Mit Niveau ins neue Jahr
Aulendorf – Es ist alte und gute Tradition, Freunde der gehobenen Blasmusik in der Aulendorfer Stadthalle klangvoll ins neue Jahr zu begleiten. Dirigent Hermann Stehle hatte mit seinen Blasmusikern ein höchst anspruchsvolles und abwechslungsreiches Konzertprogramm erarbeitet. Und seine Musiker und Musikerinnen belohnten ihn selbst, aber auch die voll besetzte Stadthalle reichlich mit perfekter Präsentation von zehn Programmpunkten.
Horst Dölle und Anton Müller seit 60 Jahre bei der Stadtkapelle
Vorsitzender des Musikvereins und Tenorhornist Matthias Dorner begrüßte erfreut das so zahlreich erschienene Publikum, darunter Pfarrer Anantham Antony, der zwei extra aus Rom angereiste Patres mitbrachte, und natürlich das Stadtoberhaupt Matthias Burth, Kreisverbandsdirigent Markus Frankenhauser, viele Vertreter befreundeter Musikvereine und ganz besonders die dienstältesten Musiker Horst Dölle (Klarinettist im Rollstuhl) und Anton Müller (Tuba), die seit nunmehr 60 Jahren für die Stadtkapelle im Einsatz sind.

Horst Dölle.
Martin Rebmanns gedacht
In einem kurzen Rückblick ging Matthias Dorner auf die prägenden Stationen des zurückliegenden Jahres ein, nämlich den Verlust „unseres“ Dirigenten Martin Rebmann sowie den Einzug ins neue Probelokal im Grundschulgebäude. Für Martin gab es in der Reutener Durlesbachhalle im Oktober ein großes Doppelkonzert mit dem Musikverein Reute-Gaisbeuren, an dem 110 Musiker mitwirkten. Und ganz im Sinne Martins habe man für die Tübinger Knochenmarkspendertdatei 6000 Euro an Spenden eingesammelt!

Matthias Dorner bei der Begrüßung.
Das neue Probelokal
Mit dem Einzug ins neue Probelokal werden sich die musikalischen Möglichkeiten der Stadtkapelle entscheidend erweitern, ist sich der Verein sicher. So gesehen sei das volle Ausschöpfen der finanziellen Vereinsrücklagen bestens angelegt. Für das Mitziehen des Stadtoberhaupts, des Gemeinderats und des Architekten ist die Stadtkapelle äußerst dankbar. Für kommenden März kündigte Dorner einen Tag der offenen Tür im Probelokal an.
Dank an Hermann Stehle

Der Vorsitzende dankte schließlich Hermann Stehle (Bild) für seine spontane und unkomplizierte Übernahme des Taktstocks nach dem Tod Martin Rebmans. Stehle hatte die Kapelle schon einmal geleitet: in den Jahren 2002 bis 2008.
Wuchtig
Gleich der Konzertauftakt ließ die Segnungen des neuen Probelokals erspüren. „Beyond the Horizon“ (Rosano Galante) sprengte quasi bisherige Grenzen des musikalischen Schaffens der Oberstufenkapelle. Aufrüttelnd und wuchtig war die Interpretation dieses Titels und verwies auf die ehrgeizigen Ziele des Ensembles. Moderator Martin Gallasch sah darin den künftigen Soundtrack der Kapelle.

Martin Gallasch führte durch den Abend.
Ein Vorzeigetitel
Mit dem Vorzeigetitel „The Legend of Maracaibo“ ging’s weiter. Dieser Titel brachte beim Wertungsspiel unter Leitung Martins 2023 in Mietingen die begehrte Note „Hervorragend“! Schon darin waren die neuen Weiten erkennbar. Damals heuerte Martin seine Leute zum Ablegen der stolzen Maracaibo an und führte das Schiff sicher durch spannende Abenteuer und Gefahren, aber auch durch ruhige Passagen. Tenorhörner, Euphonium, Schlagwerk wie auch zarte Holzblasregister zeichneten diese Szenen auch unter Stehle nochmal brillant nach.
Für schnelle Finger
Mit „Lord Tullamore“ (Carl Wittrock) wechselte man in die irische Pub-, Tanz- und Folkszene bei rauchigem Whiskeyduft. Martin Gallasch kündigte das Stück als eines der „schnellen Finger“ an. In der Tat war das ein erneut mitreißendes Stück, bestehend aus einer äußerst abwechslungsreichen dreiteiligen schwierigen Komposition. Die Vermittlung der Bilder dieses Werkes gelang dem Ensemble absolut überzeugend.
Gesang der Instrumente
„Klezmer Karnival“ (Philip Sparke) beendete Teil I des Neujahrskonzerts. Martin Gallasch führte in diese besondere und leider selten gewordene Musikrichtung ein. Es handelt sich um eine Musiktradition des osteuropäischen Judentums. Sie vermittle zugleich Lachen, Weinen oder Melancholie. Typisch dabei sind wechselnde Rhythmen. Klezmer vermittelt auch Spiritualität oder begleitet Feste und andere Anlässe im Lebenslauf. Klezmer wird eigentlich nur instrumental in kleinen Besetzungen gespielt, heute aber auch in großen orchestralen Ensembles. Die Stadtkapelle arbeitete die erforderliche Instrumentalisierung bzw. den „Gesang der Instrumente“ gekonnt heraus. Sogar der typische Schluchzer am Schluss eines Stückes, diesmal mit menschlichen Stimmen, durfte nicht fehlen.
Das Grußwort des Bürgermeisters

