Kreis Ravensburg (rei) - Die Neuordnung des Krankenhaus-Wesens im Kreis Ravensburg sorgt seit Wochen für Aufregung und Bürgerproteste: Am 3. Mai wurde bei der Kreistagssitzung in Schlier-Wetzisreute das Krankenhaus-Gutachten vorgestellt, das eine externe Beratungsgesellschaft im Auftrag des Landkreises Ravensburg angefertigt hat. Die Gutachter empfehlen die Schließung des Bad Waldseer Krankenhauses bei gleichzeitiger Stärkung des EK in Ravensburg. Eine Notfallversorgung solle es aber weiterhin in Bad Waldsee geben.

Das ist eines von vier Szenarien, die im Gutachten planerisch durchgespielt werden. Die Bildschirmzeitung, deren Redaktion bei der Kreistagssitzung nicht anwesend sein konnte, hat Informationen aus der Mitte des Kreistages zusammengetragen, die wir hier wiedergeben:

In einem umfangreichen Vortrag des Beratungsinstitutes BAB (Hamburg) wurde den Mitgliedern des Kreistages und der anwesenden Öffentlichkeit das Gutachten vorgestellt, „die Stunde der Wahrheit“, wie ein Kreisrat formulierte. Die Gutachter hätten betont, dass nicht nur der Kostenfaktor eine entscheidende Rolle spiele, sondern die aktuellen Trends im Gesundheitswesen abgebildet werden müssten. Diese seien letztendlich die Treiber für die strukturellen Veränderungen. Gleichwohl würden die Krankenhausleistungen und -Strukturen sehr stark durch die Finanzierung reguliert. Das Institut geht von einer stark wachsenden Ambulantisierung von 20 bis 40 Prozent der heutigen stationären Behandlung aus, was in der OSK im Jahr einen „Verlust“ von mehr als 10 000 Patienten ausmache. Weiter werde wegen zunehmender Spezialisierung eine weitere Leistungskonzentration erforderlich und schließlich stelle der Fachkräftemangel einen zentralen Faktor dar.

Aufgrund dieser vielfältigen Gemengelage müsse – so die Aussage der Gutachter – „die Versorgung neu gedacht werden“. Dies erfordere ein ganzheitliches Konzept, das an allen diesen Punkten ansetze. Es gehe nicht nur um die Anzahl der Krankenhaus-Betten, sondern es müsse grundsätzlich über neue Strukturen in der Primärversorgung nachgedacht werden. Dazu zwinge die stark zunehmende Ambulantisierung geradezu, so die Gutachter. Unter diesen Prämissen und und anhand des Kreistagsauftrages stellte die BAB vier Szenarien vor:

Szenario 1: Fortführung aller drei bisherigen Standorte der Akutversorgung, also: „Möglichst wenig Veränderung“

Szenario 2: Konzept mit drei Akutstandorten unter Berücksichtigung des Ziels eines Abbaus von versorgungspolitisch und medizinisch nicht notwendigen Doppelstrukturen

Szenario 3: Konzept mit zwei Akutstandorten unter Berücksichtigung des Ziels eines Abbaus von versorgungspolitisch und medizinisch nicht notwendigen Doppelstrukturen

Szenario 4: Konzept mit einem einzigen Akutstandort zur Erfüllung des Sicherstellungsauftrages des Landkreises Ravensburg

BAB empfahl dem Kreistag Szenario 3: Das würde das Ende für den Standort Bad Waldsee und das Aus für die Geburtenabteilung in Wangen bedeuten.

Der Standort Bad Waldsee soll diesem Vorschlag zufolge eine hinreichende medizinische Versorgung durch eine MVZ-Struktur erhalten, also ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) oder ein Primärversorgungszentrum (PVZ). Wie das dann konkret aussehen kann oder soll, erscheint derzeit noch unklar.

Die in Wangen wegfallenden Geburten (ca. 800 im Jahr) können – laut BAB – von den umliegenden Krankenhäuser in Lindau, Tettnang, Lindenberg oder Ravensburg problemlos aufgefangen werden.

Dazu nahmen die Fraktionsvorsitzenden in der gebotenen Kürze der Zeit Stellung. Volker Restle von der CDU betonte, dass nicht nur die Kosten hierbei zu beachten sind, sondern vor allem die Patientenversorgung unserer gesamten Region; er mahnte eine schnelle Entscheidung an. Seine abschließenden Fragen waren, wie sich die Kliniken auf die zunehmende Ambulantisierung und die Spezialisierung einstellen können und welche Nachfolgemodelle für Wangen und Bad Waldsee realistisch seien.

Für die FW legte deren Fraktionsvorsitzender Oliver Spieß Wert auf die Tatsache, dass alle zuvor angesprochenen Bedingungen von Bedeutung sind und nicht nur die Anzahl der Betten. Den Wert der OSK für den Landkreis belegte er mit der Feststellung, dass während seiner 18-jährigen Kreistagsmitgliedschaft der Kreis schon mehr als 100 Millionen € für die Kliniken bereitgestellt habe. Abschließend nannte er – wie alle Fraktionsvorsitzenden – als Ziel, dass die OSK in Zukunft gut aufgestellt werden müsse.

Der Kreistag und seine Fraktionen werden nun in den nächsten vier Wochen dieses Gutachten gründlich beraten. „Wir hoffen, dass am Ende eine zukunftsweisende, tragfähige Entscheidung herauskommt, die nicht in wenigen Jahren schon wieder neu diskutiert werden muss“, sagte ein Kreisrat.

Bild: Am 13. April haben in Bad Waldsee mehr als 1000 Personen gegen eine Schließung des Bad Waldseer Krankenhauses demonstriert.
DBSZ-Archivbild: Erwin Linder

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