Ravensburg – Dr. Peter Eitel, Historiker und 25 Jahre von 1973 bis 1998 Leiter des Stadtarchivs von Ravensburg ist 1938 in Stuttgart geboren. Sein Interesse galt zuletzt der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Oberschwaben. Seine Ergebnisse finden ihren Niederschlag in einem dreiteiligen Band zur Geschichte der NSDAP in Oberschwaben. Mit Auszügen aus seinem derzeit in Arbeit befindlichen 3. Band „Möge das schwarze Oberland eine Hochburg des Nationalsozialismus werden“, trägt er ein Zwischenergebnis den 25 interessierten Zuschauern vor.

Corona-bedingt durften nicht mehr Zuhörer kommen und mit zwei weiteren Lesungen, ebenfalls im Museum Humpis-Quartier, am 13.10. um 18 Uhr und am 22.10. um 19.30 Uhr soll dem Interesse Rechnung getragen werden.

„Ravensburg im Dritten Reich“ 1997, war die erste Aufarbeitung des Themas durch Eitel. 482 Seiten füllten die Beschreibung dieser 12 Jahre Naziherrschaft in Ravensburg. Was konnte man heute Neues erfahren, was man nicht schon wusste? Eitel beginnt mit seinem Bericht in den Anfängen des Nationalsozialismus in Oberschwaben 1922 und 1923. Eine erste Veranstaltung fand in Wolfegg zur „Verjudung Deutschlands“ statt. Vermutlich wurde die Veranstaltung durch Fürst Maximilian von Wolfegg initiiert. Der Fürst von Waldsee-Wolfegg habe sich in dieser Zeit politisch umorientiert, aber auch schon bald wieder das Interesse an der NSDAP verloren. Zwar wurden kurz vor Kriegsende die Archive der örtlichen NSDAP verbrannt, Berichte zu Veranstaltungen erschienen aber im „Ulmer Sturm“, dem NSDAP-Blatt für Oberschwaben. Deshalb ist auch überliefert, dass die älteste SS Ortsgruppe in Weingarten entstand. „Weil der militärische Geist dort noch lebendig ist“, war Weingarten dazu prädestiniert. Gerhard Rogge berichtete über diese Versammlung im Gasthof Waldhorn in Weingarten.

In Biberach, Mengen, Leutkirch, Isny und Friedrichshafen fanden die nächsten Gründungen statt. Nach dem Verbot der NSDAP von 1923 bis 1925, galt das Interesse der Partei insbesondere in Friedrichshafen, waren dort doch große Rüstungsbetriebe ansässig. So wurde Friedrichshafen 1929 durch Göring und Hitler und 1932 nochmals von Hitler besucht. Eine 1930 stattfindende Parteiversammlung mit 900 bis 1000 Teilnehmern wurde umrahmt mit einem Propagandamarsch durch die Stadt. Daneben war Ochsenhausen „ein weit und breit bekanntes Nazidorf“ so Eitel. Es waren die Lehrer, die vielfach auf Seiten der Nationalsozialisten standen und die Pfarrer, sofern mit genügend Rückgrat versehen, die weiter zum Zentrum hielten. Und eigentlich war auch die Bevölkerung, insbesondere auf dem Land nicht so sehr empfänglich für die Nazis. Selbst nach der Machtergreifung war dort der Hitlergruß, selbst in Rathäusern, nicht üblich.  Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler und zwei Tage später der Auflösung des Reichstages gab es aber auch Unterstützung im Oberland. In Herbertingen wurden die Schüler mit drei „Vater Unser“ aufgefordert, dafür zu beten, dass Gott Hitler die Kraft zur Erfüllung seiner Pläne gebe.

Wo war der Widerstand und Bestrebungen zur Verteidigung der Demokratie? Ein beispielhaftes Wahlergebnis 1932 in Waldsee 20 % für die Nationalsozialisten und 5 % für die SPD. Ab 1932 folgte die Einbindung des „Reichsbanners“ zusammen mit dem SPD Ortsvereinen, den „Freien Gewerkschaften“ und Arbeitervereinen zur sogenannten „Eisernen Front“. „Maulkorb statt Arbeit und Brot“ war das Motto der Wählerversammlung im März 1933 im Gasthof Hotel Post in Waldsee mit 100 Zuhörern. Doch es war nicht ungefährlich gegen den Nationalsozialismus zu opponieren. In der Regel wurden Gegner in Schutzhaft genommen, zum Teil auch unter den Augen der Polizei von der SA zusammen geschlagen. Nach dem Reichstagsbrand wurden die Grundrechte außer Kraft gesetzt. Der Wurzacher Maler und Schriftsteller Sepp Mahler wurde als „Asozialer" in Schutzhaft genommen, später wieder freigelassen. Die Presse wurde gleichgeschaltet, „Weckruf“ in Ravensburg und „Die Fackel“ in Biberach hießen die Parteiorgane. Biberach sei von der Erzberger- zur Hitlerstadt geworden. Die „Hakenkreuzfahnen“ wurden auf Rathäusern gepflanzt, ideologisch wurde an den Truchseß zu Waldburg angeknüpft und in Wangen wurde über den opponenten Bürgermeister Butz gereimt: „Butz heraus, es wird ausgebutzt“. Er verschwand danach im Lager Heuberg. Die SPD-nahen Arbeiterbunde und Vereine, Naturfreunde, Eintracht, Radfahrerverein Solidarität und Kraftsportverein wurden verboten.

Die Juden wurden verfolgt und aus der Geschäftswelt gedrängt: „Kauft nicht bei Juden“ hieß der Boykott. In Ravensburg war davon das Kaufhaus Wohlwert betroffen, heute ist in diesem Gebäude der Bredl-Ableger „You“. Karl Gaissmaier mit seinen Filialen beeilte sich daraufhin zu betonen, ein deutsches Unternehmen zu sein. Der Bankier Carl Heumann wurde wegen dem „lächerlichen Vorwurf“ so Eitel, Telefonate mit der Schweiz und Berlin geführt zu haben, in Schutzhaft genommen. Beim Turnverein Buchau wurde ein jüdischer Turner, allerdings unter Protest des Vorsitzenden, aus dem Verein ausgeschlossen. Nur den Katholiken gelang es, sich zu behaupten, waren sie doch fest verankert in Oberschwaben, das evangelische Wilhelmsdorf ausgenommen. So durften sich 1935 12.000 junge Katholiken zum Bischofstag in Ravensburg treffen. Zwar wurden gelb-weiße Katholikenfahnen verboten, doch der Blutritt fand bis 1939 letztmals statt, ehe der Krieg gekanntes Leben veränderte. Selbst Kampagnen zu Kirchenaustritten von Parteigenossen fruchteten nicht. Arisierungen und deutsches Blut wurde propagiert. „Blut will zu Blut“ titelte das örtliche Volksblatt zum Anschluss Österreichs 1938.

Seinen 90-minütigen Vortrag beendete Eitel mit einem Blick auf den Reichsarbeitsdienst, 800 junge Männer auf der Waldseer Bleiche und dem BDM Bund Deutscher Mädel, sowie dem Frauenbild der Nazis, ihr „Schlachtfeld“ sei es, Kinder zu gebären.

 

Text und Bild: Gerhard Maucher

 

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