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Biberach - Was haben Tom Hanks, Brad Pitt, Quentin Tarantino und Steven Spielberg gemeinsam? Sie alle haben schon mit Michael Kranz gedreht. Der aus Bad Schussenried stammende und in München lebende Schauspieler hat sich längst im hart umkämpften Filmgeschäft etabliert und ist sowohl im Kino als auch im Fernsehen präsent. Nun nimmt der 37-Jährige auch auf dem Regiestuhl Platz. Bei den 42. Biberacher Filmfestspielen, die dieser Tage stattfinden, ist seine Dokumentation „Was tun“ zu sehen. Dabei nimmt sich Michael Kranz eines brisanten Themas an: Es geht um die Zwangsprostitution Minderjähriger in Bangladesch.

 

Herr Kranz, wie oft waren sie schon bei den Biberacher Filmfestspielen und wie sind ihre Eindrücke von diesem Festival? Welche Bedeutung hat es für Sie? Schließlich kommen Sie aus der Gegend?

Ich war in Biberach bei den Pfadfindern und habe die Biberach Filmfestspiele so am Rande mitbekommen. Ich fand das immer spannend, dass da die Filmwelt zu Gast in Biberach ist. Später als Jugendlicher habe ich mir dann auch immer wieder Filme dort angeschaut. Es war spannend mit den Filmemacher.innen über die Filme zu sprechen und zu sehen, wie unterschiedlich Filme wahrgenommen werden.
Dann war ich 2011 mit dem Film „Tage die bleiben“ als Schauspieler in Biberach eingeladen und stand beim Publikumsgespräch auf einmal auf der anderen Seite. Das war schön - in die Heimat zurückzukommen und zu sehen wie offen und interessiert das oberschwäbische Publikum ist.

 

Haben Sie aktuell noch Bezüge zu Oberschwaben?

Ja, ein großer Teil meiner Familie lebt ja noch dort und auch einige Freunde. Und ich bin auch ein nostalgischer Mensch. Orte, die früher wichtig für mich waren, sind auch heute noch sehr besonders für mich. Meine alte Schule St. Johann in Blönried, die Schwabentherme, in der ich als Jugendlicher gejobt habe, das Haus in Schussenried, in dem ich aufgewachsen bin… Da fahre ich immer wieder hin. 

 

Wie kam es dazu, dass Sie als Jugendlicher für ein Jahr in einem Indianerreservat lebten und wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Ich wollte unbedingt ein Austauschjahr in den USA machen. Dass ich dann ins Reservat kam war Zufall. Die Organisation rief irgendwann an und hat gesagt: „Wir hätten einen Platz für Dich im Reservat, das haben wir selbst noch nie gemacht, aber hättest Du Lust auf den Versuch?" Dann war ich ein Jahr dort. Die Zeit hat mich schon geprägt. Zum einen, weil ich ja zum ersten mal so auf mich gestellt war und das an sich schon eine große Erfahrung war. Dazu kam die besondere Situation als fast einziger hellhäutiger im Reservat zu leben und die erschreckende Entwurzelung dieser Menschen zu erleben, deren Vorfahren zu tausenden starben oder ermordet wurden und denen "unsere Kultur“ aufgezwungen wurde. Gleichzeitig bin ich mit der Kultur der Lakota in Berührung gekommen und durfte an spirituellen Zeremonien teilnehmen. Eine der Grundaussagen ihrer Religion ist: „Alles ist verbunden", "alles ist verwandt“ ein bisschen mehr von dieser Achtsamkeit im Miteinander und der Natur gegenüber, würde ich unserer Gesellschaft auch wünschen.

 

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In nüchtern-realitischen Bildern dokumentiert Michael Kranz in seinem Film „Was tun“ das Leid, aber auch die Hoffnung Jugendlicher in Bangladesch, die zur Prostitution gezwungen werden. Foto: Kranz / Sparkling Films

 

Nach dem Abitur haben Sie sich für eine professionelle Schauspielausbildung entschieden. War es schon immer Ihr Wunsch, Schauspieler zu werden? Wie war die Reaktion Ihrer Familie darauf? Schließlich gilt die Schauspielerei nicht unbedingt als „solides Handwerk“.

