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Bad Waldsee - „Zukunftsprogramm Gesundheitsregion Oberschwaben“, unter diesem Titel präsentierte das BAB Institut für betriebswirtschaftliche und arbeitsorientierte Beratung GmbH, zu Hause in der Hansestadt Hamburg, das vom Kreistag in Auftrag gegebene Gutachten zur Standortentwicklung der Oberschwabenklinik und damit zum Schicksal des Waldseer Krankenhauses.

„Geben Sie der Gesundheitsstadt Bad Waldsee eine Chance“, rief OB Henne in seiner engagierten Eröffnungsrede vor etwa 100 interessierten Zuschauern den Entscheidungsträgern zu, bevor Meike Thun vom BAB das Gutachten vorstellte. Das BAB Hamburg ist ein renommiertes Institut mit langer Tradition und berät Unternehmen im sogenannten Change-Prozess.

Wie zu erwarten spulte Meike Thun sehr professionell ihren Vortrag ab, unterfüttert mit jeder Menge Folien mit Diagrammen, Zahlen und Schaubildern in bunten Farben.

Als Zuhörer war man schon geneigt zu sagen, Respekt, die haben das von allen Seiten beleuchtet und raus kommen kann nur, was rausgekommen ist: Das Waldseer Krankenhaus wird dicht gemacht.

Vier „Szenarien“ hat das BAB durchgespielt und durchgerechnet.

  1. Fortführung der Standorte Ravensburg, Wangen und Bad Waldsee
  2. Fortführung der drei Standorte und Berücksichtigung des Abbaus von Doppelstrukturen
  3. Konzept mit zwei Standorten und Berücksichtigung des Abbaus von Doppelstrukturen
  4. Ein-Haus-Konzept, das heißt: Schließung von Wangen und Bad Waldsee; der Sicherstellungsauftrag des Landkreises Ravensburg wird allein durch das EK in Ravensburg wahrgenommen

Je weiter Meike Thun in ihrem Vortrag fortfuhr, umso düsterer wurden die Aussichten für das Bad Waldseer Krankenhaus.

Zu wenig Leistungen, zu wenig Patienten, zu wenig Notfall-Patienten, zu wenig Fachkräfte, Ausbau der Endoprothetik in Bad Waldsee nicht möglich, da zu wenig OP-Säle: Kurzum, das Bad Waldseer Krankenhaus hat ihrer Expertise zufolge keine Zukunft.

Ein Aufschrei der Empörung ging durch das Auditorium, als Meike Thun empfahl, wenn man sich mal in den Finger geschnitten hätte, zuerst in einer Gesundheits-App nachzusehen, bevor man zum Arzt geht. Überhaupt stellte sie der Telemedizin ein gutes Zeugnis aus.

Auch wenn BAB für das Szenario mit der Schließung von Bad Waldsee und Wangen den größten wirtschaftlichen Effekt, nämlich einen Schwarze Null, errechnete (Thun: „Nur die 1-Häusigkeit schafft das Defizit ab“), empfiehlt das Gutachten das Szenario 3 mit den beiden Standorten Wangen (wo die Endoprothetik konzentriert werden soll), und Ravensburg. Lapidar für Bad Waldsee steht im Gutachten „Am Standort Bad Waldsee kann eine hinreichende medizinische Versorgung durch die erweiterte MVZ-Struktur (Praxen) erreicht werden.“ Wie ein Bad Waldseer Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) konkret aussehen kann, wurde nicht erläutert.

Achim Momm, ebenfalls von BAB und Moderator des Abends, gab anschließend die Diskussion frei.

Erster am Mikro war Dr. Sapper, Chefarzt am Bad Waldseer Krankenhaus. „Stellvertretend für alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bad Waldseer Krankenhauses möchte ich sagen, Sie (die Zuschauer) brauchen im Moment nicht beunruhigt zu sein, wir machen alle unsere Arbeit und stehen zusammen im Krankenhaus. Es gibt noch niemand, der das Team verlassen hat.“ Klarstellung an Frau Thun: „Sie sprechen in diesem Zusammenhang wieder von Notaufnahmen-Patienten. Wir haben in Bad Waldsee keine Notaufnahme. Was an Notfällen hereinkommt, machen die Ärzte neben ihrem normalen Dienst mit.“ Man habe einen Weg gefunden, der die Patienten zufriedenstellt „und auch kostengünstig ist“.

Dr. Sapper ging auch auf die Betrachtung des 20-Minuten-Radius ein, aus dem sich die Patienten rekrutieren. In diesem Radius sind auch die Krankenhäuser Ravensburg und Wangen. Und die Patienten von dort sollen ja auch in die näheren Krankenhäuser kommen.

Karl Schmidberger vom Anästhesie-Team in Bad Waldsee ging auf die Fluktuation ein und sagte, „jeder von uns hat einen Plan B in der Tasche“ und wenn man die Endoprothetik in Bad Waldsee schließt, muss man die Fachkräfte gegen teures Geld bei Leiharbeitsfirmen wieder engagieren.

Er brachte auch als erster den dritten OP-Saal in Bad Waldsee zur Sprache. Der geforderte und anscheinend nicht realisierbare Raum sei im Bad Waldseer Krankenhaus schon vorhanden. Der Saal habe Raumluftklasse 1 und mit ein wenig Aufwand könne man ihn zu einem „gut funktionierenden" OP machen, erläuterte später Dr. Horst Gehring vom Waldseer Krankenhaus.

