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Reute - Mit einem Festakt und einer liturgischen Feier ist am 21. September in Reute das Projekt „Klosterberg“ gestartet worden. Es sieht den Teil-Rückbau und eine Teil-Umnutzung des übergroß gewordenen Kloster-Komplexes vor. Im Rahmen der Feierlichkeit wurde eine Zeitkapsel in den Boden der künftigen Aussegnungshalle eingesenkt. Der Fotograf Felix Kästle dokumentiert das seltene Ereignis mit seinen Bildern; die Bildschirmzeitung veröffentlicht eine Auswahl am Ende dieses Textes.

„Reduce to the max“ („Etwas auf den Kern, das Wesentliche reduzieren“) – dieser Werbespruch eines Automobilherstellers könnte auch das Leitwort der Franziskanerinnen von Reute sein, die in einem beispiellosen Kraftakt den in gut 150 Jahren baulich stetig gewachsenen Kloster-Komplex den Anforderungen der heutigen Zeit anpassen wollen und müssen. Denn die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Waren es im Jahre 2020 noch 180 Klosterfrauen, die in Reute „Gott in der leidenden Menschheit dienen“, wie es in ihrem wirklichen Leitwort heißt, so werden es im Jahre 2040 aller Voraussicht nach nur noch 60 sein.

21. September 2022
Was tun mit all den Häusern rund um das Mutterhaus und den uralten Kern aus der Zeit der guten Beth? Jahrelang hatten sich die Klosterfrauen den Kopf zerbrochen, sich intern beraten und Rat von außen geholt. 2020 hatten sie den Beschluss gefasst für den Umbau des Klosterbergs – und am 21. September war nun Grundsteinlegung.

Das Historische U
Die Reduzierung auf das Wesentliche bedeutet: „das Historische U“, wie Generaloberin Maria Hanna Löhlein formulierte, aus dem Wildwuchs an Gebäuden hervorzuholen. Das heißt: die Gebäude des Alten Klosters aus der Zeit vor der josephinistischen Säkularisation (1784) und die Franziskuskapelle sowie das Mutterhaus von 1912 (das dominante gelbe Gebäude entlang der Elisabeth-Achler-Straße) bilden den neuen Kern. Die modernen Bauten St. Josef, St. Elisabeth und St. Antonius werden abgerissen; das Gut-Betha-Haus und der Komplex Maximilian-Kolbe-Haus/Rosa-Bauer-Haus werden neuen Zwecken jenseits der Zuständigkeit der Kongregation zugeführt. Die von den Franziskanerinnen bewohnte und bewirtschaftete Bruttogeschossfläche sinkt so von 34.259 qm auf 10.365 qm. Das Mammutprojekt soll in den Jahren 2022 bis 2027 realisiert werden.

Quartier am Klosterberg
Und das ist noch nicht alles. Die ehemalige Ökonomiefläche in Richtung Bad Waldsee – immerhin 2,3 Hektar – wird zum „Quartier am Klosterberg“. Dort wird Wohnraum geschaffen, „der generationengerecht, fair und gemeinwesenorientiert ist“, wie es in einem Papier zur Entwicklung des Areals heißt.

Pflegenahes Wohnen
Und auf der anderen Seite des Klosters, im Westen, entsteht auf dem Areal der einstigen Schmid’schen Höfe auf 3500 qm das Angebot „Pflegenahes Wohnen“.

Klosternahes Wohnen
Begonnen aber wird mit dem Projekt „Klosternahes Wohnen“. Im Ostteil des Mutterhauses, den der schrumpfende Konvent in diesem Sommer aufgegeben hat, sollen zwölf Apartments entstehen für Langzeitmieter, die hier einerseits autonom, anderseits sozial – über Gemeinschaftsräume miteinander verbunden – leben und die eine gewisse Symbiose mit den Klosterfrauen einzugehen bereit sind. Dass diese Idee zündet, wird am Bewerberfeld deutlich.

Hier, auf der Ostseite des Mutterhauses, wird der Spaten als erstes angesetzt. Für den hier neu zu schaffenden Eingang zu den Apartments muss die bisherige Aussegnungshalle weichen. Es wird eine neue am Eingang zum Schwesternfriedhof gebaut.

Die Grundsteinlegung für diesen Bau gilt als Auftakt für das Großprojekt und dieser Auftakt hat Spitzenvertreter aus Staat, Kirche und Kommune auf den Plan gerufen, galt es doch ein Vorhaben zu würdigen, das in vielerlei Hinsicht Modell-Charakter hat.

Nach einführenden Worten von Claus Mellinger, Projektkoordinator und Öffentlichkeitsarbeiter des Klosters, wurde das Konzept von Generaloberin Maria Hanna Löhlein vorgestellt und von Bischof Dr. Gebhard Fürst wie auch von Regierungspräsident Klaus Tappeser und Oberbürgermeister Matthias Henne als zukunftsgerichtet und den Menschen aus christlichem Geist zugewandt gewürdigt. Ähnlich äußerten sich auch die Vertreter des Fördervereins.

