Bad Waldsee - Jedes Jahr werden in Deutschland mit dem ersten Wiesenschnitt schätzungsweise 100.000 Rehkitze verstümmelt und erleiden einen schrecklichen Tod. Die Wildtierrettung Bad Waldsee e.V. tut was dagegen. Hier ein Bericht von DBSZ-Reporter Erwin Linder, der an einem frühen Morgen dabei war. Am Ende des Artikels finden Sie ein beeindruckendes Video, das zeigt, wie ein im hohen Gras verstecktes Kitz mit Hilfe einer Wärmebildkamera aufgespürt und dann an einen sicheren Ort verbracht wird.

14. Juni, morgens kurz nach halb sechs. Wir stehen auf einer kleinen Anhöhe bei Frohnhof, einem Einödhof nahe Rötenbach. Das Wetter ist schön. Die Sonne ist noch unter dem Horizont. Im Osten zeigt sich die ganze Farbpalette von einem hellen Gelb über Orange, Violett bis zum tiefen Blau des morgendlichen Himmels. Im Süden begrenzt die Alpenkette fliederfarben den Horizont. Hochgrat, Mittagsspitze, Säntis. Das sind die Gipfel, die ich kenne.

Wir stehen in brusthohem Gras, noch nass vom Tau. Aber gerade richtig für den ersten Schnitt für ein duftiges, gesundes Heu für die Rinder vom Frohnhof. Heute will der Landwirt mähen. Das Kreiselmähwerk ist schon am Schlepper montiert. Bevor er loslegt, will er wissen, ob sich in seiner Wiese Rehkitze verstecken. Deshalb hat er schon am Tag zuvor bei der Wildtierrettung Bad Waldsee angerufen und ein Suchteam angefordert.

Das Suchteam besteht aus einem Drohnenpiloten, dem Copiloten und einer Handvoll Helfer. Fabi, unser Pilot, packt mit routinierten Handgriffen die Drohne aus ihrer Transportbox. Setzt sie auf dem runden Start- und Landungspad ab, klappt die Rotorflügel aus. Der Monitor für den Copiloten wird auf einem Stativ montiert. Bedientablett und Monitor werden mit einem Kabel verbunden. Und schon startet die Drohne mit sanftem Gebrumm in den blauen Himmel.

Auf der elektronischen Karte sieht man, wie die Wiese in große Rechtecke aufgeteilt ist, die die Drohne jetzt nacheinander abfliegt und mit ihrer Wärmebildkamera abscannt. Lebendige Objekte strahlen mehr Wärme ab als die Wiese und können so von der Wärmebildkamera entdeckt werden. Was wir suchen, sind Rehkitze.

Ein gutes Versteck. Nur nicht gegen den Kreiselmäher
Eine ungemähte Wiese ist eigentlich ein prima Versteck für ein Rehkitz. Seine natürlichen Feinde wie zum Beispiel der Fuchs können das Kitz nicht wittern und in der Wiese ist es tief geduckt unsichtbar. In den ersten beiden Lebenswochen hat ein Rehkitz auch noch keinen Fluchtreflex und muss sich versteckt sein. Das hat die Natur so ganz gut eingerichtet. Aber sie hat nicht mit einem Kreiselmäher gerechnet. Mit bis zu 20 km/h Geschwindigkeit und einer Breite bis zu sechs Metern sind sie tödliche Fallen für die Neugeborenen. Mit ihren scharfen Messern mähen sie nicht nur das Gras, sondern fügen den Kitzen tödliche Verletzungen zu. Trennen Beine von den Körpern, so dass die Kitze oft noch einen stundenlangen Todeskampf haben.

Verantwortungsvolle Landwirte arbeiten schon lange mit den Jägern in ihren Gebieten zusammen, um herauszufinden, wo die Kitze liegen, so dass möglichst wenig vermäht werden. Aber die Kitze sind so gut versteckt, dass man sie beim bloßen Begehen der Wiesen kaum findet.

Effiziente Suche mit der Wärmebildkamera
Viel bessere Resultate liefert die Wärmebildkamera. Während der Pilot die Drohne mit der Wärmebildkamera fliegt, sieht der Copilot auf dem Monitor, ob sich im überflogenen Gebiet Kitze verstecken. Hat der Copilot eines entdeckt, kann er mit dem Walkie-Talkie die Helfergruppe genau einweisen und direkt zum Kitz führen, ohne dass viel Wiese zertrampelt wird. Die Helfer, ausgestattet mit Kunststoffwannen, fangen das Kitz ein, setzen es in die Wanne und transportieren es zum nahen Waldrand. Dort wird es möglichst so lange zurückgehalten, bis der Landwirt seine Wiese gemäht hat und das Kitz gefahrlos wieder freigelassen werden kann. Das sollte innerhalb der nächsten zwei bis drei Stunden passiert sein, denn so lange ist die Rehgeiß unterwegs, bevor sie ihr Kitz wieder säugen muss.