Teil II begann mit dem traditionellen Grußwort von Bürgermeister Matthias Burth (Bild). Er wünschte allen Aulendorfer Familien zum neuen Jahr Frieden und Zuversicht trotz weltweiter Krisen und Kriege. Statt Zukunftspessimismus sei doch Aufbruch angesagt. Als gutes Vorbild nannte er das inzwischen mehr als 160-jährige Wirken der Stadtkapelle, die Zusammenhalt, Rücksicht und Beständigkeit pflege. Was gibt denn Halt und was kommt auf uns alles zu, fragte der Bürgermeister. Nur Miteinander, Füreinander oder Zusammenhalt sei es! Burth nannte Beispiele aus dem nunmehr vergangenen Jahr: das Große Narrentreffen, das Schloss- und Kinderfest, 75 Jahre Stadterhebung und anderes mehr. Dies zeige doch, was mit ehrenamtlichem Engagement möglich ist. Beispielsweise habe die Stadtkapelle als Botschafterin unserer Stadt Verantwortung bewiesen, als sie sich für ein eigenes Probelokal stark machte oder gar die Tiefbauarbeiten im Zuge der Renovierung des Schloss-Innenhofs übernahm. Auch mit dem schmerzlichen Verlust ihres sympathischen Dirigenten Martin Rebmann musste sie lernen, umzugehen. Burth dankte auch Hermann Stehle für die nötig gewordene Übernahme des Taktstocks. Zum Abschluss seines Grußworts trug er das bis heute aktuelle und witzige Neujahrsgebet des Pfarrers von St. Lamberti in Münster aus dem Jahr 1883 vor, wofür er großen Beifall erntete.
Ohrwurm
Mit der „Serenade, Opus 22c“ (Derek Bourgeois) waren nun wieder die Musiker gefordert. Gallasch versprach den Gästen ein Musikstück, das Ohrwurmcharakter habe bei „11- und 13-Achteltakt“. Damit sollte er Recht behalten, denn das eingängige Motiv des Titels spielte sich höchst rasant und mit Präzision durch alle Register.
Simon Dittberners Solo

„Carrickfergus“, arrangiert von Michael Geisler, war ein weiterer Ausflug auf die grüne Insel Irland. Dabei handelt es sich um eine dort typische Volksweise. Ein darin enthaltenes Euphonium-Solo von Simon Dittberner (Bild) war sicher ein zusätzliches Highlight des Abends. Der Solist spielte völlig frei, also „notenlos“ und absolut lupenrein, wofür es langen Applaus gab.
Ein Coldplay-Medley

Ein weiteres Oberstufenstück, arrangiert von Bert Appermont, war ein Medley der größten Hits der Gruppe „Coldplay“. Es bot Gelegenheit zum Nachdenken und Genießen. Das Arrangement enthielt „Skyfull of Stars“, „Clocks“, „The Scientist“ und „Viva la vida“. Gallasch meinte, die großen Popbands schafften das nur mit Verstärkern, die Stadtkapelle Aulendorf aber präsentiere nun eine unplugged Version ohne jegliche Zusatztechnik. Insbesondere das hohe Blech, Soli am Xylophon und am Saxophon (Jürgen Schoch / Bild) trugen zum perfekten Gelingen der populären Titel bei.
Vorsitzender Dorner dankte
Vor Beginn des letzten Programmtitels trat Matthias Dorner noch einmal ans Mikrofon. Mit dem Gedicht eines Blasmusikfans betonte er, dass erst durch Mitmachen aller Instrumente erfolgreich musiziert werden könne. Er dankte Hermann Stehle, der mit der Stadtkapelle wieder Zukunft gestalten werde. Er dankte auch allen Musizierenden für ihren leidenschaftlichen Einsatz, insbesondere auch den Aushilfen, den Sponsoren Firma Heydt, Bäckerei Leser und Metallbau Traub, dem Dekoteam und seinen Vorstandskollegen. Ganz besonders aber dankte er dem Publikum, das die gebotenen Leistungen mit reichem Applaus belohnt habe.
Schmissiges am Schluss
Den Schlusstitel kündigte Gallasch als eine Folge übermäßigen Kaffeekonsums an. Bei „Full of Beans“ (Thiemo Kraas) zeige die Stadtkapelle den federnden Ska-Sound nicht mit Hilfe des Metronoms, sondern frei und eigenständig auf der Bühne, gleich einer Kaffeebohnen zertrümmernden Kaffeemaschine, völlig energiegeladen oder übermütig. Bei diesem schmissigen Titel konnte man sicher auch passende Molltöne vernehmen. Nach langem Applaus war natürlich eine Zugabe fällig. Es war der österreichische Konzertmarsch „Sympatria“.
Malenka dirigierte

Finaler Schlusspunkt war dann eine Überraschung. Stehle räumte das Dirigentenpult und übergab den Taktstock der erst 18-jährigen Jungdirigentin des Vereins, Malenka Leser (Bild). Sie entstammt einer Aulendorfer Familie mit großer Musiktradition, erläuterte Dorner. Malenka durfte somit die zweite Zugabe dirigieren. Sehr sicher und konzentriert leitete sie die Komposition „Abendmond“ (Thiemo Kraas). Darin sind die Volkslieder „Abend wird es wieder“ und „Der Mond ist aufgegangen“ verschmolzen. Auch Malenka wurde mit starkem Applaus belohnt.
Text und Fotos: Peter Lutz
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