Ich bin durch das Schultheater in St. Johann und den sehr engagierten Kunstlehrer Thomas Beck zum Schauspiel gekommen. Das war einfach ein Riesenerlebnis dort dabei gewesen zu sein. Alle haben ihr bestes gegeben und jeder hat sich reingehangen als würde das Leben davon abhängen. Meine Mitwirkungen bei Freilichttheaterstücken in Schussenried und in Weingarten haben mich dann in dem Wunsch bestärkt und mir das Gefühl gegeben, es gibt eine realistische Chance dass ich es auf eine Schauspielschule schaffen könnte.
Meine Eltern haben mich in dem Wunsch bestärkt. Dafür bin ich meinen Eltern dankbar, dass ich das Gefühl hatte, ich kann machen was ich will und sie vertrauen darauf, dass ich meinen Weg schon finden werde. 

 

Was reizt Sie besonders am Beruf des Schauspielers? Welche Rollen reizen Sie am meisten?

Mich reizt es eine Seele, eine Psyche zu entwerfen und dann in sie einzutauchen, sie zu verkörpern, sie auch mit dem Körper zu erfahren. Das Leben fühlt sich anders an, wenn ich in einer Rolle bin. Mit der Relativität der eigenen Wahrnehmung und Weltsicht zu arbeiten erweitert den Horizont ungemein. Wichtig ist es mir, Rollen nicht oberflächlich darzustellen oder "Menschentypen vorzuführen“ zum Beispiel billigen Gags zuliebe. Am meisten Spaß macht es mir Rollen zu spielen, die widersprüchlich sind. Charaktere, die man liebt oder mit denen man mitfühlt und die gleichzeitig ihre Abgründe haben. 

 

Ihren Durchbruch hatten sie mit dem vielfach ausgezeichneten Film „Das weiße Band – eine deutsche Kindergeschichte“. Später waren Sie auch in Hollywoodproduktionen wie „Inglorious Basterds“ oder „Bridge of Spies“ zu sehen. Wie sind Sie an diese Rollen gekommen und wie war es mit Meisterregisseuren wie Michael Haneke, Quentin Tarantino und Steven Spielberg, aber auch mit Schauspielern wie Brad Pitt oder Tom Hanks zusammen zu arbeiten?

Die Casterin Simone Bär hatte an allen deutschen Schauspielschulen damals nach jemandem gesucht der Ralph Fiennes in jung spielen konnte. Da kam ich zwar nicht in Frage, aber ich bin ihr im Gedächtnis geblieben und als sie dann für Haneke auf der Suche nach Darstellern war, hat sie sich bei mir gemeldet. Die Zusammenarbeit mit Haneke war sehr besonders. Er hat eine solch klare Vision von jedem Detail des Filmes im Kopf, das ist einzigartig. Wir haben uns sehr gut verstanden und die Zusammenarbeit mit ihm hat mir dann auch die Türen zu den Drehs mit Tarantino und Spielberg geöffnet. Beide haben großen Respekt vor Haneke. Tarantino hat mir beim Casting gesagt: „If you were good enough for Haneke you’re good enough for me.“ Mit Tarantino zusammenzuarbeiten ist toll, weil sein Team eine richtige Gemeinschaft ist und er selbst vor Begeisterung sprüht. Das steckt alle an und ist dann auch in seinen Filmen spürbar. Tarantino lebt für Film. Ich glaube, es gibt niemanden auf der Welt der sich mit Film so gut auskennt. Egal ob deutschen Stummfilme aus den 20ern oder japanische B-Movies Tarantino weiß alles darüber.
Tom Hanks und Brad Pitt waren beide sehr sehr nett und aufmerksam. Brad Pitt hat mich am Set von Inglourious Basterds ein bisschen unter die Fittiche genommen und wir waren auch mal was trinken zusammen. Ich bin nicht der Typ, dem Ruhm viel bedeutet. Weder bei mir, noch bei anderen Menschen. Aber wenn Stars von solchem Kaliber mitspielen, hat der Film natürlich eine enorme Reichweite und wird überall auf der Welt gesehen. Das ist natürlich spannend in so einem Werk dabei zu sein.

