Kisslegg/Arnach - Um einen Überblick über die regionale Wertschöpfung zu erhalten, besuchte die Staatssekretärin im Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum, Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), innovative Produktions- und Handelsbetriebe in Kisslegg und Arnach. Gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Raimund Haser und Kissleggs Bürgermeister, Dieter Krattenmacher, war die erste Station die „Käsefreunde Kisslegg“.

Dabei handelt es sich um ein junges und innovatives Unternehmen, dass sich im verwaisten Gebäude der früheren Käsereien angesiedelt hat. Geschäftsleiter Karl-Heinz Kratzer berichtete von seiner Ideologie, eine kleine Käserei zu führen. Mit weiteren drei Fachleuten aus der Schweiz entstanden, im Oktober 2016, die „Käsefreunde Kisslegg“, die mit insgesamt drei Mitarbeitern den Betrieb aufnahmen. Nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsarbeiten tüftelten die Milchtechnologen an der Produktion für Mozzarella. Neben der Herstellung des Weichkäses aus konventionell gewonnener Milch, verstärkten sie nach und nach den Bereich Demeter, Bioland und könnten, als jüngste Zertifizierung des Deutschen Tierschutzbundes, einen Mozzarella dem Markt zur Verfügung stellen, der mit dem Tierwohl-Siegel versehen wurde.

Friedlinde Gurr-Hirsch zeigte sich bei der Betriebsbesichtigung beeindruckt von den technischen Abläufen der Produktion und in welcher Geschwindigkeit die Käsekugeln eingetütet wurden. Im anschließenden Gespräch wurde dabei ganz klar, die Corona-Krise hat das Bewusstsein der Bevölkerung in punkto Nahrungsmittel verändert. Die Nachfrage nach Bio-Produkten sei in dieser Zeit auf ein Niveau von etwa 30 bis 40 % der Gesamtproduktion angestiegen. Große Supermarktketten und Anbieter von Bioprodukten zählen zu den Kunden und wer Käse aus Kisslegg auf seinem Teller haben möchte, darf bei Rewe, Edeka oder Alnatura, bedenkenlos zugreifen.

Dieter Krattenmacher betonte indes, wie wichtig eine gut funktionierende Milchwirtschaft für seine Heimatkommune ist. „Wenn wir kein Käsehandwerk mehr haben, bleibt als Alternative für unsere Landwirte nur die Option des Milchpulvers als Verarbeitung des Urproduktes“. Die „Käsefreunde Kisslegg“ planen mittelfristig einen Anbau mit erweiterten Produktionseinheiten und Lagerkapazitäten und drücken damit ihre Standorttreue zu Kisslegg aus.

Neue Wege musste auch Metzgermeister Philipp Sontag beschreiten, der die gleichnamige Metzgerei bereits in der 6. Generation betreibt. „Vom Verkauf der Saitenwürstchen kann ich schon lange nicht mehr leben“, berichtete der umtriebige Handwerker. Obwohl er sich als Fleischsommelier und Gastdozent der Akademie des Fleischerhandwerks in Augsburg einen Namen gemacht hat, seine Leidenschaft und seine Achtung gehört dem Tier. „Schlachtung mit Achtung“ ist eine Initiative des Landes Baden-Württemberg, die eine hofnahe Tötung des Schlachtviehs ermöglicht, ohne Stress, ohne langwierige Transporte und mit deutlich höherer Betäubungssicherheit. In der Familie Sontag wurde an einem mobilen Schlachtstand getüftelt, der als Prototyp, in Kooperation mit Georgine Holzmüller, Sachgebietsleiterin der Fleischhygiene beim Veterinäramt Ravensburg, entstanden ist. „Kleinigkeiten müssen wir noch verbessern, daran tüfteln wir noch“, erklärte Metzgermeister Sontag senior, den interessierten Zuhörern den komplexen Mechanismus. Für Dieter Krattenmacher ist dieser mobile Schlachtstand auch eine mögliche Lösung für die Erlegung der Wasserbüffel. „Die moorigen Gebiete um Kisslegg werden durch Wasserbüffel bewirtschaftet. Sollte eine Tötung erforderlich werden, kann diese mobile Einheit dafür genutzt werden“, berichtete er.

Um den Kreis der regionalen Nahversorgung zu schließen, wechselte Friedlinde Gurr-Hirsch die Gemarkung und besuchte den Dorfladen in Arnach. Elmar Würzer ist, als Betreiber mit Herz und Leidenschaft, der Regionalität sehr verbunden. Mehl aus Ravensburg, Käse aus Gospoldshofen und Backwaren aus Isny. Im Gespräch betonte er jedoch auch, dass Nachhaltigkeit ein sehr großes Bestreben von ihm sei. Joghurt und Quark bietet er vornehmlich in Gläsern an und auch bei den Getränken liegt sein Augenmerk auf Glas. Mit insgesamt vier Teilzeitmitarbeitern hat sich der sympathische Kaufmann in Arnach eine Stammkundenstruktur geschaffen. „Mein Steuerberater hat mir abgeraten, als ich mir den Traum eines eigenen Ladens verwirklichen wollte“, erzählte Würzer den Politikern, aber mittlerweile sei er in der Dorfstruktur gut angekommen und seine Kunden halten ihm die Treue. Raimund Haser, selbst offensichtlicher Stammkunde des Geschäfts, stellte, anhand des regionalen Sortiments fest, dass Oberschwaben eine sehr privilegierte Region darstelle. „Wir können alles aus der Nähe kaufen, weil alles reichlich vorhanden ist“, zeigte er sich beeindruckt von der Vielfalt, die unsere Region zu bieten hat. Und, ein nicht zu vernachlässigendes Argument, schob er gleich hinterher: „Es darf auch mal was ausgehen“. Darin bestätigte ihn Friedlinde Gurr-Hirsch, die es für ein Absurdum hält, dass in Supermärkten, bis kurz vor Ladenschluss, stets das gesamte Frischesortiment vorgehalten werden müsse. Ein Umstand, der zur Lebensmittelvernichtung geradezu einlade. Ihr ist es ein Anliegen, die Dorfmärkte zu unterstützen und deutete an, dass im Landtag über deren Bedeutung, Erhalt und Förderung diskutiert werden solle. Haser setzte diese „Förderung“ sogleich in die Tat um und bestärkte die Staatssekretärin darin, Lebensmittel in Arnach einzukaufen.

 

Bericht und Fotos: Christine Hofer-Runst

 

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Bürgermeister Dieter Krattenmacher, Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, Geschäftsführer Karl-Heinz Kratzer und Raimund Haser (MdL) (von links) besichtigen die Käseproduktion

 

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Metzgermeister Sontag senior (links) stellt den Prototyp des mobilen Schlachtstandes vor

 

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Elmar Würzer, Inhaber des Dorfladens in Arnach, beschreibt sein Ladenkonzept (von links: Elmar Würzer, Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch, Raimund Haser (MdL))

 

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