Aulendorf - Seit dem 1. Juni gibt es das 9-€-Ticket. Das Super-Sommer-Spar-Angebot für den Öffentlichen Verkehr findet reißenden Absatz. DBSZ-Redakteur Gerhard Maucher hat das Ticket getestet. Hier sein Er-fahrungsbericht:

Es seien schon jetzt sieben Millionen Tickets für den bundesweiten Nahverkehr verkauft, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing zum Start des Tickets am 1. Juni.

Das werde den Nahverkehr langfristig attraktiver machen und dem nötigen Klimaschutz helfen, ist er sich sicher. Nach dem Einbruch in der Corona-Pandemie gebe es noch Reserven in Zügen und Bussen. Das Ticket gilt bundesweit im Nah- und Regionalverkehr. Es war ein ruhiger Start, „es habe keine überbelegten Züge gegeben“, sagte ein Bahnsprecher zum Start des 9-€-Tickets, der auf einen ganz normalen Arbeitstag fiel.

Freitag am Pfingstwochenende, kurz vor 11.00 Uhr am Bahnsteig in Aulendorf: Ich warte auf den Regionalexpress, der bis Lindau-Reutin fährt, um ein paar Besorgungen in Ravensburg zu erledigen. Der Zug ist pünktlich, hat genügend Platz, zumal mehr Fahrgäste aus- als einsteigen. Eine große Gruppe Kinder und Jugendlicher steigt um in den Zug nach Sigmaringen und weiter ins Donautal. Es ist der Start der Pfingstferien mit seinen Jugendfreizeiten.

Zurück geht es mit der nur zwei Waggon langen Regionalbahn, die in Aulendorf endet. Schon nach dem ersten Halt in Weingarten ist der Zug halbleer. Kein Ausflügler mit dem Rad oder eine Mutter mit dem Kinderwagen muss fürchten, aus Platzgründen stehen zu bleiben und auf den nächsten Zug warten zu müssen. Am nächsten Tag war der Express zum Bodensee über Friedrichshafen, Langenargen und Nonnenhorn nach Lindau wieder halbleer, obwohl der blaue Himmel schönes Ausflugswetter verheißen hatte.

Zu hohe Auslastung, abgewiesene Passagiere, zu wenig Personal waren die Stichworte zum Bahnreiseverkehr am Pfingstwochenende. Extra früh um 9.00 Uhr stieg ich Pfingstmontag mit meinem Rennrad in den Zug bis Sigmaringen, der weiter bis Stuttgart fährt. Noch fand ich Platz zwischen den Abteilen. Doch schon kam der Schaffner und erklärte mir, eigentlich dürfe ich hier nicht sitzen, da ich den Fluchtweg behindere.

Ausnahmsweise dürfe ich aber bleiben, aber sie seien angewiesen worden, auch Fahrgäste abzuweisen, wenn es zu eng werden würde. Das war dann schon am Bahnhof in Sigmaringen der Fall, wo die ersten Fahrradfahrer nicht mehr mitgenommen wurden. Für mich begann ein schöner Radausflug durch das malerische Donautal vorbei an Inzigkofen mit seiner Eremitage, der Teufelsbrücke, Gutenstein und Thiergarten bis Beuron.

Dort über die alte Holzbrücke überquerte ich die Donau hoch zum Kloster. Weiter ging die Fahrt über die Anhöhe bei Buchheim und dann vor Messkirch hinunter nach Stockach am Bodensee. Am Bahnhof schaute ich schon mal nach dem nächsten Zug, der aber, wie alle Züge hier, nur nach Radolfzell in die entgegengesetzte Richtung fuhr.

Ich war aber noch gut in der Zeit und radelte weiter am Bodensee entlang über Überlingen und Meersburg – mit dem meisten Gedränge im Ortskern (obwohl keine Bahn-, aber Busstation) – bis Friedrichshafen. In den folgenden 15 Minuten fuhren zwei Züge nach Aulendorf. Statt in die Regionalbahn einzusteigen, wartete ich auf bodo, die Bodensee-Oberschwaben-Bahn. Dort fanden wir sogar mit fünf Rädern in einem Abteil Platz. Glück gehabt, ein Ausflug ohne Hindernisse.

Kritiker beklagen, dass die Regelung für drei Monate nicht nachhaltig sei, und würden lieber eine ganzjährige Förderung sehen. Ein Jahr lang 9-€-Ticket für alle würde 7,5 Milliarden Euro kosten. Der Chef des Nahverkehrs-Branchenverbands Ingo Wortmann hätte zudem das Geld für das Monatsticket lieber in den Ausbau des ÖPNV gesteckt. Bislang ist Wissing nicht bereit, mehr für den ÖPNV zu zahlen. Er will Erkenntnisse aus der Einführung des 9-€-Tickets abwarten, die eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe erarbeiten soll.

 

 

Text und Bilder: Gerhard Maucher

 

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