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Berlin/Bad Waldsee - Der Farbe nach zu urteilen, passte sie zum größten Teil der Anzugträger, trotzdem fiel ihr Habit in der Menge auf: Schwester Maria Hanna Löhlein, Generaloberin des Klosters Reute, gehörte zu den 1472 Delegierten, die am 13. Februar den Bundespräsidenten wählen durften.

Manuel Hagel, Fraktionsvorsitzender der CDU im baden-württembergischen Landtag, hatte bei ihr für diesen besonderen Anlass angefragt (nominiert wurde sie vom Landtag). Im Interview mit dem Katholischen Sonntagsblatt (Nr. 9/2022) erzählt die 55-Jährige, wie es ihr in Berlin bei der Bundespräsidentenwahl als einziger Ordensfrau ergangen ist und was Kirche mit Politik zu tun hat.

 

Schwester Maria Hanna Löhlein, wie war es, bei der Wahl des Bundespräsidenten mit dabei zu sein?
Es war wirklich besonders. Ich durfte Menschen kennenlernen, die ich bisher nur aus den Medien kannte, und ich durfte als einfache Bürgerin den Bundespräsidenten wählen. Zwischendurch dachte ich, das wäre alles nicht echt.

Sind Sie in Ihrem Habit aufgefallen oder gab es Personen, die auffallender waren als Sie?
Als Ordensfrau war ich dort weit und breit die einzige. Sobald ich in den Aufzug gestiegen bin, wurde ich von den Fotografen und Kameras eingefangen. Der Habit war schon ein Hingucker. Aber es gab auch andere Hingucker, wie die Rapperin Reyhan Sahin, die mit weißem Kleid und Schleier erschien. Bei der Wahl kam ein breites Spektrum der Gesellschaft zusammen.

Haben Sie sich sehr unter Beobachtung gefühlt?
Naja, es war überall Polizei, denn wir standen ja sehr im Blick der Öffentlichkeit. Aber die Journalisten hatten zum Glück ihren eigenen Bereich. Ich selbst saß in der Nähe des Regiepultes der Presse, die die Wahl übertragen hat. Das war eine große Ehre, denn es war mitten im Saal, nur ein paar Reihen hinter Angela Merkel. Viele andere Delegierte mussten sich aus Platzgründen in anderen Räumen aufhalten. Sie konnten alles nur über einen Bildschirm verfolgen. Deshalb hätte ich nie gedacht, dass mir so ein prominenter Platz zuteil wird. Im Endeffekt habe ich aber auf diese Art viele interessante Leute kennengelernt, so dass ich die Kameras schnell vergessen habe.

Was erhoffen Sie sich von Frank Walter Steinmeier für die nächste Amtszeit?
Er hat eine schwere Zeit vor sich. Außenpolitisch ist es eine sehr heikle Mission. Er hat in dieser Angelegenheit zwar nicht die Befugnisse eines Bundeskanzlers, hat diese aktuelle Problematik aber dennoch in seiner Antrittsrede benannt. Was ich toll finde, ist, dass er sich so stark für Demokratie und demokratische Rechte einsetzt und dass er in seiner Rede auch Professor Gerhard Trabert gewürdigt hat (Trabert, ein Arzt, ist Gründer und Erster Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland; er war einer von Steinmeiers Gegenkandidaten, nominiert von der Partei „Die Linke“; Anm. der Red.). Was ich ebenfalls schätze, ist, dass ihm die Themen Obdachlosigkeit und Armut in unserer Gesellschaft wichtig sind. Er hat die Gabe, die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Vertreter zusammenzuführen. Gerade in der Pandemie ist vieles auseinandergegangen. Frank-Walter Steinmeier beweist Größe, indem er sich nicht scheut, sich auf schwierigem Terrain zu bewegen und zu vermitteln. Außerdem ist er Christ und steht dazu. Das ist etwas sehr Verbindendes und Schönes.

Konnten Sie einige Worte mit Herrn Steinmeier wechseln?
Mit Herrn Steinmeier leider nicht. Ich bin sehr nah an ihn herangekommen, aber es war so ein Gedränge um ihn, dass er mir fast schon leid getan hat. Stattdessen durfte ich einige Worte mit Angela Merkel wechseln. Aber auch mit Wolfgang Schäuble, Armin Laschet, Friedrich Merz und Winfried Kretschmann. Ich war also viel unterwegs.