Heute fliegt die Drohne nicht vergebens, denn es werden zwei Rehe im hohen Gras aufgescheucht und Richtung Wald abgedrängt. Kitze aber sind keine versteckt. Der Kreiselmäher kann loslegen.

Hoher Blutzoll: Bis zu 100.000 Kitze werden vermäht
Laut Jagdverband werden pro Saison in Deutschland ca. 100.000 Kitze vermäht. Ein unhaltbarer Zustand, fand der Initiator der Wildtierrettung Bad Waldsee e.V., Christof Rauhut. Zwar ist jeder Landwirt verpflichtet, vor dem Mähen seine Flächen abzusuchen. Aber die Kitze machen das Auffinden nicht einfach. Wenn der Jagdpächter die Flächen beobachtet und sehen kann, dass eine Geiß in die Wiese geht, hat er einen Anhaltspunkt zur Suche. Aber noch lange keine Gewähr, das Kitz auch zu finden. Viel effektiver ist der Einsatz der Wärmebildkamera. Vor ein paar Jahren ist das noch an den exorbitanten Kosten, bis zu 30.000 Euro, gescheitert. Erst als die Kosten für ein System, bestehend aus Drohne, Kamera, Monitor, mit etwa 8.000 Euro für den engagierten ITler und Fotografen Christof Rauhut auf ein überlegenswertes Niveau gefallen war, kam die erste Drohne ins Haus Rauhut und die Chancen für die Kitze um Bad Waldsee stiegen.

Ein Übriges tat die Bundesregierung. Ein eingetragener Verein kann für die Wildtierrettung per Drohnenflug Förderung bekommen. Flugs wurde ein Verein gegründet, Förderung beantragt und der Verein konnte bald darauf mit Unterstützung der Bundesregierung zwei weitere Drohnen im Wert von je ca. 8000 Euro anschaffen. Dafür wird jetzt auch genau Buch geführt, wie viele Kitze gerettet, wie viele Hektar Fläche abgeflogen wurden. Denn auf Verlangen muss der Verein seine Leistung nachweisen können.

160 Rehkitze gerettet
In dieser Saison, sie geht von Anfang Mai bis Mitte Juni, hat die Wildtierrettung Bad Waldsee mit drei Drohnen bisher 70 Einsätze geflogen, dabei etwa 160 Wiesenstücke mit knapp 800 Hektar, das sind mehr als 1000 Fußballfelder, abgesucht und mehr als 160 Kitze vor grausamen Verstümmelungen und dem sicheren Tod bewahrt.

Als nächstes steht die Anschaffung einer Drohne mit Nachtsichtfertigkeiten auf dem Programm, um bei Wildunfällen eine effektive Nachsuche nach verletzten Tieren zu gewährleisten.

Für den Landwirt entstehen keine Kosten
Wie Christof Rauhut betont, ist der Einsatz der Drohnen inklusive Suchteam für den Landwirt völlig kostenlos. Die 60 Helfer stehen aus Idealismus und Tierliebe gerne morgens um vier Uhr auf, fahren auf eigene Kosten zum Einsatzort und in der Regel vom morgendlichen Einsatz direkt zur Arbeit. Die Wildtierrettung wünscht sich für die nächste Saison noch mehr Landwirte, die diesen kostenlosen Service zum Schutz der Tiere in Anspruch nehmen und vor allem noch viele weitere Nachahmer der Wildtierrettung, damit viele süße Bambis eine Chance auf einen guten und unverstümmelten Start ins Leben haben.

Wildtierretter arbeiten ehrenamtlich. Gerne nehmen sie Spenden entgegen
Die Wildtierrettung finanziert sich ausschließlich über Spenden und wer ein Herz für die Rehkitze hat, für dessen Spende auf Konto DE95 6509 1040 0172 4050 09
Wildtierrettung Bad Waldsee e.V. bedanken sich Christof Rauhut und seine 60 ganz herzlich.

Text: Erwin Linder

 

Fotos und Video: Wildtierrettung Bad Waldsee (Christof Rauhut); Erwin Linder

Das Video finden Sie am Ende der Foto-Strecke.

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Die Waldseer Wildtierretter umfassen derzeit 60 Personen. Hier einige der Aktivisten um Christof Rauhut (links).

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Mit einer Wärmebildkamera an Bord dieser Dohne werden die Kitze im hohen Gras geortet.

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Der Monitor des Suchsystems.

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In solchen Boxen werden die Kitze an einen sicheren Ort verbracht. Natürlich benutzen die Helfer dabei Handschuhe, damit keine menschlichen Geruchsspuren an den Tieren haften können.

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Gerettet: Dieses Kitz wurde aus der zum Abmähen heranstehenden Wiese an einen sicheren Ort verbracht.

 

 

 

 

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