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Bad Waldsee/Alpen - Schon im Vorfeld sorgte das Ansinnen von Daniel Steinhauser für große Aufmerksamkeit. Er hatte sich beim härtesten Eintagesrennen der Welt - Race across the Alps - angemeldet. Von 42 Startern kamen 23 ins Ziel, Daniel Steinhauser kämpfte sich auf einen sensationellen siebten Platz. Hier sein exklusiver persönlicher Bericht. 

 

Das härteste Eintagesrennen der Welt – Race Across The Alps

Projekt-RATA der sportliche Teil – mein ganz persönlicher Bericht

Nach einer überraschend guten Nacht und einem gemeinsamen Frühstück mit meinen Eltern, meiner Familie und meinen vier Edelhelfern, welche mich im „RATA“ Bus begleiteten, wurde geladen. Herzlichen Dank an das Autohaus Seitz, das uns den VW Bus mit langem Radstand kostenlos zur Verfügung stellte und an Matthias Grünvogel, der dies aus eigener Initiative für uns erfolgreich angefragt hat.

Ich habe mich seit der Anmeldung im letzten Herbst nicht nur sportlich für jede Eventualität, die passieren könnte, vorbereitet. So war ein komplettes Ersatzfahrrad, Ersatzlaufräder, eine halbe Fahrradwerkstatt, sämtliche sich vorstellbare Verpflegungsmöglichkeiten, Ersatzkleidung für jede Witterung an Bord.

Und so fuhren wir auf zum Startort Nauders. Meine Crew strahlte eine so hohe Ruhe aus, dass bei mir keine große Aufregung aufkam.

 

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Im „Bus der Verrückten“ war Julia, die „Herrin meiner Verpflegung“. Mein Bruder Bernd, Hauptverantwortlicher für schnelle Kleiderwechsel an den Pässen,

Manne Mangold, der an diesem Tag nicht nur die Pässe mit dem Bus wie auf Schienen abfuhr und Ironman Weltmeister Gerhard Bochtler, der für die Navigation, die Kommunikation mit mir aus dem Bus und damit auch für die kritische Hinterfragung meiner nicht immer objektiven Entscheidungen zur Verpflegung zuständig war.

Für die 525 Kilometer und ca. 14.000 Höhenmeter gibt es ein Zeitlimit von 32 Stunden. Insgesamt starteten 42 Teilnehmer, von denen 23 überhaupt das Ziel erreichten. Nur die „TOP TEN“ schaffte es unter 24 Stunden.

Um 13:00 war dann Startschuss, meine Devise war über den Reschenpass möglichst keine unnötige Energie zu verbrauchen und mich im Fahrerfeld und somit im Windschatten zu verstecken. Traditionell griff dann RATA Urgestein Paul Linder (20 Teilnahmen) sofort nach der Auffahrt auf die Reschenstraße an und fuhr alleine davon, so als läge nur noch eine Abfahrt ins Ziel vor uns.
Kurz vor der Auffahrt zum ersten Pass des Tages, dem wunderschönen Stilfser Joch, hatten wir ihn dann aber wieder eingeholt.
Uns so begann das Rennen so richtig, ich habe mir vorgenommen, keinesfalls zu überziehen und fuhr die ersten 15 Minuten bewusst mit der Spitzengruppe mit, da es zwischendurch ein paar flachere Teilstücke gibt, in denen der Windschatten Zeitvorteile bringt.
Nach 15 Minuten lies ich die verbleibenden ca. 15 Fahrer ziehen und fuhr mein mir vorgenommenes Tempo. Wer sich da verleiten lässt, der bereut es am Ende, so der Tipp im Vorfeld von Robert Petzold, dem fünfmaligen RATA Sieger. Viele dieser 15 Fahrer sollte ich während der weiteren Fahrt wieder Treffen.
Am Stilfser Joch war die Verkehrsdichte, insbesondere durch den normalen Verkehr und die zusätzlichen Verpflegungsfahrzeuge, recht hoch und alles noch etwas hektisch. Auf meine Begleiter war jedoch Verlass, ich bekam planmäßig meine erste Flasche mit meiner „RATA-Plempe“. Bei fast 30 Grad in Prad war die Flüssigkeit auch dringend nötig.