 

Sie sind sowohl im Kino als auch im Fernsehen zu sehen, zuletzt in der erfolgreichen ARD-Eventserie „Oktoberfest 1900“. Worin liegen die Unterschiede und was bevorzugen Sie?

Bei Oktoberfest 1900 bestand ja durchaus der Anspruch, dass die Serie was die Bilderwelt angeht durchaus mit Kino mithalten können soll. Ich finde, das ist auch gelungen. In der Fernsehwelt herrscht in Deutschland eine neue Aufbruchstimmung und auch ein größerer Mut ungewöhnliche Geschichten zu erzählen. Auch die neue Wertschätzung dem Serienformat gegenüber finde ich spannend. Im Verlauf einer Serie kann man Geschichten und Charaktere nuancierter entfalten als in einem Kinofilm. Dennoch, wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Kino entscheiden. Im Kino wird das Medium Film als Kunstform wertgeschätzt. Die Zuschauer.innen können nicht einfach wegzappen. Kino kann sich leisten irritierender zu sein, künstlerisch eigener, sperriger, spannender. 

 

2010 führten Sie zum ersten Mal Regie bei der Dokumentation „Am Ende der Wiese“, 8 Jahre später drehten sie den Kurzfilm „MyBorder's JOYfence“, nun nehmen Sie zum dritten Mal auf dem Regiestuhl Platz. Was hat Sie dazu bewogen, Regie zu führen? Sind Sie lieber Schauspieler oder Regisseur?

In erster Linie fühle ich mich als Schauspieler. Aber ich habe recht schnell gemerkt, dass ich auch meinen eigenen Visionen folgen will. Als Schauspieler kann ich mir überlegen, wie ich das Bild, das die Regisseurin / der Regisseur im Kopf hat durch meine mir eigenen Farben bereichere und vertiefe. Aber der Frage, welches Bild man selbst malen würde entgeht man leicht. Was finde ich selbst erzählenswert? Dieser Frage wollte ich nachgehen und habe mich dann dafür entschieden, neben meinen Schauspielengagements Dokumentarfilm zu studieren. Also im Augenblick würde ich sagen: Hauptsächlich Schauspieler und alle paar Jahre mal ein eigenes Projekt. 

 

Ihr Dokumentarfilm „Was tun“ greift das Thema Zwangsprostitution in Bangladesh auf. Wie sind Sie auf dieses Thema aufmerksam geworden?

Ich habe mir während des Dokumentarfilmstudiums viele Dokumentarfilme angeschaut und habe auch Whore’s Glory von Michael Glawogger gesehen. Dort ist ein Interview mit einem 15jährigen Mädchen zu sehen, die in Bangladesch zu Prostitution gezwungen wird. Sie fragt irgendwann in die Kamera: „Warum müssen wir hier mit soviel Leid leben?“ Mir ist aufgefallen, wie oft ich von Schicksalen, die ich in den Medien sehe, berührt bin, aber mir dann auch gleich denke: „Was kann ich da schon tun?“ Für meinen Dokumentarfilm wollte ich einmal versuchen, was passiert, wenn ich meinem Impuls etwas ändern zu wollen einmal nachgehen und habe mich dann auf den Weg gemacht das Mädchen, das ich im Film gesehen habe, zu suchen. 

 

Für Ihre Doku reisten Sie nach Bangladesh. Waren Sie zum ersten Mal dort? Wie waren ihre Erfahrungen in diesem Land? Besonders im Vergleich zu unserer Lebensweise hier in Deutschland?

