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Baden Württemberg - Ein Schuljahr ist zu Ende, das nicht nur für Familien ein völlig neues Kapitel in der dicken Biografie des leidigen Themas Schule aufgeschlagen hat. Die Fäden laufen an einer Stelle zusammen: Bei einer Kultusministerin, die ihrer Aufgabe nicht ansatzweise gerecht wird.

 

 

„Mitte März war plötzlich nichts mehr wie es einmal war“, fasst Petra Rietzler vom Sprecher:innenteam des Elternnetzwerks im Verein für Gemeinschaftsschule BW e.V. das Drama des Corona-Schuljahres 2020 in wenigen Worten zusammen.

Binnen Tagen: Schulschließung und der monatelange Kraftakt einer Schule@Home, die vielerorts den Namen kaum verdiente. Mitten drin: Unsere Kinder und ihre Lehrer:innen. Allein gelassen von einer Schulbehörde, die schon vor Corona vorzugsweise mit sich selbst beschäftigt war, allein gelassen von Politiker:innen, die zugegebenermaßen angesichts der Unüberschaubarkeit und Dynamik der Krise zunächst auf Sichtflug unterwegs waren. Und allein gelassen von einer Kultusministerin, die selbst in der Pandemie mehr Energie für ihre politische Ambitionen aufbringt, als für das Wohlergehen von 1,5 Millionen baden-württembergischen Schülerinnen und Schülern und deren Lehrer:innen.

 

An den Schulen kämpften verzweifelte Schulleitungen und die wenigen digitalversierten Lehrer:innen darum, einen Schulbetrieb zu kreieren, der der zentralen Idee von Lehren und Lernen wenigstens ansatzweise gerecht wurde. Zuhause kämpften Eltern darum, ihr eigenes Berufsleben, ihre persönlichen Sorgen und Ängste, die Balance in ihren Familien und zudem das schulische Fortkommen ihrer Kinder unter einen Hut zu bekommen. „Selbst Familien mit allerbesten Voraussetzungen, mit digitalen Endgeräten, schneller Datenleitung und hohem Bildungsgrad sind dabei massiv an ihre Grenzen gestoßen“, berichtet Elternnetzwerk-Sprecherin Dr. Ulrike Felger.

 

 

Während es in den Familien ans Eingemachte ging, verengte die Kultusministerin ihren Fokus auf Prüfungen und das Ansehen baden-württembergischer Schulabschlüsse außerhalb des Ländles. In die Niederungen des Alltags der Schule@Corona wollte sie sich nicht begeben.

Regiert wurde aus dem Kultusministerium heraus via Verlautbarungen an die Presse – nicht nur Eltern, auch Schulleitungen und Lehrer:innen bekamen die wichtigsten Informationen zum Schulbetrieb 2020 oft über die Medien serviert. „Der ohnehin schon spärliche Dialog mit den offiziellen Vertreter:innen der Elternschaft im Land wurde komplett eingestellt“, berichtet Rietzler, die die Gemeinschaftsschule auch im Landeselternbeirat vertritt. Schließlich hat eine ehrgeizige Spitzenkandidatin nicht für alles Zeit. „Stattdessen bereitete die PR-Agentur nette Texte vor, die die Ministerin in den Teleprompter sprach und diente den Eltern eine bizarre Eierschachtel-Beschäftigungsaktion an“, sinniert Co-Sprecherin Birgit Zauner.

 

Das Desinteresse der Kultusministerin an den Kindern wird nun kaschiert durch eine Sommerloch-Inszenierung namens Lernbrücken. „Wer ansatzweise etwas über Lehren und Lernen weiß, erkennt, dass es sich dabei um Potemkinsche Dörfer handelt, die den ohnehin schon erschöpften Schulleitungen noch mehr Arbeit auf den Schreibtisch spült“, sagt Zauner. Erreicht werden mit dem Angebot nur etwa vier Prozent der Schülerinnen und Schüler. Ebenfalls gehypt werden die diesjährigen Sommerschulen: 2.000 Kinder können an 54 Standorten intensiv lernen. Ein großartiges Angebot – und angesichts von rund 1,5 Millionen baden-württembergischen Schülerinnen und Schülern zugleich eine weitere Bankrotterklärung dieser Kultusministerin.

