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Enttäuschend der Besuch, hochengagiert die Beiträge: Zur Bürgerinformation der OSK zur Krankenhaussituation in Bad Waldsee am 12. Mai in Reute waren etwa 100 Personen gekommen. Man hatte mit mehr gerechnet und nicht ohne Grund Bad Waldsees größte Halle bereitgestellt. Die Wortmeldungen aber, die aus der Mitte der Anwesenden kamen, machten zum Teil betroffen.

Greifen wir einige heraus.

Dr. Konstantin Eisele beschrieb die Dienstleistungswüste Deutschland und beklagte Kaputtsparen allenthalben. Bahn und Bundeswehr seien abgewrackt worden und das Gesundheitswesen erleide einen nie dagewesenen Kahlschlag. Vehement wandte der pensionierte Landarzt sich gegen einen Rückzug aus der Fläche. In einigen Jahren werde man es noch bereuen, dass dezentrale Strukturen aufgegeben wurden. „Dann wünscht man sich das Krankenhaus Bad Waldsee zurück.“

Hat die Schließung Bad Waldsees auf Dauer einen Kosten-Einspar-Effekt? Das darf nach den Erfahrungen mit den Schließungen in Leutkirch und Isny mit Fug und Recht bezweifelt werden. Zwar habe es damals zunächst tatsächlich eine Kostenreduktion gegeben, aber diese sei hauptsächlich dem vereinbarten Sanierungstarifvertrag geschuldet gewesen – OSK-Geschäftsführer Prof. Adolph sprach denn auch wörtlich von einem Strohfeuer.

Ein Beispiel für kurzsichtigen Rückzug aus der Fläche: Die Bahnstrecke Leutkirch – Isny, im 19. Jahrhundert erbaut, wurde ab 1969 schrittweise stillgelegt. Nur das Teilstück Leutkirch – Urlau wurde noch länger betrieben – wegen der Bundeswehr, die in Urlau die Militär-Anlage Muna betrieb. Dieses Gleisstück wurde 2001 aufgegeben, das zugehörige Bahnhofsareal in Leutkirch bebaut. Wenige Jahre zuvor, 1990 bis 1993, also bereits nach Ende des Kalten Krieges, war der Streckenabschnitt für die Bundeswehr noch grundlegend ertüchtigt worden und hatte neue Schienen bekommen. Nach Abzug der Bundeswehr trat Center Parcs auf den Plan mit den Ansinnen, auf dem Muna-Gelände einen großen Ferienpark zu bauen. Der Park wurde 2018 eröffnet, der Gleisanschluss ist futsch.

Dem Hü und Hott in der Verkehrspolitik entspricht ein planloses Herumdoktern in der Gesundheitspolitik. Besinnt man sich heute in der Verkehrspolitik auf die Reaktivierung stillgelegter Strecken, so befindet man sich in der Gesundheitspolitik noch voll auf dem Zentralisierungstrip.

Zum Spannungsfeld Zentralität – Dezentralität ergriff Dr. Horst Gehring mehrfach das Wort. Der mutige Mediziner in Diensten der OSK beschrieb funktionierende Doppelstrukturen in seiner Allgäuer Heimat und warb mit guten Gründen für die Erhaltung des Standorts Bad Waldsee. Wenn Bad Waldsee schlösse und Wangen zur Fachklinik würde, dann wäre das EK in Ravensburg das einzige Haus im ganzen Landkreis mit Grund- und Regelversorgung und müsste entsprechend Personal aufbauen.

Nebenbei: Der Landkreis Ravensburg ist flächenmäßig der zweitgrößte Kreis in Baden-Württemberg.

Die Frage der flächendeckenden Sicherheit schien auch beim Statement von BAB-Gutachterin Meike Thun auf, als sie einräumte: „Bei der Notaufnahme in Ravensburg müssen wir ansetzen.“ Auch Berater sind manchmal ratlos und so verwies sie allen Ernstes angesichts des Notaufnahme-Fiaskos auf Doktor-Apps, bei denen man im ersten Moment eines medizinischen Notfalls per Video-Chat Rat einholen könne. Vermutlich wird Dr. Google dann sagen: Fahren Sie ins nächstgelegene Krankenhaus.

Wie man es besser macht, wurde beim Statement von Chefarzt Dr. Thomas Sapper deutlich. Formell sei die durchgehende chirurgische und internistische Notfallversorgung im Waldseer Krankenhaus keine Notaufnahme. „Wir leisten es aus unserem täglichen Tun heraus.“

Handeln statt Googeln – das ist die Devise des Waldseer Teams.

Wir brauchen im Norden des Landkreises eine funktionierende 24-Stunden-Anlaufstation. Wir brauchen keine Stroke Unit in Bad Waldsee. Da ist Ravensburg die richtige Adresse. Aber eine Versorgungsstation (MVZ), die so ausgestattet ist, dass der Rettungswagen nicht vorbeifährt.

Das Vorbeifahren des Rettungswagens am Bad Waldseer Krankenhaus passt ins Bild von der schleichenden Entwertung durch fehlende Reinvestition, die seit einigen Jahren zu beobachten ist.

Warum wohl war der Besuch am vergangenen Donnerstag so enttäuschend? Vielleicht, weil es die Leute bereits als Alibiveranstaltung ansahen, als pseudodemokratisches Mäntelchen. Damit man, wie ein Wortbeitrag sinngemäß lautete, nach Schließung sagen kann: Was wollt Ihr, es war doch ein transparenter Prozess, wir haben Euch angehört.

Die Leute anhören ist das Eine. Ihre Argumente aufgreifen ist das Andere.

Kommentar: Gerhard Reischmann

 

Siehe auch Bericht von Erwin Linder (mit Fotos)

 

 

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