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Zum Kommentar "Zieht nicht in diesen Krieg!" (DBSZ vom 22. April) und zum Leserbrief von Dr. Wolfgang Hübner (DBSZ vom 26. April)

Bad Wurzach (Leserbrief) - Als ich 1959 beim Gebirgsjäger-Bataillon 232 in Berchtesgaden zur freiwilligen, vorzeitigen Ableistung meines Wehrdienstes einrückte, gehörte ich, aus heutiger Sicht, noch zur Gründergeneration der Bundeswehr. Später mein Wechsel zur Bayerischen Bereitschaftspolizei, wobei der fundamentale Unterschied nur im Wechsel der Uniform und der „knitterfreien“ Kopfbedeckung bestand. Alle Ausbilder und Führer ab 40 Jahren, hier wie dort, hatten bei Wehrmacht oder Waffen-SS gedient. Jeder dieser Soldaten wusste, was Krieg und teilweise auch Gefangenschaft bedeutet.

Der Wehrwille war auch bei uns Jungen vorhanden. Wir schauten zu den Erfahrenen auf, während die Dienstfreude sicher gelegentlich unterentwickelt war (Sch…..-Barras). Nachdenklichkeit über unsere damalige Lage bestand kaum.

Aber in Wirklichkeit war es mehr Verdrängung. Gerade die Alten waren zusammen mit ihren ehemaligen Front-Kameraden, die jetzt einer Ostblockarmee angehörten (der Nationalen Volksarmee der DDR), im gleichen Graben gestanden und hatten Leid und Gefahr geteilt. Auch mein älterer Cousin diente in der NVA. Wie ich später von ihm erfuhr, hatte er für seine Einheit, zusammen mit einer „Betriebskampfgruppe“, einen festen Sektor für den Angriff auf den Westen zugeteilt bekommen.

Als ich 1961 meinen Dienst bei der Bereitschaftspolizei begann, besaß diese nach dem Völkerrecht nicht einmal den Kombattantenstatus. D.h., die Gegenseite hätte uns einfach wie Partisanen „an die Wand“ stellen können. Etwas berührte uns eine Sendung im DDR-Propaganda-Rundfunk, bei der alle Neuzugänge der Bayerischen Bereitschaftspolizei am Standort Würzburg namentlich genannt  wurden. Ein klares Zeichen, dass es in unseren Reihen einen Verräter gab, der für die Stasi oder den sowjetischen Geheimdienst arbeitete.

Der erste Einsatz unserer jungen Hundertschaft (entspricht einer Kompanie) galt dem Schutz des diesseits der Grenze stehenden Senders Ochsenkopf im Fichtelgebirge, zu dessen Sprengung sich die ostdeutsche FDJ verpflichtet hatte. Wir hoben Schützengräben und MG-Stände aus. Von der FDJ ließ sich aber niemand blicken. Ein Kollege von der Grenzpolizei sagte damals zu mir: „Ehrlich gesagt, ich habe vor Euch Jungspunden mehr Angst als vor der FDJ, dass einer von Euch mal durchdreht und einen von uns für einen FDJler hält und den Abzug durchzieht.“

Die Bedrohung war allgegenwärtig. Die Sowjets warnten, dass acht Wasserstoffbomben ausreichten, um Deutschland vollständig „platt“ zu machen. Die Franzosen wollten uns mit ihren mit Atomsprengköpfen versehenen „Pluton-Raketen“ im Falle eines Angriffs aus dem Osten "schützen". Diese Sprengköpfe wären alle innerhalb des Gebietes der Bundesrepublik explodiert.

Dazwischen mehrere gefährliche Krisen in Europa: 1953 Volksaufstand in Ostberlin, 1956 Volkserhebung in Ungarn, 1968 Tschechenkrise, 1981 Arbeiteraufstand in Polen, Ausrufung des Kriegsrechts. Jede dieser Krisen hätte zum Atomkrieg führe können.

Das wusste auch Bundeskanzler Helmut Schmidt, der um 1980 nicht bereit war, den Drohungen der Sowjets nachzugeben und der deshalb der Stationierung von Atomraketen bei Schwäbisch Gmünd zustimmte. Bei einem Angriff der Gegenseite wäre der Raum um Schwäbisch Gmünd vermutlich ausgelöscht worden.

Zu dieser Zeit waren wir noch wehrhaft, besaßen eine nicht nur zahlenmäßig, sondern auch wehrtechnisch respektable Armee.

Bereits während meiner Studienzeit (1967 - 1971) begann im Westen Deutschlands der allgemeine Gesinnungswandel. Zunächst durften Bundeswehroffiziere noch an die Schulen kommen. Kultusminister überboten sich schließlich mit Beschränkungen dieses Rechts. Schulleiter weiterführender Schulen sprachen, mit Berufung auf ihr Hausrecht, sogar Betretungsverbote für Bundeswehrangehörige aus. Häufig waren diese Schulleiter und Lehrer den politischen Farben Rot oder Grün zuzurechnen! Die Behauptung, "Soldaten sind Mörder“, wurde in diesen Kreisen offen geteilt und auch den Schülern vermittelt.

Was für ein Gesinnungsumschwung! Diejenigen, die sich noch vor Monaten als absolute Pazifisten ausgaben, fordern jetzt Waffen, und zwar möglichst viele und die Lieferung möglichst schnell. Die  Floskel, trotz Unterstützung mit Kriegsmaterial seien wir nicht Kriegspartei, ist lächerlich!

Wenn man über so viele Jahre hinweg die Entwicklung verfolgen konnte, fällt es schwer, sich der Sorge zu entledigen, dass das gutgehen kann. Die frühere linksgrüne pazifistische Propaganda hat jetzt, zusammen mit Gelb und Schwarz, auf den Kriegsmodus umgestellt.

Niemand kennt die Folgen!

Hans-Joachim Schodlok, Bad Wurzach

 

Zieht nicht in diesen Krieg!

 

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