Thomas Bertele von der Bürgerinitiative bemängelte, dass das Gutachten keine Zukunftsperspektiven aufzeige, sondern Zahlen aus der Vergangenheit aufarbeite. 2011/2012 erstellte ebenfalls das BAB ein Gutachten mit dem Ergebnis, dass durch die Schließung der Krankenhäuser Isny und Leutkirch das Krankenhaus in Wangen massiv gestärkt und in die Gewinnzone kommen sollte. „Was ist herausgekommen? Wangen macht noch immer ein Millionenminus und die Prognose des BAB war einfach falsch.“ „Was passiert, wenn es diesmal wieder so endet“, rief er aus und Ravensburg nach der Schließung von Bad Waldsee genauso schlecht dastehe wie vorher? „Wer übernimmt dafür die Verantwortung?“

Bertele weiter: Statt des Krankenhauses solle es ein MVZ geben. Die bislang in Deutschland betriebenen Krankenhaus-MVZ seien aber großenteils defizitär. „Was passiert, wenn das MVZ mehr zum Defizit der OSK beiträgt, als es das Waldseer Krankenhaus jemals getan hat?“

Thomas Bertele bezweifelte angesichts der politischen Großwetterlage die Sinnhaftigkeit des BAB-Gutachtens. „Warum ähnelt die Empfehlung des BAB stark dem von Sozialminister Lucha geforderten Ergebnis und wofür hat man einen Großteil der hochsechsstelligen Summe ausgegeben, wenn schon lange klar war, dass Minister Lucha keinen Cent für Bad Waldsee ausgeben will?“

Er schloss seinen Beitrag mit den Worten: "Wo bleibt der Mensch im Konstrukt Ihrer Zahlen?"

Roland Schmidinger, Kreisrat aus Bad Waldsee und hauptberuflicher Betreuer, ging auf die Probleme der alten Menschen bei größerer Krankenhaus-Ferne ein. Der altgediente Kreisrat (seit 1994 Mitglied im Kreisparlament) schilderte mit dramatischen Worten die Reduzierung des Leistungsspektrums des einstigen Kreiskrankenhauses Bad Waldsee, den Bettenabbau ab den 199oer-Jahren, die Schließung der Geburtshilfe im Jahre 1993. Schmidinger, der für die Freien Wähler im Kreistag sitzt, versicherte OB Henne, dass alle Kreisräte aus Bad Waldsee geschlossen für den Erhalt des Krankenhauses stimmen werden.

Wolfgang Schröder, Betriebssanitäter bei Liebherr in Bad Schussenried, schickt seine Notfälle nach Bad Waldsee ins Krankenhaus. Das sei BG-begründet. Denn nach Biberach dauert der Krankentransport eine halbe Stunde, nach Bad Waldsee nur zehn Minuten. Er fragte, ob der Standort Bad Waldsee nach der Änderung immer noch die Zulassung durch die Berufsgenossenschaft (BG) habe? OSK-Ko-Geschäftsführer Michael Schuler antwortete, dass eine BG-Zulassung an den Arzt gebunden sei, nicht an die Institution.

Die Frage nach dem dritten OP beantwortete Kreiskämmerer Franz Baur. Vor drei oder vier Jahren sei die Frage schon einmal aufgetaucht. Bei der damaligen Prüfung gab es das Ergebnis, dass es nicht möglich sei, einen dritten OP auf der gleichen Ebene einzurichten. Hier kam es zu einem kurzen Schlagabtausch zwischen dem Kreiskämmerer und Karl Schmidberger. Wer jetzt recht hat, erschloss sich dem Besucher nicht, denn septisch oder aseptisch und die richtige Ausgestaltung der Saaldecken ist keine gewohnte Kost für den Laien. Die Frage des Chronisten ist: Ja waren die von der BAB eigentlich mal in Bad Waldsee im Krankenhaus und haben sich den OP angeschaut, der, wie wir später erfuhren, im Moment als Lagerraum verwendet wird. Immerhin sicherte der Kreiskämmerer zu, dass er den fraglichen Saal zusammen mit OSK-Geschäftsführer Prof. Dr. Oliver Adolph in den nächsten Tagen in Augenschein nehmen werde.

Ein leidenschaftliches Plädoyer für zwei Standorte für die Endoprothetik hielt Dr. Gehring vom Waldseer Krankenhaus. Als Beispiel nannte er die von BAB gut beurteilten Standorte Oberstdorf und Ottobeuren. So könnte er sich ebenfalls zwei Standorte für die OSK vorstellen: Wangen für den südlichen Landkreis und Bad Waldsee für den nördlichen. Mit Strahlkraft jeweils über die Kreisgrenzen hinaus.

Es gab noch viele weitere Wortmeldungen in der zweieinhalbstündigen Veranstaltung. So wurde unter anderem vorgeschlagen, das Bad Waldseer Krankenhaus in städtische Trägerschaft zu überführen. Es wurde auch die Bedeutung des hiesigen Akut-Krankenhauses im Zusammenspiel mit den städtischen Reha-Kliniken herausgestellt.

Landrat Harald Sievers dankte für die faire Diskussion. Man nehme die Anregungen ernst und wöge sie sorgfältig ab. Zugleich betonte er, dass er und die anderen Verantwortlichen das Wohl des ganzen Kreises im Blick haben müssten und nicht nur das eines einzigen Ortes.

Die 72 Kreisräte kommen am 31. Mai in Wetzisreute (Gemeinde Schlier) zur nächsten Sitzung zusammen. Bisher war vorgesehen, an jenem Tag über das Gutachten zu beschließen. Es mehren sich die Stimmen, die für eine Verschiebung des Klinikbeschlusses eintreten.

Text und Fotos: Erwin Linder

Siehe auch Kommentar

Bild oben: Sie sitzen an einem Tisch, haben aber konträre Meinungen zum Krankenhaus Bad Waldsee: die OSK-Geschäftsführer Michael Schuler und Prof. Dr. Oliver Adolph einerseits sowie Oberbürgermeister Matthias Henne andererseits.

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