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Bad Wurzach - Georg Misch lebt seit drei Jahren im betreuten Wohnen im Schloss, hat aber schon länger enge Bezugspunkte zu Bad Wurzach: Seine Tochter wohnt schon lange in hier und war einige Jahre Leiterin der Bad Wurzach Info – und er wurde unweit der polnischen Partnerstadt Popielow geboren.

Bürgermeisterin Alexandra Scherer kam nicht mit leeren Händen und überreichte dem Jubilar einen Blumenstrauß und den Jubiläumsband, der anlässlich des runden Geburtstages, den das Ländle in diesem Jahr gefeiert hat, herausgegeben wurde.

Georg Misch machte bei der damaligen Oppelner Kreissparkasse seine Ausbildung zum Bankkaufmann. In Popielow entdeckte er seine Liebe und sein Talent für die Musik. Bei einer Musiklehrerin, die an der Hohner Akademie in Trossingen studiert hatte, lernte er das Spiel auf der Diatonischen Handharmonika (36 Tasten, 72 Töne) ab seinem achten Lebensjahr. Dazu kam er, nachdem er mit seinen Eltern ein Konzert des dortigen Harmonium-Orchesters besucht hatte, nachdem zuvor sein Hauptinteresse dem Fußball galt. Mit 10 Jahren hatte er es zur Konzertreife gebracht und wurde jüngstes Mitglied des Orchesters.

Kurz nach seiner Einberufung geriet er als 17jähriger in Kriegsgefangenschaft und kam in ein Gefangenenlager bei Saporischschja. „Eingepfercht wie die Heringe lebten 3.000 Gefangene in dem Lager, mussten unter den Schlimmsten Bedingungen an Hochöfen arbeiten.“ Viele Jahre konnte er nicht über diese fünf Jahre seines Lebens reden. Die schlimme Zeit dort hatte er lange erfolgreich verdrängt, aber durch den Krieg in der Ukraine kamen die Ereignisse von damals jetzt wieder hoch. Er galt zwei Jahre als vermisst. 1949 wurde er entlassen. Die erste Karte, die er an seine Eltern schreiben konnte, kam erst fünf Jahre, nachdem er längst in Deutschland lebte, bei ihm an.

Als Treffpunkt nach dem Krieg hatte die Familie den Ort Bechhofen bei Ansbach ausgemacht. Dorthin war er im zugigen Güterwaggon unterwegs, als ihn sein direkter Sitz-bzw. Liegenachbar ihn fragte, wohin er unterwegs sei. Wie der Zufall es wollte, stammte er aus genau diesem Ort und er kannte sogar die Dame, bei der sich die Familie treffen wollte. Diese nahm ihn, dort angekommen, wie ihren eigenen Sohn auf. Die Verwaltung des Ortes wollte ihn bereits in das Auffanglager Friedland abschieben, als dem 22 jährigen seine andere Passion, der Fußball entscheidend helfen sollte: „Können sie Fußballspielen?“ kam plötzlich die Frage und plötzlich konnte er in Bechhofen bleiben, bekam einen Job in der Pinselindustrie.

Kurz darauf hörte ein Bekannter im Radio – den Apparat hatte ihm Georg Misch verkauft, weil er keine Verwendung dafür hatte – dass in Stuttgart junge Bankkaufleute gesucht wurden. Da er ganz alleine war – seine Eltern lebten nach wie vor in Popielow (sie durften erst 1963 ausreisen) – machte er sich auf den weg nach Stuttgart, wurde dort genommen und machte rasch Karriere. Dort lernte er dann auch seine Frau Waltraud kennen, es war Liebe auf den ersten Blick, auch wenn er – sehr schüchtern und zurückhaltend wie er war – schon kurz davor war aufzugeben. Bis sie ihn mit einer Einladung zu einem Konzert überraschte...
1956 wurde geheiratet, 1960 kam Tochter Petra zur Welt, später gesellte sich noch Sohn Jochen dazu. Georg Misch kletterte inzwischen die Karriereleiter nach oben, bei der Einweihung der modernsten und größten Filiale der Dresdner Bank in Zuffenhausen wurde sogar Gotthilf Fischer als Stargast engagiert, der es dann tatsächlich schaffte, die vielen Menschen, die sich vor der Filiale versammelt hatten zum Singen zu bringen. Als Filialleiter verabschiedete er sich in den Ruhestand.

Nachdem seine Frau vor einigen Jahren verstorben war, wechselte er ins Schloss nach Bad Wurzach, nachdem er schon viele Jahre nach Bad Wurzach zur Kur gekommen war.

Georg Misch ist überzeugt, dass die Musik, für die er während seiner Zeit als Leiter der größten Dresdner-Bank-Filiale in Stuttgart keine Zeit mehr hatte, ihn geistig fit hält. Und als seine Tochter Petra ein E-Piano anschleppte, brachte er sich noch im hohen Alter autodidaktisch das Klavierspiel bei. Gerne hört er auch immer beim Serenadenkonzert zu und lobt die hohe Qualität der Musiker und wundert sich, dass fast jedes Dorf eine sehr gute Musikkapelle hat.

Im Scherz drohte Georg Misch der Bürgermeisterin beim Abschied, eine Auge auf sie zu haben, hat er doch von seinem Fenster im dritten Stock des Schlosses aus einen wunderbaren Blick auf den Schreibtisch der Rathauschefin...

 

22Geb.95

 

Text Gerhard Reischmann

 

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