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Biberach - Im Jahreskalender nehmen die Biberacher Filmfestspiele einen festen Platz ein in Biberach, in Oberschwaben und in der deutschen Filmszene. Seit mehr als 40 Jahren versammeln sich im Herbst Filmschaffende und ihr Publikum in der Stadt der Biber, um gemeinsam ihrer Leidenschaft zu frönen und sich daran zu erfreuen, dass man sich begegnet, schwätzt und diskutiert. Zum besonderen Biberacher Ritual gehören die Publikumsgespräche nach den Vorführungen mit den Filmschaffenden. Es ist meist ein intensiver Austausch, der von beiden Seiten geschätzt wird. BLIX sprach mit der Intendantin Helga Reichert über das Filmfestival, das stattfindet – trotz Corona.

 

Frau Reichert, Ihr Debüt als Intendantin der Biberacher Filmfestspiele im letzten Jahr war ein voller Erfolg. Sie haben mit eigenen Akzenten die Filmfestspiele als Begegnung von Publikum und Filmschaffenden erfolgreich fortgesetzt. ‚Das Wohnzimmer des deutschsprachigen Films‘ war mit 15.000 Besuchern propevoll. Und nun das: Corona lässt grüßen und verhindert, dass diese Nähe entsteht, die die Filmfestspiele auszeichnet. Warum haben Sie und der Verein sich dennoch für die Durchführung entschieden?

Vielleicht, weil ich ‚Nähe‘ anders definiere als Sie. Für mich bedeuten die Biberacher Filmfestspiele das gemeinsame Kinoerlebnis und die Diskussion mit den Filmschaffenden vor Ort. Das geht auch mit dem nötigen Abstand. Im letzten Jahr hatten wir tolle Filmgespräche auch in den nicht ausverkauften Sälen. Was es in diesem Jahr tatsächlich nicht geben wird, das ist das gesellige Beisammensein im Kinofoyer, das Gedränge vor der Verkaufstheke und die überfüllte Treppe zu den Kinosälen auf der oberen Etage. Ich werde den Spielplan so gestalten, dass es möglichst keine Engpässe im Foyer geben wird beim Einlass. Getränke und kleine Speisen können erworben werden, müssen aber im Kinosaal am Platz verzehrt werden. Praktisch heißt das: Sie gehen mit ihren Freunden ins Kino, nehmen das Glas Wein mit an den Platz und stoßen dort gemeinsam an. Die Traumpalast- Säle laden mit ihrem großzügigen Ambiente geradezu dazu ein. Natürlich wird es anders als sonst, aber die Alternative wäre die Absage gewesen oder eine Online- Festivalversion. Dann hätten Sie auf viele gute Filme und komplett auf die erwähnte Nähe verzichten müssen!

Wie gut schlafen Sie noch angesichts der steigenden Infektionszahlen im In- und Ausland?

Das Kino ist ein sehr sicherer Ort in diesen Zeiten. Anders als in Kneipen oder bei Feiern lassen sich die Abstandsregelungen sehr gut umsetzen. Sie kommen auf markierten Laufwegen ins Kino, holen sich an der Theke eine kleine Stärkung, setzen sich auf den für Sie gebuchten Platz mit viel Abstand zu den nächsten Kinobesuchern, setzen die Maske ab und genießen den Film. Wie schrieb ein Vertreter der Fachpresse: “Beim Filmschauen soll eh der Mund gehalten werden“. D.h. die Ansteckungsgefahr im Kino ist sehr gering dank Abstand und kontinuierlicher Frischluftzufuhr. Sollte die aktuelle Lage Ende Oktober eine Schließung des Kinos erfordern, dann ist das so, und dann werden wir uns überlegen, wie wir kurzfristig darauf reagieren. Aber ich kann doch nicht schon jetzt in Panik verfallen, wenn ich gar nicht weiß, wie die Lage sich entwickeln wird.

Wie sieht Ihr Corona-Plan aus?

Ganz einfach: Ich tue alles dafür, dass meine Familie, das ganze Biberacher Filmfest- Team, unser Publikum und die Filmschaffenden gesund bleiben! Mit Abstand, Maske und viel Hygiene. Und dann machen wir das Beste daraus!

Neben dem Sponsoring ist der Eintritt die Haupteinnahmequelle. Kann die Rechnung aufgehen, wenn auf Grund der Abstandsregelung die Kinosäle nur zu einem Drittel besetzt werden können?

Wir haben den Vorteil, dass wir relativ geringe Fixkosten übers Jahr haben, eigentlich nur die Vereinsverwaltung und mein Honorar. Die Ausgaben, die direkt mit dem Filmfest zusammenhängen, sind größtenteils prozentual abhängig von den Einnahmen. D.h. die Kinomiete und die Leihmieten für die Filme hängen ab von der Höhe der Einnahmen. Und dadurch, dass ich weniger Filme zeige, fallen auch weniger Reisekosten für die Filmschaffenden an. Glücklicherweise halten uns unsere Unterstützer und Sponsoren in dieser Zeit die Treue, dafür bin ich sehr dankbar, besonders für den Rückhalt der Stadt Biberach.