Waren Sie die einzige Kirchenvertreterin unter den Delegierten?
Nein. Pfarrer Meyrer aus dem Ahrtal war da und eine Vertreterin der Diakonie. Ansonsten ist mir so offensichtlich niemand als Kirchenvertreter aufgefallen. Das hat mich schon überrascht. Allerdings habe ich mir gedacht, dass die meisten im Saal bestimmt katholisch oder evangelisch sind und dass wir uns also in einem guten Kreis bewegen.

Die Kirche steht momentan sehr in der Kritik. Wurden Sie darauf angesprochen?
Während des Wahlprozesses hatte ich viele Gespräche. Alle durchweg positiv, denn die meisten meiner Gesprächspartner waren froh darüber, dass jemand von der Kirche da war. Ich habe viele Geschichten von Leuten gehört, die von ihrer Kindheit im Kindergarten mit einer Ordensfrau erzählt haben. In diesem Zusammenhang habe ich die Menschen eingeladen, wieder an die Kindheit anzuknüpfen. Einer hat mir auch erzählt, dass eine Schwester dabei war, als ein Angehöriger verstorben ist. Es gab viele Anknüpfungspunkte zu Menschen, die ich vorher nicht kannte.

Inwieweit kann die Kirche in der heutigen Politik Orientierung geben?
Für mich ist es wichtig, dass die Kirche wieder zu den Menschen und deren Nöten findet. Und dass sie nicht als Wissende auftritt, sondern als Berührbare und in der Botschaft des Jesus von Nazareth als Hoffende und Brückenschlagende zur Grundlage des Evangeliums. Ich glaube, dass so auch Kirche wieder an Glaubwürdigkeit gewinnt. Ich begegnete auch dem Speerwurfweltmeister Johannes Vetter. Er hat mir selbst gesagt, dass er aus der Kirche ausgetreten ist, aber sehr offen für Glaubensfragen sei. Im Gespräch mit ihm musste ich feststellen, dass wir sehr ähnlich über das Leben denken und über das, was im Leben wichtig ist.

Kann Kirche denn mit Politik einhergehen?
Ja, das würde ich schon so sagen. Politik heißt bei uns, dass die Macht vom Volk ausgeht. Diese Macht hat etwas Gestalterisches. Wenn das Christentum gestalten will, kann es nicht ohnmächtig bleiben, sondern muss mitspielen. Ich glaube, dass manch christliche Politikerin und manch christlicher Politiker schon mehr dazu beigetragen hat, als ihr und ihm bewusst ist.

Wenn Sie Bundespräsidentin wären, was würden Sie als Erstes angehen?
Oh du lieber Gott. Das ist eine Berufung, die ich wirklich nicht habe. Ich unterstütze sehr, was Frank-Walter Steinmeier tut und schätze es, wenn Bundespräsidenten große Gesten der Versöhnung einleiten und auf andere Menschen zugehen. Das ist etwas sehr sehr Wichtiges. Aber das Amt wollte ich nicht haben.

Interview (etwas gekürzt): Manuela Kaczmarek

 

Erstveröffentlichung im Katholischen Sonntagsblatt (KS) am 27. Februar 2022. Wir danken der Chefredaktion des Katholischen Sonntagsblattes für die Erlaubnis zur Publikation in der Bildschirmzeitung mit ihren Lokalausgaben „Der Waldseer“, „Der Wurzacher“, „Der Leutkircher“, „Der Aulendorfer“, „Der Kißlegger“ und „Bergatreute“.

Weiter danken wir dem CDU-Bundestagsabgeordneten Axel Müller für die Vermittlung der Fotos.

 

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Im Gespräch mit Altbundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: Tobias Koch

 

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mit Fußball-Bundestrainer Hansi Flick. Foto: Tobias Koch

 

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mit Pfarrer Meyrer aus dem Ahrtal. Foto: Tobias Koch

 

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mit Paul Ziemiak, dem ehemaligen CDU-Generalsekretär, und mit Friede Springer vom Springer-Verlag („Bild“, „Welt“ ...). Foto: Tobias Koch

 

 

 

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