Gemeinschaft als tragender Grund
Maria Hanna sagte: „Wir wollen unsere Gaben mit Menschen teilen, die danach suchen“; und damit meinte sie keineswegs nur den Wohnraumüberstand des Klosters. Die franziskanische Spiritualität sei ein Angebot für alle, die sich dem Kloster innerlich und eben auch als Wohnraumsuchende zuwenden wollen – sei es im „Klosternahen Wohnen“, im „Pflegenahen Wohnen“ oder im „Quartier am Klosterberg“. „Gemeinschaft“ sei ein tragender Grund des Konzeptes sagte sie später bei der Begehung jenes Teils des Mutterhauses, in dem zwölf Apartments entstehen werden.

Bischof Fürst lobte den „mutigen Schritt“, mit dem die Franziskanerinnen von Reute „Zukunft gestalten“ in den schwierigen Zeiten des Rückganges. Mit Verweis auf Kohelet sprach er von der Zeit, „neu zu beginnen“, bereit sein, sich den „Veränderungen zu stellen“. Man schaffe eine Keimzelle für neues klösterliches Leben, das von „neuer Strahlkraft“ sei. Entschleunigung sei das Gebot der Stunde. Das „herausragende Konzept“ werde von Seiten der Diözese mit 500.000 € aus dem Vermögen und mit 2,09 Millionen € aus Haushaltsmitteln gefördert.

"Wie wir mit den Toten umgehen ..."
Der Beginn des Projektes mit dem Bau der Aussegnungshalle zeige die achtsame Bestattungskultur der Klosterfrauen. Hier werde ein Zeichen gesetzt gegen die Krise der Bestattungskultur in der Gesellschaft. "Wie wir mit den Toten umgehen, zeigt, wie wir mit dem Leben umgehen", mahnte der Bischof. 

Regierungspräsident Klaus Tappeser bekundete seinen Stolz, das Kloster Reute in seinem räumlichen Zuständigkeitsbereich zu wissen. Auch er würdigte den Mut der Kongregation, Neues anzupacken und nicht zu resignieren. Das sozial-nachhaltige Wohnraumkonzept der Franziskanerinnen von Reute sei ein Mittel gegen Vereinzelung. Das Regierungspräsidium fördert das wohnraumschaffende Vorzeigeprojekt mit 720.000 €.

OB Henne: Ein sehr gutes Miteinander
Oberbürgermeister Matthias Henne lobte mit Blick auf die Quartiersentwicklung im Innenbereich von Reute das sehr gute Miteinander und die enge Abstimmung zwischen Stadt und Ortschaft auf der einen Seite und dem Kloster auf der anderen Seite.

Der 2021 gegründete Förderverein zählt inzwischen 102 Mitglieder. Er spendierte 100 Steine für das Labyrinth des Schwestern-Friedhofes. Auf den Steinen sind die Namen verstorbener Schwestern zu lesen.

Musikalisch gestaltet wurde die Feier der Grundsteinlegung von einem Klarinetten-Ensemble des Musikvereins Reute-Gaisbeuren.
Text: Gerhard Reischmann / Fotos: Kloster Reute (Felix Kästle)

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Die Generaloberin mit Hans-Jörg Reisch, Geschäftsführer der Georg Reisch GmbH & Co. KG, die den Rohbau der Aussegnungshalle ausführt, und – rechts – Regierungspräsident Klaus Tappeser.

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Maria Hanna bei der Begrüßung.

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Die Festgäste saßen neben der Baugrube in einem Pavillon, errichtet eigens als Regenschutz. Regen kam keiner, aber es pfiff ein kalter Wind.

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Andrea Thiele, Vorständin der Elisabeth-Stiftung, begrüßt Marga Oberhofer, eine Freundin des Klosters, die auch Kurse im Bildungsprogramm anbietet; in der Mitte Dr. Konstantin Eisele, der Vorsitzende der Solidarischen Gemeinde Reute-Gaisbeuren.

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Bischof Dr. Gebhard Fürst bei seinem Grußwort. Das Projekt „Klosterberg“ folgt dem Leitwort „einfach offen und nah“.

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Das Medieninteresse war groß.

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In die bronzene Zeitkapsel wurden Gegenstände gelegt, die in späteren Zeiten Aufschluss über das Projekt und das Jahr, in dem es in Angriff genommen wurde, geben werden. Unter anderem wurden ein Professring und Euro-Münzen hineingegeben. Architekt Marcus Wörtz legte zwei Darstellungen des Klosterbergs hinein. 

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Maria Hanna legt eine Urkunde in die Zeitkapsel. Pfarrer Steck spricht hierzu eine Fürbitte.

22K7Eine Klosterfrau legt ein Tau-Kreuz in die Kapsel, ein Symbol des Franziskanerordens.