Wichtig für die BesucherInnen: Wie kommt man/frau an die Karten?

Wie immer gibt es einen Vorverkauf für unsere Vereinsmitglieder, in diesem Jahr allerdings nur online. Den Link dafür bekommen die Mitglieder rechtzeitig zugeschickt. Ab dem 24. Oktober können sie dann regulär die Karten beim Traumpalast reservieren und kaufen. Dabei wird in diesem Jahr der Online- Kauf empfohlen, die Kinokassen haben aber auch geöffnet.

Die Filmfestspiele finden statt und das Wichtigste dabei sind die Filme. Also, wie weit ist das Programm schon gediehen? Geben Sie uns einen kleinen Einblick in Ihre Filmauswahl?

Wir haben zur Eröffnung eine Welturaufführung, ein großer Historienfilm mit Tobias Moretti in der Hauptrolle. „Louis van Beethoven“ bot sich im Beethovenjahr als Eröffnung einfach an! Eine weitere Uraufführung werden wir am Freitag, 30.10. feiern mit dem Debütspielfilm „Stille“, von Erik Borner. Ein ganz besonderer Arthouse- Film , der das Leben und die kleinen Momente feiert. Ich freue mich sehr, dass wir den deutschen Festivalbeitrag des Filmfests in Venedig zeigen dürfen: „Und morgen die ganze Welt“, ein politisch hochaktueller Spielfilm von Julia von Heinz. Bei den Fernsehfilmen gibt es in diesem Jahr einen Fantasyfilm „Die Hexenprinzessin“ der auf jeden Fall auf die große Leinwand gehört! Der Regisseur Ngo The Chau hat schon mehrere Preise für die Beste Kamera gewonnen, das merkt man dem Film deutlich an.
Aus unserer Region (Bad Schussenried) kommt Michael Kranz zurück mit seinem Dokumentarfilm „Was tun“. Eine unglaubliche Geschichte über die Suche nach einem Mädchen in Bangladesch, deren Interview für eine Dokumentation vor ein paar Jahren Michael so berührt hat, dass er sie unbedingt finden wollte. Der mittellange Film „Masel Tov Cocktail“ beschreibt auf irrwitzige Weise das Leben eines jüdischen Teenagers in Deutschland.
Und einen Corona- Film haben wir auch! In „Lockdown Movie“ – unter Corona- Bedingungen gedreht - geht es um die Suche nach Beschäftigung, nach Toilettenpapier und den Sinn des (Film-) Lebens. Einfach sehenswert!

Gibt es einen thematischen Schwerpunkt?

Nach wie vor werden viele Filme eingereicht, die sich mit dem Leben im und nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Ich denke, das Thema ist immer noch so aktuell, weil die Zeitzeugen immer weniger werden, und niemand möchte diese Zeit vergessen lassen. „Das Glaszimmer“ nimmt die Perspektive eines Kindes dazu ein und läuft deshalb nicht nur im Wettbewerb um den besten Debütfilm, sondern auch in unserer Kinderfilmreihe. Die Debütfilme handeln zu einem großen Teil vom Umgang mit Verlust und Tod, also eher thematisch düster besetzt. Dagegen stehen Fernsehfilme wie „Sportabzeichen für Anfänger“, die einfach gute Laune machen!

Neben der Filmauswahl ist sicherlich die Einladung der Filmschaffenden zu den Filmen – auch ohne Corona – eine Herkulesaufgabe – und mit Corona: Wer kommt und welche Promis werden in diesem außergewöhnlichen Jahr über den Roten Teppich laufen?

Das wird sich – wie immer – erst kurzfristig entscheiden. In diesem Jahr werden prominente Schauspieler wie Tobias Moretti oder Senta Berger nicht mal eben vorbeischauen können, wenn sie gerade in Dreharbeiten sind, da sie vertraglich quasi unter Quarantäne stehen, um die aktuellen Produktionen nicht zu gefährden.

Die Eröffnung und die Preisverleihung finden wieder in der Stadthalle statt: unter welchen Bedingungen?

Unter den Regeln, die generell für die Stadthalle gelten. D.h. weniger Zuschauer und keine Party im Anschluss, aber nichtsdestotrotz werden wir die Filmschaffenden herzlich in Empfang nehmen und auf der Bühne feiern!

Frau Reichert, macht Ihnen Ihr Job noch Spaß
und welchen Wunsch haben Sie?

Wenn es mir keinen Spaß machen würde, dann würde ich es nicht machen (dafür werde ich zu schlecht bezahlt). Generell bin ich der Meinung, man sollte das, was man tut, mögen oder es sein lassen. Mein Wunsch ist es, weiterhin mit Leuten zusammenzuarbeiten, die nicht nach Problemen suchen, sondern lösungsorientiert denken. Und die nicht die einfachste Lösung wählen, sondern die beste.

 

Autor: Roland Reck

Foto: Georg Kliebhan

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