 

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Die ersten 8 Stunden fuhr ich ausschließlich mit Flüssignahrung, welche mir Sponser (www.sponser.com) zur Verfügung stellte. Ich durfte im Vorfeld nahezu die ganze Produktpalette testen, die Qualität ist absolute Oberklasse und empfehlenswert.
Zwei Kehren unterhalb des Stilfser Jochs standen dann meine Frau Irena mit unseren Jungs und meinen Eltern, ich freute mich sehr über diesen Moment auf ca. 2.700 Höhenmeter. Meine Begleitcrew übergab mir „fliegend“ die warmen Sachen für die Abfahrt, anziehen während der Fahrt und ab in die Abfahrt. Geschätzt war ich zu diesem Zeitpunkt in etwa Zehnter.
Nach der zügigen Abfahrt verfuhr ich mich kurz in Bormio, 3 Minuten unnötig verdaddelt – Mist.
Nach der langen Abfahrt waren die ersten Minuten beim Aufstieg zum Gavia noch gefühlt zäh, ich kam aber bald in einen sehr guten Rhythmus und sammelte nach und nach weitere Fahrer ein.
Kurz vor der Passkuppe fuhr ich dann auf Frederik Böna auf, immerhin stellte er vor einigen Monaten den Weltrekord im Doppel-Everesting (17.969 Höhenmeter) im Schwarzwald am Kandel auf.
Wir fuhren ein paar Minuten zusammen und plauschten entspannt, ich wollte dann aber meinen Rhythmus weiterfahren und setze mich ab.

 

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Im Nachhinein erfuhr ich, dass der vergangene RATA-Sieger Thomas Hofmeister die Abfahrt vom Gaviapass mit dem Mountainbike gefahren ist. Jetzt weiß ich auch warum.

Zu allem Übel rutsche mein Hinterrad in einer Serpentine (bei ca. 6 Km/h) im Sand weg und ich stürzte. Mein Steuersatz war verdreht, großen Dank an alle Begleitautos. Beim RATA hilft wirklich jeder jedem. Das Begleitteam von Pascal Wiederhold war direkt bei mir, Steuersatz ausrichten, anziehen und weiter geht’s – naja wieder 5 Minuten vergeigt. Ich hatte, Dank der geringen Geschwindigkeit, nur minimale nicht spürbare Schürfwunden. Bei dieser Aktion fuhr Freddy wieder an mir vorbei, unten in der Abfahrt waren wir dann zusammen und ich schlug ihm vor das längere Flachstück und den nur leicht ansteigenden Anstieg zum Apricapass gemeinsam zu fahren und somit beide Kräfte zu sparen. Wir harmonierten gut und hatten unterhaltsame Gespräche. Idealerweise fuhr eine Dreigruppe (Lukas Kienreich, Frederic Pasqualini und Pascal Wiederhold) auf uns auf, so wechselten wir und zu fünft ab und fuhren dem „Scharfrichter“ des RATAs entgegen.
Der Mortirolo ist unglaublich steil, ich kenne ihn gut und freute mich auf ihn. Auf 12,2 Kilometer werden 1.360 Höhenmeter, die Steilstücke haben zwischen 22%-25%. Eine Giro d´Italia Legende mit schmalen Straßen und unheimlich vielen Kehren.

 

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Für den Mortirolo stieg ich dann auf das Sponser Competition um, hier liegt der Zuckeranteil anstatt bisher bei 20% bei knapp 50%, ideal für die höhere Belastung.
Ich hatte hier meine wohl beste Phase des RATAs, konnte locker und rund treten, spürte fast keine Anstrengung und achte sehr darauf hier nicht zu überziehen.
Ich setzte mich nach und nach von meinen vier Mitfahrern ab und fuhr mit hoher Trittfrequenz auf RATA Legende Paul Linder auf, er sah alles andere als taufrisch aus und stieg dann wenig später auch in sein Begleitauto ein. Ich dachte an seine „Offensive“ in der ersten Phase.

