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Bad Wurzach - Ein Helfernetzwerk um Bianca Malthaner und Tochter Kim aus Ziegolz hat 43 Menschen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Polen geflüchtet waren mit einem von Müller Reisen kostenlos zur Verfügung gestellten Bus aus einem Lager in Warschau nach Oberschwaben geholt.

 

Bianca Malthaner wollte, ja musste helfen als sie die ersten Bilder über den russischen Angriff auf die Ukraine im Fernsehen gesehen hatte. Sie überlegte wie diese Hilfe aussehen könnte: Zunächst mit Sammeln von Lebensmitteln und dringend benötigten Dingen des täglichen Bedarfs für die Geflüchteten, die Warschau in Lagern auf eine baldige Rückkehr hofften.

Mit den Lebensmitteln sollten dort die Leute unterstützt werden, die bereit waren Familien aufzunehmen. So entstand in kürzester Zeit ein riesengroßes Netzwerk und ein großes Lager.

Dann kam die Idee, auf privatem Wege eine Familie nach Deutschland zu holen und für deren Unterbringung zu sorgen.

Elke Müller von Müller Reisen war Teil des sich in kürzester Zeit gebildeten Netzwerkes und erklärte sich spontan bereit einen großen Reisebus samt zweier Fahrer für die Rettungsaktion zur Verfügung zu stellen. Und nicht nur das, sie sorgte auch dafür, dass sämtliche bürokratischen Hindernisse wie Mautgebühren für die polnischen Autobahnen aus dem Weg geräumt wurden. „Einfach großartig,“ ist Bianca Malthaner nach wie vor sehr berührt von der Großzügigkeit der Busunternehmerin.

Vorab hatte Malthaner im Netzwerk Unterbringungsmöglichkeiten gesucht und gefunden, dazu Dolmetscher, Ärzte und Sanitäter die sich um die zumeist traumatisierten Menschen kümmern wollten. „Die Hilfsbereitschaft ist so Mega groß wie wir sie uns nie hätten vorstellen können“, sagt Bianca Malthaner. „Hervorzuheben sind dabei auch die privaten Unterkunftsanbieter, die einfach ukrainische fremde Menschen in die Mitte ihrer Familie herzlichst aufnehmen.“

Über eine Kontaktperson, an die Malthaler „über 20 Ecken“ gekommen war, wurde in dem Lager festgelegt, wer mit dem Bus nach Deutschland gebracht werden sollte. Zu den ursprünglich 36 Personen – Kranke, Ältere und Mütter mit Kindern im Alter von 4-70 Jahren – gesellte sich dann noch zusätzlich eine Gruppe von sieben gehörlosen Menschen.

Tochter Kim Malthaner, die auf der Fahrt den Kontakt zur Mutter und dem Netzwerk hielt, erzählt, wie es war als in dem Lager beim Warschauer Bahnhof die ausgewählten Leute eingesammelt wurden. Sie hatte die Aufgabe, die Menschen zu beruhigen, damit nicht alle gleichzeitig auf den Bus losstürmten. Und als da überraschend die Gruppe der Gehörlosen vor ihnen stand und weil noch Platz im Bus war, sie ebenfalls mit einsteigen durften. „Auch die Kommunikation mit ihnen hat funktioniert, sie können ja lesen. Erst wurde auf dem Handy vom Deutschen ins Ukrainische übersetzt und danach in die Gebärdensprache übertragen.“

Wie sehr die Menschen traumatisiert sind, zeigt das Beispiel eines Mädchens das, als alle im Bus saßen noch kurz zuvor mit einem anderen Kind gespielt und gelacht hatte, plötzlich von einer Sekunde auf die andere – als der Bus sich in Bewegung setzte – nach ihrem Vater rief und sich fast nicht mehr beruhigen ließ, als es realisierte, dass dieser weit weg war und nicht mitfahren konnte.

Kim konnte eine junge Frau – kaum älter als sie selbst – kurz nach der Ankunft am Abend in Bad Wurzach überreden, zu bleiben um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Diese wollte nämlich wie eine Getriebene allein und sofort weiter zum Bahnhof in Ravensburg fahren. Ein Bad Wurzacher Gasthaus bot ihr eine Übernachtungsmöglichkeit und bekochte sie auch noch.

Bianca Malthaner berichtet auch von einem, beinahe als göttlichen Fingerzeig zu nennenden Zufall: Ein 40jähriger schwer gehbehinderter Mann, der an einer sehr seltenen Krankheit leidet, kam bei einer Familie unter, deren Tochter an genau dieser Krankheit leidet.

Und die russische Mär, dass nur militärische Ziele in der Ukraine angegriffen würden, konnte der Mann widerlegen, der sich dafür entschuldigte, nur mit Jogginghosen bekleidet die Reise angetreten zu haben und der während der Fahrt 70 Jahre alt wurde. Beim Abendessen fielen Bomben auf das Haus, er und seine ebenfalls schwer kranke Frau konnten sich praktisch nur mit dem was sie am Leib trugen aus dem völlig zerstörten Gebäude retten.

Bianca Malthaner, die in den letzten Tagen oft Zweifel an ihrem Tun befielen, denkt und dachte weiter: Wichtig war ihr, dass sie zunächst eine Unterkunft für die Leute gefunden hat, wo sie sich ausruhen konnten und ihre Zukunft nachdenken. „Denn sonst landen die Leute in einem Lager.“

Diese Herangehensweise, dieses Konzept hat auch Elke Müller überzeugt. Bianca Malthaner dazu: „Du hast mir vertraut. Und genau dieses Vertrauen müssen auch die Flüchtlinge , die niemanden auf der Tasche liegen wollen, zu uns aufbauen.“ Sehr berührt hat die Busunternehmerin auch das Ansinnen ihres Fahrers, der seit 30 Jahren auf Fernreiserouten unterwegs ist: „Er wollte seine Hotelkosten selbst zahlen.“ Dessen Feedback zu der Reise war bezeichnend dafür, wie geschockt die Menschen von dem Krieg sind. „Die Stille im Bus während der ganzen Reise hat ihn doch sehr angefasst.“ Überrascht haben Müller auch die polnischen Behörden und privaten Autobahnkonzessionäre, die spontan auf die nicht gerade günstigen Mautgebühren verzichteten.

Eine große Solidarität verspürt Müller auch bei ihrem Verband: „Innerhalb kürzester Zeit waren 40 Unternehmer zu ähnlichen Aktionen bereit.“

Bianca Malthaner, die sieht wie schwierig es ist, den Flüchtlingen klar zu machen, dass sie Ruhe brauchen, damit sie Zeit haben, sich ihre weiteren Schritte zu überlegen. „Unsere Hilfe ist eine kleines Tröpfchen, das vielleicht mithilft, das Fass zum Überlaufen zu bringen.“

Um weitere Hilfe leisten zu können hat sie gemeinsam mit der evangelischen Kirchengemeinde Bad Wurzach ein Spendenkonto eingerichtet:
IBAN DE36 6509 1040 0075 6280 07.

Bei Spenden bitte als Verwendungszweck bitte „Ukrainische Flüchtlinge“ angeben.


Bericht und Bild Ulrich Gresser

 

 

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