Bangladesch ist natürlich sehr beeindruckend. Es steht ein bisschen zwischen den Stühlen, weil es ein muslimisches Land ist und gleichzeitig aber auch sehr von der indischen Kultur geprägt ist. Das erste was mir aufgefallen ist, ist die große Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen dort, wie man sie in vielen muslimischen Ländern findet. Auch ein größeres Miteinander in der Gesellschaft habe ich erlebt. Man nennt Menschen, die man nach dem Weg fragt auch gerne mal Onkel. Auf der anderen Seite wird das Privatleben sehr viel mehr von Gesellschaftlichen Normen und Zwängen bestimmt. Bei uns sind die Menschen vielleicht vereinzelter, aber dafür gibt es auch mehr Raum für freie Selbstentfaltung und für Lebensentwürfe, die im Widerspruch zu den Konventionen stehen.

 

In Ihrem Film reflektieren sie permanent ihr eigenes Verhalten, stellen Fragen wie: Ist es verwerflich, nur einer Person zu helfen? Oder: Welche Rolle spielt dabei mein Privileg als weißer, westlicher Mann? Wie sehen Ihre Antworten darauf aus?

Das sind natürlich weitreichende Fragen, die ich nicht ein paar Sätzen beantworten kann und vor allem nicht in einer allgemeinen Form. Aber es ist meiner Meinung nach wichtig, das eigene Verhalten und die eigene Situation immer wieder auf den Prüfstand zu stellen und dabei möglichst ehrlich mit sich zu sein. Diese Reflexion sollte allerdings auch nicht nur in einer Echokammer stattfinden. Ein Austausch mit anderen Meinungen und Weltsichten ist für mich essentiell für eine funktionierende Gesellschaft und für ein erfülltes Leben. Dabei finde ich es wichtig, auch Widersprüche auszuhalten und den Fokus nicht immer nur auf den Dissens zu legen, sondern genauso das Miteinander zu stärken. 

 

Sie sind Initiator des Bondhu Projektes Bangladesh. Bitte erzählen Sie uns mehr darüber.

Das Bondhu Projekt bietet Kindern aus dem Bordellmillieu ein sicheres Zuhause und schulische Bildung. Außerdem versuchen wir, ehemaligen Zwangsprostituierten eine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben zu geben. Das Bondhu-Projekt entstand während des Filmdrehs zu „Was tun“. Ich dachte mir immer wieder: Mit wenig Geld könnte man hier viel bewegen und bat dann auf Facebook Freunde um Spenden. Die Resonanz war umwerfend. 

 

Planen Sie weitere Regieprojekte?

Ja, es gibt mehrere Projekte in der Schublade, aber ich habe keine Eile. Ich will nur Projekte machen, von denen ich absolut überzeugt bin und bei denen die Rahmenbedingungen stimmen. „Was tun“ war ein sehr idealistisches Projekt in das ich viel Zeit, Energie und auch eigenes Geld gesteckt habe, davon muss ich mich erstmal ein bisschen erholen. Und ich arbeite auch noch weiter daran, den Film weiter unter die Leute bringen: Es sieht vielversprechend aus, dass der Film nächstes Jahr einen kleinen Kinostart bekommt. Das freut mich sehr!

 

Auch das Biberacher Filmfest wird unter Einschränkungen stattfinden. Deshalb zum Abschluss noch die Frage, wie hat Corona ihre Arbeit als Schauspieler und Filmemacher beeinflusst und was sind ihre Gedanken, auch im Hinblick auf die Zukunft, dazu?

Die Corona-Maßnahmen haben die Filmwirtschaft in Deutschland fast zum Erliegen gebracht. Ich trage die Maßnahmen mit und habe das Gefühl, dass die Regierung bei uns da insgesamt einen recht guten Job macht, obwohl es natürlich viele Details gibt, über die man streiten kann und muss. Aber es tut natürlich schon weh: Ich hatte seit Ausbruch der Pandemie gerade mal 6 bezahlte Arbeitstage. Das geht an die Substanz. Ich hoffe sehr darauf, dass die Situation sich spätestens Anfang / Mitte nächsten Jahres durch medizinische Fortschritte deutlich verbessert. Und ich plädiere dafür, das soziale Leben zwar eine Zeitlang einzuschränken, aber soweit es geht weiter zu zelebrieren. Also zum Beispiel: Ab zu den Filmfestspielen! Ab ins Kino!

 

Das Interview führte Alexander Koschny

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