Ravensburg – Mit einem Sondereinsatzkommando wurde das seit dem 12. Dezember in der Schussenstraße an der Ecke Obere Breite errichtete Baumhaus gestern nach 20 Uhr geräumt. Die Baumbesetzung war eine Aktion von Klimaaktivisten und sollte im fünften Jahr nach dem Pariser Klimaabkommen daran erinnern, dass wir uns weit hinter dem vereinbarten 1,5 Grad-Ziel befinden.

 

Die Aktivisten fragen in diesem Zusammenhang, mit welchem Recht die Stadt Ravensburg ihr CO2-Budget um mehr als das Doppelte überschreitet. Sie fordern eine verbindliche Zusage und jährliche Kontrolle, dieses Restbudget von 1,8 Millionen Tonnen CO2 nicht zu überreizen. Weiter wollen die Baumbesetzer eine Verkehrswende mit autofreier Innenstadt, Umwidmung von Parkplätzen, ein Radvorrangnetz mit mehr Radwegen, einem starken Ausbau des ÖPNV und den Erhalt des Altdorfer Waldes ohne Kiesabbau.

In der Nacht von Dienstag 29.12. auf Mittwoch 30.12. hatte Professor Dr. Wolfgang Ertel angekündigt, die jungen Klimaktivist/innen an der Ravensburger Schussenstrasse mit seiner Übernachtung dort zu unterstützen. "Das ist eine ganz tolle und mutige Aktion, die die Unterstützung aller Bürger verdient, die mehr Klimaschutz wollen", so Ertel.

 

Just in diesem Moment wurde das Camp polizeilich geräumt und das Baumhaus zerstört. Der Pressesprecher der Polizei Ravensburg bestätigte nur, dass sie Amtshilfe für das Ordnungsamt Ravensburg leisteten. Bei der Stadtverwaltung war niemand zu einer Stellungnahme zu erreichen. Sie ist in einer Coronapause bis zum 11. Januar.

Für Samuel Bosch, der seit Beginn der Aktion dabei ist, kam die Räumung völlig überraschend. Plötzlich sah er sich von Polizeikräften umstellt. Da er der Aufforderung, herunter zu kommen, nicht nachkam, sollte er vom Sondereinsatzkommando vom Baum geholt werden und flüchtete aus dem Baumhaus auf eine Astgabelung. Währenddessen wurde das Baumhaus zerstört, unter anderem auch Äste abgesägt, während sie (die Besetzer) bei ihrer Aktion streng auf die Unverletzlichkeit des Baumes geachtet hatten. Mit Hilfe der Feuerwehr wurde er am Ende vom Baum geholt.

Professor Dr. Wolfgang Ertel war zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Baum und schätzt die Zahl der beteiligten Polizisten auf annähernd 100. Ihm wude sein Klettergurt abgenommen, um zu verhindern, dass er nochmals auf den Baum steigt. Begründet wurde die Räumung mit „einer erheblichen Störung der Ordnung und öffentlichen Sicherheit“. Er beklagte, dass die Verantwortlichen der Stadt nicht mit Argumenten antworten, zu keinem Dialog bereit waren, sondern mit dem Ordnungrecht agieren. Samuel wiederholt es mehrmals an diesem Tag, „wir werden trotzdem weitermachen und wir werden nicht aufgeben, weil wir einmal geräumt wurden.“

 

Eine ursprünglich geplante Pressekonferenz am nächsten Morgen wurde zur Kundgebung mit rund 100 Teilnehmern. Neben Bosch und Professor Ertel von der RWU Hochschule Ravensburg-Weingarten nahmen auch Vertreter/innen von "Parents for Future", Ravensburg, "Fridays for Future", Bodensee, „Science for future“ ein Vertreter des "Natur- und Kulturlandschaft Altdorfer Wald e.V, sowie der "Initiative gegen den 1.000-Kühe-Stall" bei Ostrach Stellung.

 

Einig waren sie sich alle, dass zu wenig getan wird, um die Klimaziele zu erreichen. Manfred Walter, Naturwissenschafter und „scientist for future“ erklärte anhand des Regionalplanes, dass dieser in den nächsten 10 Jahren die rechnerisch geforderten 30 % Co2-Reduktion nicht einhalten wird und Ertel ergänzte, die jährliche Reduktion von 13 %, das sich das Ravensburger Klimabündnis als Ziel gesetzt habe, sei ambitioniert, aber es müssten eben auch Taten folgen. Er prophezeit große Katastrophen mit 100 Millionen von Flüchtlingen und schrecklichen Kriegen.

Trotz großer Enttäuschung über die Räumung, wobei ihm bei seinem Vortrag mehrmals die Stimme bricht, appelliert er für einen weiteren Dialog mit der Stadt, wenn auch Vertreter der Stadt nicht gesichtet wurden. Einzig die grüne Fraktionsvorsitzende Maria Weithmann war unter den Zuhörern. Das Vorgehen der Stadt habe der Sache geschadet, sei unklug, bekundet eine Vertreterin von „fridays for future Bodensee, die sich solidarisch mit der Baumbesetzung erklären. Eine weitere Vertreterin der Regionalkonferenz Klimabündnis fordert eine Überarbeitung der Pläne, die zu niedrig angesetzt seien. Außerdem scheue die Stadt die Öffentlichkeit, verpflichte die Beteiligten der Gremien zur Verschwiegenheit und ihr Vorgehen sei eine Blamage. Mangelndes Handeln wirft auch der Vertreter gegen den Kiesabbau im Altdorfer Wald den Verantwortlichen vor. Der grüne Ministerpräsident sehe zwar die Sache in guten Händen, doch der zuständige Landrat habe sich seit zwei Jahren nicht zu der Forderung geäußert, den Wald unter Schutz zu stellen, bzw. als Landschaftsschutzgebiet auszuweisen. Stattdessen fahren tausende von LKW`s aus Österreich und der Schweiz vor, um ihre Bauvorhaben zu betreiben und ihre einheimische Natur zu schützen. Profitstreben, Bequemlichkeit und Machterhalt gehe vor. Auch bei der Verkehrswende ist von einer autofreien Innenstadt und einem kostenpflichtigen Parkraum bei der Oberschwabenhalle nichts in Sicht. Am Vorrang des Autoverkehr werde nicht gerüttelt.

Zuletzt spricht sich Petra Miele von der bäuerlichen Milcherzeugergemeinschaft Bad Wurzach gegen den 1000 – Kühe-Stall aus. Das Angebot werde auf Kosten aller anderen unverhältnismäßig erhöht, die Lasten bei Gülle und Kot der Tiere auf die Allgemeinheit abgewälzt, von 1000 Kälbern jedes Jahr werden nur 300 gebraucht und der Milchpreis werde weiter sinken und die überschüssige Milch die Märkte im Süden der Welt zerstören.


Text und Bilder: Gerhard Maucher

 

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