Oben am Mortirolo war ich dann Fünfter nach inzwischen ca. 8 Stunden und 6.000 Höhenmeter.
Ich bekam dann meine „Lupine-Piko“ (Licht) mit Akku montiert, meine Kleidung für die Abfahrt angezogen und einen Sponsers High Carb Riegel, sodass nach 8 Stunden Flüssigkeit mein Magen etwas zu tun hatte.
Nach der Abfahrt fuhr ich dann mit meinem Begleitauto „alleine“ und ein paar Gummibärchen bei aufkommendem Regen und Dunkelheit der Schweizer Grenze und somit dem Berninapass entgegen.

Der Berninapass ist gar nicht mein Fall. Dauerhafter leichter Gegenwind, 32 Kilometer nonstop bergauf und dabei 2.200 Höhenmeter überwinden ohne wirkliche steile abwechslungsreiche Stellen.
Im Schnitt fuhr ich die 2 Stunden mit ca. 240 Watt hoch, zwei Kehren vor dem Pass stand dann ein Bus und ein mir bekanntes Gesicht applaudierend am Streckenrand.
Der sechsmalige „Race Across Amercia“ (RAAM) Sieger und wohl beste Langstreckenfahrer der Welt, Christoph Strasser. Das RATA wäre ihm für einen Erfolg wohl zu kurz, er fährt eher so 9 Tage am Stück.
Mich hat es gefreut und nach nunmehr 8.200 Höhenmetern und über 300 Kilometern mit dem noch anstehenden Programm ist jede Motivation herzlich Willkommen.
Mit Beinlingen, Winterhandschuhen fuhr ich den mir sehr gut bekannten Pass bei 3 Grad herunter, war ich doch erst vor 3,5 Wochen im Familienhöhentrainingslager am Morteratschgletscher. Direkt auf der Höhe unseres Campingplatzes huschte ein Reh vorbei, ich war aufmerksam und sah es frühzeitig, sodass es ungefährlich war.

Leider war vor ein paar Wochen der Albulapass noch gesperrt, sodass ich den mir noch unbekannten Pass nun ansteuerte. Inzwischen war ich doch schon etwas ermüdet, Julia schwärmte vom schönen Albula, den Sie vor zwei Wochen im Rahmen des Lenzerheide Radmarathons bewältigte. Ich konnte keine Schönheit mehr erkennen, zum einen war es Nacht und zum anderen fing das große Leiden an. Mal mehr und mal weniger.

 

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Nach dem Albula ging es dann in die schnelle Abfahrt in Richtung Tiefencastel. Ich ging davon aus, dass es dann in einem Flachstück nach Davos ging und fragte Manne, nachdem wir einige Zeit anstiegen, wann es denn nach Davos runterging. Gerhard und Manne belehrten mich, anstatt dem geahnten Flachstück ging es nun eben 400 Höhenmeter hoch.

In Davos angekommen fuhren wir dann zum Fluelapass, ich wurde ziemlich müde und lies mir eine Koffeinkapsel geben, einen absoluten „Wacheffekt“ hatte ich trotz meiner 5-wöchigen Koffeinabstinenz nicht. Inzwischen doch sehr gezeichnet von der Belastung ging der Fluela einigermaßen gut.
Oben angekommen hatten wir „etwas“ Probleme, die Winterhandschuhe anzuziehen, da meine Finger während der Auffahrt, von mir unbemerkt, eingefroren waren.
Wir hatten nun 14 Stunden, 400 Kilometer und 10.300 Höhenmeter hinter uns. Im Umkehrschluss waren noch immer 125 Kilometer und 3.700 Höhenmeter zu fahren. Ich war immer noch auf Platz 5.

