Am 6. Mai um 7.52 Uhr meldete der Liveticker von Spiegel online: „Deutschland liefert sieben Panzerhaubitzen ins Kriegsgebiet.“ Auch die Online-Dienste der „Zeit“, der „Welt“, des „Stern“, der „Stuttgarter Nachrichten“ und vieler weiterer Blätter berichteten zeitgleich von dieser Überschreitung des Rubikon.

Das ist militärische Parteinahme. Ein Sündenfall.

Bundeskanzler Olaf Scholz wurde seit Tagen und Wochen massiv unter Beschuss genommen, weil er – getreu seinem Amtseid – Vorsicht walten ließ. Er wurde von kurzsichtig Denkenden und kurzsichtig Handelnden abgewatscht als Zauderer und Zögerer. Wer historisch denken kann, weiß, dass Cunctator – der Zögernde – ein Ehrentitel ist und dass der mit solcher Ehre ausgezeichnete Staatsführer im Alten Rom letztlich Hannibal besiegt hat.

Jetzt hat Scholz angesichts des wochenlangen Trommelfeuers der Bellizisten seinen Kurs geändert, hat kleinbei gegeben.

Das hatte sich bereits am Vortag abgezeichnet, denn Bundespräsident Steinmeier wird in das Telefongespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskij nicht mit leeren Händen gegangen sein.

Waffen liefern – das heißt: den Krieg verlängern. Das heißt: das Leid vermehren.

Waffen liefern, damit werden wir nicht zur Kriegspartei, sagen manche Völkerrechtler.

Man kann sicher sein: Das sieht Putin anders.

Waffen liefern an die ehemalige Ostfront: Das weckt fatalste Assoziationen.

Als die Wehrmacht 1939 in den Weltkrieg zog, war die deutsche Bevölkerung überwiegend skeptisch, oft sogar voller Angst – der Horror des Ersten Krieges hatte da erst gut 20 Jahre zurückgelegen.

Auch heute ist ein Großteil der deutschen Zivilgesellschaft nicht auf Kriegskurs – im Gegensatz zu unseren Leitmedien und der Ampel-Regierung.

Der Pazifismus wird als naiv abgetan. Aber ein realistischer Pazifismus – defensiv gerüstet, aber nicht waffenliefernd – ist unsere einzige Chance, aus einer hochgefährlichen Spirale der Gewalt herauszukommen.

Es braucht jetzt eine Verhandlungsoffensive, keine militärische Eskalation.

Putin holt sich die Ost- und Südukraine so oder so. Wenn wir die Ukraine aufrüsten, dauert es nur länger.

Land für Frieden – das ist die einzige Chance, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Jetzt hat man noch ein Verhandlungspfund. Je länger man zuwartet, desto weniger ist es wert.

Der katholische Friedensforscher Prof. Egon Spiegel rät der Ukraine, die militärische Kapitulation zu erklären und in den gewaltfreien Widerstand zu gehen. Der gewaltfreie Widerstand kann sehr viel bewirken: Ein Land, das nicht funktioniert, ist keine stolze Siegesbeute.

Feuerpause jetzt! Keine Haubitzen!

Verhandlungen jetzt! Wer verhandeln will, muss etwas bieten. Neutralisierung der Ukraine und Neuordnung des Territoriums entsprechend der ethnischen Verhältnisse – im Donbass und weiteren Gebieten leben weit überwiegend Russen.

Wir können noch viel Blutvergießen vermeiden.

Und wir können massiv helfen. Können einen Marshall-Plan für die Ukraine aufsetzen. Um das Land wieder zum Laufen zu bringen, braucht es viele Hände.

Es braucht helfende Hände, keine Haubitzen.

Dem Sündenfall von Adam und Eva folgte die Vertreibung aus dem Paradies. Sie fanden sich im Jammertal wieder.

Dem Sündenfall vom 6. Mai 2022 folgt …

Es ist zu konstatieren: Die Nachkriegszeit mit ihrem kalten Frieden ist zu Ende.

Wir stehen in der Vorkriegszeit.

Kommentar: Gerhard Reischmann

PS: Wo ist eigentlich die Friedensbewegung?

Anmerkung: Dann und wann nehmen wir in der Bildschirmzeitung auch zu allgemeinpolitischen Fragen Stellung. Unsere Leserschaft ist zur Diskussion darüber eingeladen. Schreiben Sie uns. Gerne veröffentlichen wir Ihre Beiträge – wenn sie nicht gegen die guten Sitten verstoßen.

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