Region - Am heutigen Dienstagmorgen (23.2.2022) umstellten um 7:30 Uhr Polizeieinheiten aus 30 bis 50 Polizeibussen die neue Not-Besetzung im Altdorfer Wald bei der Kiesgrube "Tullius" bei Oberankenreute und räumten diese. Aktivist*innen aus der fast einjährigen Waldbesetzung bei Grund hatten diese in der Nacht von Sonntag auf Montag aufgrund akuter Rodungsgefahr etabliert. Unmittelbar im Anschluss der Räumung setzten die Behörden spezielle Rodungsmaschinen, sog. "Harvester", zur Fällung des gesamten Areals ein.

 

Bei Ankunft der Polizei befanden sich vier Aktivistinnen auf den Bäumen, die auch die Nacht in der neuen Besetzung verbrachten. Um das Waldstück trotz Aufteilung auf die beiden gefährdeten Teile im Altdorfer Wald möglichst gut zu verteidigen, hatten die Aktivistinnen ein komplexes Netzwerk (waagrechte Querverbindungen aus speziellem baumschonenden Polypropylenseil) errichtet. So konnte jede Kletterin mehrere Bäume gleichzeitig beschützen. Die Polizei inhaftierte die geräumten Aktivistinnen. Auf welche Gefangenensammelstelle sie verbracht wurden und wie lange sie in Gewahrsam bleiben, wird den Unterstützer*innen vorenthalten.

Zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Mitteilung befand sich als letzter Aktivist noch Samuel Bosch (19) in den Bäumen. Anwohnerinnen und Eltern machen sich nun auf, eine Mahnwache zur Unterstützung der Klimaaktivistinnen aufzuschlagen. "Bei uns bleibt keiner allein" sei wichtiger Grundsatz der Waldbesetzungsgemeinschaft.

 

MOTTO: PROFIT VOR NACHHALTIGKEIT

"Das Motto der Behörden ist Profit vor Nachhaltigkeit!", deutet Kletteraktivist Samuel Bosch (19) die Situation. "Die Behörden sperrten das gesamte Räumungsgebiet großflächig ab. Unterstützer*innen kamen nicht mehr zu uns durch, wurden auf mehr als 150 Meter Entfernung gedrängt und konnten so unsere Räumung nicht dokumentieren. Doch in all der Zeit durften die Kieslaster weiter ungehindert fahren – den abgebauten Kies in die Schweiz und nach Österreich transportieren, wo Umweltauflagen den Kiesabbau unrentabel machen."

Martin Lang (54), Anwohner aus Oberankenräute, der ebenfalls den Wald verteidigte und heute aus seiner improvisierten Übernachtungsmöglichkeit in 10 Meter Höhe geräumt wurde, betont: "Durch die Räumung schufen die Behörden Fakten, ohne einen demokratischen Diskurs abzuwarten."

Doch der eigentliche Skandal sei nicht die polizeiliche Räumung, sondern der Hintergrund der Entscheidung: "Tullius spricht immer von Versorgungssicherheit für die Region. Aber trotz des mehrjährigen Baubooms blieb die regionale Kiesnachfrage weit hinter den Erwartungen zurück. Dennoch besteht Tullius unbedingt auf der Erweiterung der Kiesgrube." Nach Ansicht der Aktivist*innen geht es Tullius nur darum, Profitrechte für die nächsten Jahrzehnte auf Kosten der Umwelt zu sichern. "In Zeiten der Klimakrise Bäume fällen, die älter als man selbst sind? Bäume sind unsere wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die Erdaufheizung!", so Lang.

"Für die Kinder dieser Welt tut es mir leid, dass ich den Wald nicht besser verteidigen konnte", gab Lang unmittelbar vor seiner Räumung durch.

 

Bericht und Bild Ingo Blechschmidt

 

 

 

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