 

Mit den Lernbrücken, einem Angebot, das maximal das Label Fake News verdient, wird bestenfalls Schuld verteilt. Auf der Ministeriumsseite liest sich der O-Ton der Ministerin so: „Durch intensive Nachhilfe in den Sommerferien geben wir Schülerinnen und Schüler die Chance, coronabedingte Lernlücken zu schließen“. Die Botschaft an die breite Bevölkerung: Wer diese Chance nicht nutzt, hat nichts anderes verdient, als im kommenden Schuljahr zu scheitern. Rabeneltern, wer seinem Kind diese Möglichkeit verwehrt.

 

Um aufzuholen, was durch die Pandemie und ein miserables Management seitens der Kultusministerin versäumt wurde, bleiben den Kindern zwei Wochen lang täglich vier Stunden Lernangebot in bunt gewürfelten Gruppen, oft fremden Lehrkräften, an bisweilen anderen Schulen, sowie eine Verschiebung der Abschlussprüfungen 2021 um einige Wochen. Wen wundert es, wenn sich die Nachhilfe-Industrie bereits prominent in Stellung bringt?!

 

„Die Kinder und deren Eltern hören bei diesen Sachen noch etwas ganz anders, und das schon seit Mitte März: Ihr seid uns nicht wichtig! Ihr müsst funktionieren – wie auch immer!“, appelliert Felger, hinter die glänzende Fassade kultusministerieller Angebote und Verkündungen zu schauen. Während Erwachsene sich empören, weil sie für den Brezelkauf eine Maske überziehen müssen, wird den Kindern beispielsweise en passant für das neue Schuljahr eine generelle Maskenpflicht auferlegt.

 

„Kinder zählen in unserer Gesellschaft nichts, sie haben kaum Fürsprecher und schon gar keine Lobby – erschreckender Weise auch nicht in der Kultuspolitik der baden-württembergischen Landesregierung!“, sagt Joachim Drauz, der als Vater das Quartett des Sprecherteams komplettiert: „Es wäre ein leichtes gewesen, in der Schule@Corona die Kinder selbst zu fragen, was sie eigentlich brauchen.“ Doch echauffiere man sich lieber über die neuesten Zahlen zum Online-Konsum der Youngsters: „Abrupt abgeschnitten von ihren Freunden, oft genug beim Lernen auf sich selbst gestellt und ja, auch auf der Suche nach Ablenkung und Zerstreuung, haben sich unsere Kinder in den letzten Monaten die digitale Welt als Lebensraum in einer Weise erschlossen wie es sich die in Feuerzangenbowlen-Romantik schwelgende Kultusministerin vermutlich im Traum nicht vorstellen kann“.

 

Statt die Pandemie als Zäsur zu begreifen, um das rückständige baden-württembergische Schulsystem endlich auf Trab und damit in die Zukunft zu bringen, wurden die Belastbarkeit und die Leidensfähigkeit der Beteiligten schonungslos auf die Probe gestellt. Und der Blick auf das kommende Schuljahr und einen von der Politik euphemistisch angekündigten „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ lassen nichts Gutes ahnen. „Mehr frustrierte Schüler:innen, mehr ausgebrannte Lehrer:innen und mehr verzweifelte Schulleiter:innen - ein immer dramatischer werdender Lehrkräftemangel ist da wohl kaum überraschend“, gibt Felger zu bedenken. Wer meint, so Zukunft zu gestalten, hat Wesentliches nicht begriffen.

 

 

Dr. Ulrike Felger

Sprecherin Elternnetzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen BW e.V.

Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V. Öhringer Str. 2 74632 Neuenstein Telefon 0152-28575158 Telefax 07942-911722 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! www.gmsbw.de Vorsitzender Matthias Wagner-Uhl Stellvertr. Vorsitzende Dr. Ulrike Felger Stellvertr. Vorsitzende Angela Keppel-Allgaier Stellvertr. Vorsitzender Dr. Joachim Friedrichsdorf

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