Baden-Württemberg - Ehrenamtliche Veranstalter und Repräsentanten verschiedener Zeltlager und Jugendfreizeiten aus der Region fordern in einem offenen Brief eine Lockerung der aktuellen Empfehlungen und Vorschriften zur Durchführung von Zeltlagern und Jugendfreizeiten. Unter den aktuellen Empfehlungen und Verordnungen seien die Veranstaltungen, die jährlich tausenden Kindern und Jugendlichen eine Auszeit zusammen mit Freunden ermöglichen, nicht durchführbar. Aus Sicht der Verfasser könnten Zeltlager auch zur psychischen Gesundheit der Kinden beitragen, die seit Wochen corona-bedingt wenige soziale Kontake haben.

 

Ein offener Brief zum Positionspapier (Stand: 09.06.2020)

 

"Sehr geehrte Damen und Herren,

wir wenden uns bezüglich den gemeinsamen „Empfehlungen und Hinweise[n] zum Planungsrahmen für die Durchführung von Angeboten und für den Betrieb von Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit in Baden-Württemberg unter Bezugnahme auf die künftigen Öffnungsschritte“ (PDF) an Sie. Wir sind ehrenamtliche Veranstalter und Repräsentanten verschiedener Zeltlager und Ferienfreizeiten und vertreten die Interessen von über 2400 Kindern und Jugendlichen und über 1000 Ehrenamtlichen.

Stutzig machte uns vor allem ein Zitat aus der Schwäbischen Zeitung vom 09.06.2020:

„Die Rahmenbedingungen werden so sein, dass alle Maßnahmen, die bisher in den Sommerferien gelaufen sind, trotzdem stattfinden können.“ Mit diesem Zitat machte uns Jürgen Dorn, Landesgeschäftsführer des Landesjugendrings Baden-Württemberg, Hoffnung auf eine mögliche Durchführung von Zeltlagern mit Übernachtung außerhalb des eigenen Haushalts. Diese in den Medien kommunizierte Durchführbarkeit hat allerdings wenig mit dem konkreten Positionspapier und damit letztendlich mit der praktischen Umsetzung einer Ferienfreizeit zu tun.

Realitätsferne Vorschriften halten uns in der weiteren Planung der Zeltlager und Jugendfreizeiten zurück.

Ein Beispiel: In Punkt 4, Abs. 4 Satz 1 heißt es: „Die Abstandsregelung von 1,5 Metern zwischen Betreuenden und Teilnehmenden ist außerhalb der Schlafzeit einzuhalten.“

Hier stellt sich schon aus epidemiologischer Sicht die Frage, ob es einen Unterschied macht, ob Tag oder Nacht ist. Wie ist es zu vertreten, dass tagsüber Abstände eingehalten werden müssen, nachts aber nicht? Auch wenn hier die Kontaktminimierung ausschlaggebendes Argument sein dürfte, ergibt dies in Hinblick auf unseren Alltag in den Freizeiten schlichtweg keinen Sinn. Die Unvereinbarkeit geltender Abstandsregeln mit der Durchführung von Zeltlagern ist unumstritten: Wie sollen Angebote über ein oder zwei Wochen stattfinden, in denen sich alle Beteiligten in einer Art familienähnlichen Gruppenkonstellation befinden, wenn die unbedingte Einhaltung des Mindestabstandes gefordert wird?

Dies ist in der Realität schlicht nicht umsetzbar. Die Zeltlager leben von den Beziehungen der Teilnehmer untereinander und zu den Betreuenden. Zu erwarten, dass dies mit dem geforderten Mindestabstand von 1,50 Metern möglich ist, ist aus pädagogischer Sicht nicht haltbar. Zur Konkretisierung möchten wir Ihnen einige alltägliche Beispiele nennen: Wie sollen wir ein Pflaster aufkleben oder Kühlverbände für Wespenstiche anlegen, wie dutzende spielende Kinder voneinander und von uns fernhalten? Wie sollen wir Heimwehkinder mit einem Abstand von 1,50 Meter trösten?

Selbstverständlich sind Neuinfektionen zu vermeiden und wir als Veranstalter zahlreicher Freizeiten und Zeltlager müssen unseren Anteil daran leisten und sind uns dessen auch sehr bewusst. Gerade wir haben doch größtes Interesse daran, Neuinfektionen zu verhindern! Allerdings führen Ihre Vorschläge im Positionspapier dazu, dass wir uns nicht imstande sehen, eine Freizeitveranstaltung anzubieten. Und dies vor dem Hintergrund, dass tausende Kinder und Jugendliche pandemiebedingt seit Monaten kaum soziale Kontakte pflegen konnten, soziale Nähe aber ein Grundbedürfnis der menschlichen Natur darstellt. Es geht hier nicht mehr nur um die physische, sondern die psychische Gesundheit!

