicken. 1934 wurde Wiggenreute, wie auch die anderen Teilgemeinden, zu einer großen Gemeinde Kißlegg vereint.
Der „Grüne Baum” in Wiggenreute
Das Hauptaugenmerk des Kalenderblatts liegt auf der Gastwirtschaft „Zum Grünen Baum“, die ab 1903 von den Wirtsleuten Haaga im Nebenerwerb (man hatte ja auch noch eine Landwirtschaft zu versorgen) betrieben wurde und 1954 von Karl Stanner und seiner Ehefrau übernommen wurde. Karl Stanner war gebürtig aus Wallmusried, seine Eltern hatten dort eine kleine Kolonialwarenhandlung bei der Bahnhaltestelle. Auch bei Stanners war es so, dass der Ehemann tagsüber arbeiten war (er war lange Jahre Lkw-Fahrer beim Betonwerk Rinninger) und seine Ehefrau die Wirtschaft umtrieb. Abends und am Wochenende war Karl Stanner dann Wirt mit Leib und Seele, der aber auch die Autorität hatte, wenn es die Gäste mal übertrieben und sich prügeln wollten, kurzerhand den Hagenschwanz (Ochsenziemer) hinter der Theke hervorzuholen und damit wieder für Ordnung zu sorgen. Dass es dort gutes und reichliches Essen gab, sah man dem Wirt mit Zeit auch an und man nannte ihn liebevoll den „Ranzenwirt“. Fremdenzimmer wurden auch angeboten, 1970 wurden die Zimmer aufwändig renoviert. Die Gaststätte war beliebt und immer gut besucht, an Sonn- und Feiertage fanden viele Familienfeiern dort statt. Außerdem konnte man dort weitrum die besten Grillhähnchen bekommen. Die konnte man auch telefonisch vorbestellen und abholen. Das Ritual war jedes Mal das gleiche. Als Abholzeit wurde 19.30 Uhr vereinbart, wenn man aber um diese Zeit hinkam, hieß es stets: „Sind noit ganz fertig, sitz na und trink no a Halbe.“ Wenn die Halbe leer war, waren dann auch die Hähnchen fertig. Die Gaststätte wurde bis 2011 betrieben, später war es nur noch eine Pension mit Fremdenzimmern. Die Wirtsleute waren da auch schon beide über 80 Jahre alt. Karl Stanner starb 2016 mit 86 Jahren, seine Ehefrau Maria 2021 mit 87 Jahren.

Im “Grünen Baum”: Wirtin Haaga mit Gästen. 1933.

Der “Grüne Baum” in Wiggenreute 1958.

Der “Grüne Baum” 1964. Postkarte.

Der “Grüne Baum” 1968. Man beachte den Dachausbau bei der Gaststätte. Postkarte.

Der “Grüne Baum” 1972. Postkarte.

Streichholzetikett 1969.

Streichholzetikett 1972.
Anfangs mit dem Pferdefuhrwerk
Eine weitere Institution in Wiggenreute war der Kolonialwarenhändler Franz Kistler. Neben seinem Ladengeschäft war er als fahrender Händler in der ganzen Umgebung unterwegs und bot auf den Höfen seine Waren an. Anfangs noch mit dem Pferdefuhrwerk, ab 1956 mit seinem modernen VW T1 Bus, der mit Regalen voller Lebensmittel für den täglichen Bedarf bestückt war. Er war überall gern gesehen und beliebt. Konnte man von ihm doch die neuesten Nachrichten aus der ganzen Umgebung erfahren. Bis 1967 war Franz Kistler mit seinem Bus unterwegs. Dann wurde der Laden geschlossen und die Wiggenreuter mussten in die umliegende Orte um einzukaufen.

Kolonialwarenhändler Franz Kistler 1957.

Kolonialwarenhändler Franz Kistler mit Frau und Tochter. 1959.

Der Sohn des Wiggenreuter Kolonialwarenhändlers: Franz Kistler junior. Ca. 1948. Damals hatte Kistlers Handlung noch keinen VW-Transporter. Eingespannt wurde dieses Pferd.

Das März-Blatt von Bernd Mauchs historischem Kalender. Restexemplare des Kalenders sind noch bei Eisenwaren-Martin in Kißlegg zu erwerben.
Text: Bernd Mauch / Fotos: Archiv Mauch