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Ein Exemplar der „Schwäbischen Zeitung“ vom 21. September 2022 sowie das aktuelle Sonntagsblatt durften nicht fehlen.

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Schwester M. Tobia und die Generaloberin verschließen die Zeitkapsel.

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Der Deckel wird verlötet.

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Das Verlöten weckte natürlich das Interesse der Presseleute. „Einen Lötkolben in einer liturgischen Feier haben Sie auch noch nicht gesehen“, sagte Maria Hanna nach der Segensfeier schmunzelnd zum Reporter der Bildschirmzeitung.

22K12Tobia und Maria Hanna legen die Zeitkapsel in ein sie umfassendes Gefäß. Das Gefäß ist Bestandteil des späteren Bodens der Aussegnungshalle.

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Bischof Fürst gibt das Weihwasser. In den Fürbitten zuvor wurde um das Gelingen des Werks und um Segen für jene, die daran arbeiten, gebetet.

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Bei der Grundsteinlegung haben Bischof Dr. Gebhard Fürst, Regierungspräsident Klaus Tappeser und Oberbürgermeister Matthias Henne Grußworte gesprochen. Gekommen waren viele Freunde und Förderer des Klosters, so Weihbischof Matthäus Karrer, vom Förderverein Elles Kärcher, Elmar Braun und Lothar Hanser, seitens der Stadt neben dem OB noch die Erste Beigeordnete Monika Ludy und der ehrenamtliche Bürgermeister-Vertreter Bernhard Schultes sowie Reutes Ortsvorsteher Achim Strobel. Unter den Gästen war auch die Landtagsabgeordnete Petra Krebs. Die Seelsorgeeinheit Bad Waldsee war vertreten durch Pfarrer Thomas Bucher und Pfarrer Stefan Werner. Für die Evangelische Gemeinde Bad Waldsee war Pfarrerin Birgit Oehme gekommen. Natürlich waren auch Monsignore Martin Sayer, einst Superior des Klosters, und sein Nachfolger Pfarrer Ulrich Steck mit dabei und wirkten auch bei der Segensfeier mit. Und selbstverständlich war auch Andrea Thiel von der St. Elisabeth-Stiftung da; die Stiftung spielt ja eine wichtige Rolle beim Projekt „Klosterberg“.

 22K15aSchautafel

Die Reduzierung auf das Wesentliche wird in dieser Grafik besonders deutlich: links der jetzige Baubestand, rechts jener des Jahres 2027. Die links grün markierten Gebäude St. Josef, St. Elisabeth und St. Antonius sind dann abgebrochen. In das rot markierte Gut-Betha-Haus zieht die St. Elisabeth-Stiftung ein. Der Komplex Maximilian-Kolbe-Haus / Rosa-Bauer-Haus soll in andere Trägerschaft überführt werden; man denkt an einen Beherbergungsbetreiber. Das „Historische U“ bleibt in seiner äußeren Gestalt unverändert. Im Inneren wird die Franziskuskapelle umgestaltet und es soll beim Gut-Betha-Brunnen ein Ort der Stille entstehen.     Grafik: Kloster

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So soll der Klosterberg 2027 aussehen. Das „Historische U“ öffnet sich zu einer Gartenlandschaft; die modernen Gebäude, die als Riegel den Blick auf das Herz des Klosters verstellten, sind entfernt.    Animation: Braunger Wörtz Architekten

Im Flyer zum Klosterberg-Projekt wird diese Darstellung wie folgt beschrieben:

  1. Pforte: Das Kloster erhält mit dem Ankomm-Bereich und der Pforte seine neue, offene Mitte. Der Klosterhof lädt zu Aufenthalt und Begegnung ein.
  2. Franziskus-Kapelle: Die Kapelle wird neu gestaltet und gemeinsamer Gottesdienstort für Besucher und Schwestern.
  3. Ort der Stille: In den Fundamenten unter der Franziskus-Kapelle führt ein Weg der Stille zu den Wurzeln franziskanischer Spiritualität und zum Gut-Betha-Brunnen.
  4. Gäste-Bereich: Aus einfachen Schwesternzellen werden Gästezimmer – zum Mitleben, Ankommen und Da-Sein. Hier finden Gäste des Klosters Ruhe und Besinnung.
  5. Veranstaltungsräume: Gäste und Besucher finden hier Raum zur Begegnung, zu Besinnung und Inspiration bei. Veranstaltungen und Kursen.
  6. Café: Im inklusiven Kloster-Café ist franziskanische Gastfreundschaft erlebbar. Es ist Begegnungsort für Besucher und Schwestern.
  7. Friedhof: Der Klosterfriedhof wird zu einem Ort der Besinnung, der einen neuen Zugang zu Leben und Tod ermöglicht.
  8. Besinnungs-Garten: An der Stelle der nicht mehr bestehenden Gebäude rückt die Schöpfung näher an das Kloster heran.

 

 

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