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Bad Wurzach - Wer kennt es nicht, das Gedicht und geistliche Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“, das der Theologe und NS-Regimekritiker im Angesicht seiner drohenden Exekution aus der Haft im Dezember für seine Lieben aufschrieb.

Es wurde zu seinem bekanntesten. Wegen der erforderlichen Abstandsregeln fand die „Szenische Lesung“ des Stuttgarter Wortkinos durch Gesine Keller zum Gedächtnis an Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag sich 2020 zum 75. Mal jährte, organisiert von der evangelischen Kirchengemeinde Bad Wurzach vor voll besetzter Bestuhlung in der Turnhalle des Salvatorkollegs statt.

Ein Schreibtisch mit Lampe und Schreibmaschine, eine Büropflanze und ein wenig Licht mehr brauchte die Schauspielerin Gesine Keller nicht auf dem kleinen Bühnenpodest, um das spannende Leben von Dietrich Bonhoeffer darzustellen. Dabei wechselte sie in ihrer Lesung häufig zwischen der Biographie des Theologen und der zeitgeschichtlichen Einordnung der Ereignisse.

Dietrich Bonhoeffer wird 1906 in Breslau in eine Familie der deutschen Oberschicht und in eine Zeit hineingeboren, in welcher der Glaube an den Fortschritt und die Wissenschaft gerade beginnt, Wurzeln bei den Menschen zu schlagen ebenso wie der Glaube die Armut und die sozialen Probleme in Europa erfolgreich bekämpfen zu können. Die Weltausstellung in Paris galt als der „Beginn einer neuen Ära“.

Doch kurz nachdem die Familie Bonhoeffer nach Berlin umgezogen war – der Vater erhielt dort den Lehrstuhl für Psychologie und die Leitung der Charite übertragen – brach der Erste Weltkrieg aus. 10 Millionen Tote, 20 Millionen Verwundete forderte der Krieg, nicht mitgerechnet die 20 Millionen Menschen in Europa, die an den Folgen des Krieges, etwa durch Mangelernährung von der Grippe dahingerafft wurden und die eine Million Menschen, die in Deutschland verhungerten. Die Anzahl der Suizide vervielfachte sich in den Städten, auch der Knabe Dietrich Bonhoeffer bekam dies in den letzten Kriegsjahren hautnah mit.

Von der Mutter gemeinsam mit seinen Geschwistern zu Hause unterrichtet, machte ihn diese Erziehung zu einem kritischen Menschen. Von ihr stammt auch der Satz: „Den Deutschen (Männern) wird zweimal das Rückgrat gebrochen, zuerst in der Schule und dann beim Militär.“

Als er 1923 das Studium der Evangelischen Theologie in Tübingen aufnahm, wurde er nicht nur in der Familie zum belächelten Außenseiter. Sein Studienfreund Eberhard Bethge Beschreibt dessen Dilemma: „Weil er einsam war, studierte er Theologie, durch die Theologie war einsam.“

Ausgerechnet seine Romreise mit 18 Jahren brachte ihm die Offenbarung, sie beantwortete ihm auch die Frage „Was ist Kirche?“ Nach dem Vikariat in Barcelona, seiner Habilitation über „Akt und Sein“ in Berlin, folgte ein Studienaufenthalt in New York. Dort begann er nach eigenen Erlebnissen, etwa aufgrund der Diskriminierung von Schwarzen, und auf Anregung seines französischen Mitstudenten Jean Lasserre sich mit politischen Fragen und dem Thema „Frieden“ auseinander zu setzen. „Man kann nicht Christsein und gleichzeitig Nationalist,“ gab dieser ihm mit auf den Weg.

Aus dieser Zeit stammt auch Bonhoeffers bekanntes Zitat über die Dummheit.„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten, als Bosheit.“ Und weiter: „Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, notfalls mit Gewalt verhindern. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichts sagende Einzelfälle beiseite geschoben werden.“

Ab 1931 arbeitet er als als jüngster Privatdozent und Hilfsprediger am Prenzlauer Berg, wird Jugendsekretär des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen.

Wie das NS-Regime nach der Machtergreifung auf Kritik reagiert bekam Bonhoeffer bereits am ersten Tag zu spüren: Am 1. Februar 1933 hielt Bonhoeffer den Radiovortrag „Wandlungen des Führerbegriffes“. Er verlangte darin eine Begrenzung totaler Machtfülle des Kanzleramtes durch rechtsstaatliche Ordnung und Volkswohl: „Der Führer wird sich dieser klaren Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewußt sein müssen. Läßt er sich vom Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers, dann handelt er verbrecherisch am Geführten wie an sich selbst.“ Mitten unter dem Vortrag wurde die Radioübertragung wegen der deutlichen Kritik am „Führerprinzip“ abgebrochen...

Doch Bonhoeffer ließ sich davon nicht beirren, bekam er doch die Judenverfolgung bei einem Mitpfarrer und einem Schwager von Anfang an hautnah mit. Er setzte sich in einem Aufsatz auch kritisch mit der Haltung der Kirchen zur „Judenfrage“ auseinander, nachdem diese nach dem Erlass des „Arierparagraphen“ stumm geblieben waren.

