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„Bad Saulgauer Krankenhaus schließt am 30. November.“ Diese Schlagzeile in der „Schwäbischen Zeitung“ (Ausgabe Bad Waldsee) vom 16. September 2022 nimmt man fast schon fatalistisch-resignativ zur Kenntnis. Landauf, landab werden Krankenhäuser zugemacht.

Hatte es 1991 noch zweitausendvierhundertundelf Kliniken im Land gegeben, so waren es im Jahre 2018 bundesweit nur mehr eintausendneunhundert-fünfundzwanzig – ein Minus von 20,2 Prozent. Diese Zahlen nennt das Statistische Bundesamt. Wer die Namen der geschlossenen Kliniken wissen möchte, dem empfehlen wir einen Blick auf die Webseite www.kliniksterben.de. Man findet eine lange, lange, traurig machende Liste.

Ist unser immer noch als reich geltendes Land nicht mehr in der Lage, flächendeckend Grundversorgung zu organisieren?

Dem Schreiber dieser Zeilen – er wohnt an einer Bundesstraße – fällt auf, dass immer häufiger der Rettungswagen fährt. Die Gesundheitsökonomen in der hohen Politik handeln offenbar wie die Optimierer in der Fertigungswirtschaft: Jene haben schon lange ihre Läger auf die Straße verlegt. „Just in time“ heißt dieses Kostensenkungsprinzip und so sieht es auch in der Gesundheitswirtschaft aus: Krankenhausbetten raus, Rettungswagen rein in die Garage, das scheint sich zu rechnen.

Seit 1955 hat Deutschland 15.291 Kilometer Bahnstrecken stillgelegt und oft abgebaut – von einst stolzen 53.685 Kilometern. Die Zahlen sind dem Fachblatt „ifo Dresden berichtet“ (Heft 4/2021, S. 4) entnommen. Zahllose Bahnhöfe wurden verscherbelt, innerstädtisch gelegene Bahnhofsareale gelten als Leckerbissen für Immobilienhaie. In Leutkirch steht auf den einst nach Isny führenden Gleisanlagen inzwischen ein Einkaufszentrum, dessen idyllischer Name („Bahnhofsarkaden“) in krassem Gegensatz zur Optik steht, die einem realsozialistischen Plattenbau zur Ehre gereichen würde.

In Bad Waldsee sieht man an der Bahnhofstraße ein achtbares Gebäude, durchaus dem Historismus der vorigen Jahrhundertwende zuzuordnen. „Postamt“ ist an der Fassade in schön geschwungenen Lettern zu lesen. Doch die Kundenschalter sind zu und wer Briefmarken braucht, begibt sich in einen Postshop. Auch in Bad Wurzach und Leutkirch sind respektable Postgebäude längst anderen Zwecken zugeführt.

Aber es geht weniger um die bauliche Präsenz der Post denn um ihre Leistungsfähigkeit. Die leidet. Wie bei der Bahn picken private Anbieter die Rosinen raus und den Staatskonzernen bleibt die Versorgung der öden Fläche und abseitiger Destinationen.

Kurt Rossmanith, lange verteidigungspolitischer Sprecher der CSU, hat am 14. September 2022 in der „Schwäbischen Zeitung“ (Ausgabe Leutkirch) mit Blick auf den Ukraine-Krieg die Aussetzung der Wehrpflicht bitter beklagt. Aber ein Zurück sei völlig unrealistisch: „Die Strukturen sind nicht mehr da“, konstatiert er.

Im Klartext: Viele Kasernen sind weg.

In unglaublicher Kurzsichtigkeit wurde und wird Volksvermögen, entbehrungsreich über Generationen aufgebaut, verschleudert – oft unter dem adretten Etikett der Liberalisierung und Privatisierung.

Auch im Bereich der Bildung gibt es Kahlschläge. Die Welt hatte uns um den Diplom-Ingenieur und um den Meister im Handwerk beneidet. Ersterer wurde auf dem Altar des Bologna-Prozesses geopfert, einer internationalistischen Nivellierung, die alles andere als qualitätsverbessernd war und ist; und der Meisterbrief wurde von der EU einkassiert. Als man merkte, dass der „Ich-bin-jetzt-mal-Fliesenleger“-Typ keine gerade Fuge hinkriegt, wurde zurückgerudert. In einigen Handwerken gilt nun wieder die Meisterpflicht.

Etwas ist faul im Staate Deutschland. Aus einem blühenden Land wurde eine Dienstleistungswüste. Wenn Humus verlorengeht, spricht man von Erosion. Bauern und Gärtner und Winzer wissen: Dann wächst nichts mehr.

Deutschland erodiert.

Gerhard Reischmann

 

 

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