Die bisherigen „Qualen“ waren bis zu diesem Zeitpunkt ein auf und ab, mal ging es gut, mal war es wirklich hart.
Das sollte sich ab dem anstehenden Ofenpass ändern. Die Müdigkeit wurde zunehmend höher, ich musste mich anstrengen, beim Anstieg wach zu bleiben. Viel mehr kann ich zum Ofenpass ehrlicherweise gar nicht mehr sagen, ich fuhr halt ohne zu denken und lies mir ein dann auch ein Koffein Gel geben, denn auf die Plempe hatte ich schon lange keine Lust mehr. Die Gels wollte ich eigentlich erst später nehmen.
Dieses half mir dann einigermaßen auf den Ofenpass. Auf die Abfahrt vom Ofenpass freute ich mich schon, diese ist wirklich toll und die Sonne kam raus. Ich hoffte mich zu regenerieren um dann den harten Anstieg zum Stilfser Joch über den Umbrail Pass mit Spaß anzugehen.

 

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Dem war leider nicht so und nun fing die wirklich harte Nummer an, ich stelle mir die Frage, wieviel Schmerzen kann ein Mensch ertragen. Mit einem Leistungsmesser am Fahrrad kann man sich selbst nicht belügen, normalerweise 200-220 Watt lockerstes Grundlagenfahren, es fühlte sich aber an wie die allerhärtesten Intervalle. Lukas Kaufmann, der spätere Fünfte, überholte mich, ich versuchte erst gar nicht dranzubleiben.

Ich hatte meiner Crew den klaren Auftrag gegeben, keine Pausen, wir ziehen das Ding ohne Pausen durch.
Pause nur möglichst kurz für den notwendigen Kleidungswechsel und als kurze „Pinkel-Pause“.

Ich litt und litt und überlegte. Also fand ich einen Kompromiss mit mir, der Bus fuhr neben mir, 700 der 1.100 Höhenmeter zum Stilfser Joch waren erreicht.

Ich sagte sehr bestimmt um für Gerhard und Manne keine Diskussionsgrundlage aufkommen zu lassen, wir machen in 100 Metern exakt 1 Minute Pause, ich trinke ein Red Bull und dann geht’s weiter.

Klar denken konnte ich ohnehin schon längst nicht mehr, Gerhards Blick war voller Sorge, dass ich danach wieder in die Gänge komme. Nach der Minute ging es weiter, langsam und qualvoll aber stetig.
Julia und Bernd konnten vor lauter Mitleiden schon kaum mehr zuschauen. Und sorgten sich auch um meine Sicherheit bei der anstehenden Abfahrt. Ich konnte bei allen Abfahrten aber in einen Wachmodus schalten, die Müdigkeit hing wohl eher mit den Belastungen der Anstiege zusammen.

Mein Team freute sich, endlich das Stilfser Joch erreicht zu haben, ich dachte aber schon an den zwar nicht steilen aber langgezogenen Reschenpass. Vom Stilfser Joch dauerte es noch ca. 90 Minuten bis in Ziel, ich war aktuell auf dem 6 Platz. Das Unentspannte dabei war, dass Frederic Pasqualini wenige Minuten hinter mir war und sich zügig näherte, dem Livetracking und meinem Team sei Dank. Ich konnte also nicht mein Tempo fahren, sondern musste die höchstmögliche Qual auf mich nehmen. Pascal war dann zwar knapp aber 1 Minute vor mir im Ziel. Er half mir aber, mich bis zuletzt maximal zu quälen und somit UNTER 22 Stunden mit exakt 21:59 das Ziel als Siebter zu erreichen.

 

Das erklärte sportliche Ziel des „RATA- Projekts“ unter 24 Stunden zu bleiben haben WIR somit gemeinsam geschafft.

 

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Großen Dank auch an die mir bis dato fast unbekannte Thiemy, die aus Eigeninitiative mir angeboten hat mich für den guten Zweck als Physiotherapeutin zu betreuen, es wäre ihr Anteil der „Spende“ am RATA Projekt. Über viele Wochen kam Thiemy in ihrer Freizeit zu mir, um mich auf der Massagebank mit guten Gesprächen zu verwöhnen, wobei ich dabei meist so richtig von ihr geknetet wurde. Die schnellere Erholung ist verblüffend und so manche geplante harte Trainingseinheit hätte ich ohne dich nicht durchführen können.

Ich freue mich jetzt auf einige entspannte Wochen und die tolle Spendensumme des „RATA- Projekts“ welche ich in Kürze veröffentlichen werde.


Bericht und Bilder Daniel Steinhauser

 

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