Nach der Schließung des Finkenwalders Priesterseminars durch die Gestapo 1937 bekam Bonhoeffer 1938 erste Kontakte zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 1938 entschloss sich das Ehepaar Gerhard und Sabine Leibholz, Bonhoeffers Zwillingsschwester, wegen der weiter verschärften Judengesetzgebung nach England zu emigrieren. Bonhoeffer nutzte seine Verbindungen dorthin, damit Leibholz als Berater von Bischof George Bell tätig werden konnte. Bell hatte Bonhoeffer 1933 in London kennengelernt hatte, der damals offen gegen die Deutschen Kirchen opponierte.

Ab 1940 diente Bonhoeffer als Verbindungsmann zwischen den zum Teil hochrangigen Militärs im Widerstandes, die ein Attentat auf Hitler planten bei Verhandlungen mit den Alliierten. Auf Reisen nach Norwegen, Schweden und der Schweiz konnte er unter anderem Bischof Bell 1942 geheime Dokumente über den Widerstand zu überreichen, die jedoch vom britischen Außenminister Eden für „nicht im nationalen Interesse Großbritanniens“ eingestuft wurden.

Zur Jahreswende 1942/1943 schrieb Bonhoeffer einen sehr persönlichen Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre, in denen sein Widerstand gegen den NS-Terror reifte und ihm zu bleibenden Erkenntnissen über christliche Lebenshaltung verhalf. In diesem Zusammenhang prangerte er den Mangel an Zivilcourage und die Veränderung des Wertesystems in Deutschland an: „Wir haben in diesen Zeiten fast nirgends Zivilcourage gefunden, auch bei uns selbst nicht.“ Es sei zu einfach dies auf persönliche Feigheit zurück zu führen: „Wir Deutsche haben in einer langen Geschichte gehorsam lernen müssen.“ Darin sah er Sinn und Größe. „Seine Freiheit wahrte der Deutsche darin, dass er sich vom Eigenwillen zu befreien suchte im Dienst am Ganzen.

Aber er hatte damit die Welt verkannt; er hatte nicht damit gerechnet, dassseine Bereitschaft zur Unterordnung missbraucht werden könnte. Geschah dies, dann mussten alle sittlichen Grundbegriffe ins Wanken geraten.“ Eine entscheidende Grunderkenntnis fehlte: „Die Kenntnis von der freien, verantwortlichen Tat.„An ihre Stelle trat verantwortungslose Skrupellosigkeit und selbstquälerische Skrupelhaftigkeit. Zivilcourage aber kann nur aus freier Verantwortung freier Menschen erwachsen.“

Nach den gescheiterten Anschlägen auf Hitler aus der Gruppe um Canaris, Oster und Klaus Bonhoeffer wurde Dietrich Bonhoeffer erstmals verhaftet, eine Beteiligung an Umsturzversuchen konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden. Erst nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 konnte Bonhoeffer nach dem Fund der „Zossener Akten“ die Beteiligung nachgewiesen werden, er wurde in den Gestapokeller in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht. Anfang 1945 kam er ins KZ Buchenwald, danach nach Schönberg und schließlich nach Flossenbürg, wo er am 09. April 1945 ermordet wird.

Seinen Eltern erfuhren vom Tod Dietrich Bonhoeffers erst sechs Wochen danach von Bischof Bell während eines im Radio von der BBC übertragenen Gedenkgottesdienstes.

Nachsatz zu dem Programm von Norbert Eilts:

„Während die Welt in einer emotionslosen Brutalität versank, kämpfte der in Breslau geborene Pfarrer Dietrich Bonhoeffer während der Zeit des Nationalsozialismus für die Bewahrung christlicher Werte. Mit seinem unbestechlichen Gefühl für Recht und Unrecht und seinem Mut zu Entscheidungen, die ihm selbst unbequem waren, wurde der beispielhafte Pfarrer aus Deutschland weltweit zu einem Hoffnungsträger. In England zählt Dietrich Bonhoeffer zu den zwanzig Märtyrern des 20. Jahrhunderts, die als in Stein gehauene Figuren über dem Portal der Kirche Westminster Abbey dargestellt sind.

Biografie eines furchtlosen und mutigen Mannes, der seine aufrechte Haltung auch im Angesicht des Terrors und des Todes nicht verlor.“

Nach den letzten Sätzen von Gesine Keller und derem Abgang von der Bühne herrschte erst einmal Schweigen in der Halle. Dann jedoch erhielt sie begeisterten Applaus. Pfarrerin Barbara Vollmer bedankte sich bei ihr mit einem Präsent und verbal bei den Sponsoren, der ökumenischen Kurseelsorge, der VBAO, dem evangelischen Bildungswerk und dem Rotary-Club Bad Waldsee ohne die eine solche Veranstaltung nicht stattfinden konnte.

Gesine Keller wiederum betonte in ihrer Dankesrede, wie existenziell wichtig diese Auftrittsmöglichkleiten für die von Corona gebeutelte Künstlerbranche sind.

 

Bericht und Biler Ulrich Gresser

 

17lesung

 

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