Es gilt Körperkontakte, wo es möglich ist(!), zu vermeiden, Neuinfektionen zu verhindern und bereits Erkältungssymptomen vorzubeugen. Hierzu müssen gute und verlässliche Hygienekonzepte aufgestellt werden, dies ist aber nur unter sinnvollen Rahmenbedingungen denkbar. Außerdem sollte eng mit den Erziehungsberechtigten zusammen gearbeitet werden; erste Ansätze dazu finden sich bereits in dem Positionspapier: „Die Erziehungsberechtigten sind im Vorfeld darüber schriftlich zu informieren, dass während der Übernachtung in Zelten gegebenenfalls die Abstandsregelungen nicht eingehalten werden können.“ (Punkt 4, Abs. 8 Satz 1)

Gleichzeitig sollten aber nicht nur die Freizeitveranstalter, sondern auch die Eltern transparent informieren müssen. Wir können diese Krise nur gemeinsam meistern und dazu brauchen wir eine schriftliche Verpflichtung für alle beteiligten Parteien. Es müssen für eine reibungslose Durchführung ganz praktische Fragen durch die Erziehungsberechtigten beantwortet werden: Wo hat sich das Kind die letzten zwei Wochen aufgehalten, gibt es Erkältungssymptome oder ist der/die Jugendliche gar RisikopatientIn? Mit diesen Auskünften könnten zielführend Risiken minimiert werden. Auch dieser Punkt fehlt aus unserer Sicht in Ihrem Positionspapier.

Die Prämisse muss sein, präventiv die Möglichkeit einer aktiven Infektion so gering wie möglich zu halten und in den jeweiligen Zeltlagern mit vernünftigen und umsetzbaren Hygienekonzepten zu arbeiten. Die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten, der besonders geschützte Rahmen ohne, oder mit nur minimalen, Kontakten zur Außenwelt und eine sinnvolle Präventionsstruktur verbunden mit durchdachten Hygienekonzepten vor Ort, sind die besten Voraussetzungen für eine Durchführung der jeweiligen Freizeitmaßnahme. 

Es ist unverständlich, wie unbedacht mit diesen breit gefächerten Ressourcen umgegangen wird. Mit Blick auf eine mögliche Schulöffnung nach den Sommerferien könnten Freizeiten als wertvolle Leuchtturmprojekte dienen. Das Beharren auf Mindestabstände in Freizeiten ist schlichtweg nicht sinnvoll. Gleichzeitig wird die Mär von der Durchführbarkeit erzählt. Beides zusammen ist unvereinbar.

Hier dürfen sich sowohl das Sozialministerium als auch die beteiligten Verbände nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Anstatt Zeltlager für dieses Jahr vollständig und zentral abzusagen, erarbeitet man Vorgaben, die eine konkrete Durchführung nicht nur behindern, sondern verhindern und überlässt so die „Entscheidung“ den einzelnen Zeltlagern – und damit zumeist Ehrenamtlichen. Das ist in keinem Fall fair. Der scheinpartizipative Charakter entspricht nicht unseren Vorstellungen von Transparenz und Miteinander. Die derzeitige Lösung ist nur nachteilig für alle Kinder, Jugendliche und Ehrenamtliche. Die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen sowie die wochen- und monatelange Arbeit, das Engagement und das Herzblut tausender Ehrenamtlicher werden nicht ansatzweise gewürdigt. An der Basis ist der Wille zur Durchführung von Ferienfreizeiten im Sommer da, derzeit sind uns aber leider durch praxisferne Vorschriften die Hände gebunden.

Aus den vorausgehenden Argumenten ergibt sich die folgende Forderung:

Die zeitnahe Überarbeitung der Empfehlungen bzw. Änderung der bisher gültigen Rechtslage für Zeltlager und Ferienfreizeiten hin zu einer praktisch durchführbaren Vorschrift, die den Mindestabstand von 1,50 Metern nicht mehr als essentiellen Part vorsieht."

 

Unterzeichnet

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des

Hauslagers Katholische Jugend Dingelsdorf
Zeltlagers Baierz
Zeltlagers Benistobel
Zeltlagers Iphofen
Zeltlagers Litzelstetten
Zeltlagers Muntlix
Zeltlagers Rammetshofen
Zeltlagers Rottweil
Zeltlagers Seemoos 1
Zeltlagers Sigmaringen
Zeltlagers St. Verena Dettingen-Wallhausen
sowie
CVJM Möglingen e.V.
Dr. Friedmann Taut, Facharzt für Klinische Pharmakologie

 

Raimund Haser (CDU), Mitglied des Landtags Baden-Württemberg unterstützt den offenen Brief. Zum Kommentar.

 

Vorspann: Leo Seebold, die Bildschirmzeitung

 

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