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Ravensburg / Biberach - Nachdem James Bond die Kinosszene in diesem Herbst endlich aus dem Corona-Schlaf geweckt hat, gibt es in Oberschwaben gleich zwei cineastische Highlights, die mithelfen, den Kinos in Ravensburg und Biberach wieder Leben einzuhauchen. In Biberach sind es die 43. Filmfestspiele, die vom 2. bis 7. November ihr Publikum in den Traumpalast locken, und in Ravensburg hat bereits eine Woche vorher die gelungene Premiere der 1. Filmtage Oberschwaben im Frauentor-Kino stattgefunden. Somit hat Oberschwaben von nun an zwei Filmfestivals. Das Publikum kann sich freuen, was in Ravensburg dieser Tage schon geschehen ist, soll in Biberach in diesen Tagen folgen.

In Ravensburg war es die Premiere für Helga Reichert auf neuem Terrain. Die Ex-Intendantin der Biberacher Filmfestspiele hat sich nach dem Zerwürfnis mit dem Vorstand des Verein Biberacher Filmfestspiele selbstständig gemacht, um „zu tun, was ich kann“. Und die 48-jährige Schauspielerin hat, unterstützt von ihrem Mann Adrian Kutter, innerhalb weniger Monate ein beachtliches Debüt in Ravensburg auf die Beine gestellt. 35 Filme für die sechs Preise zu vergeben waren, vom Spielfilm und Fernsehfilm über Dokumentarfilme bis zu Kurzfilmen. Und zu allen Filmen waren auch Filmschaffende anwesend, die das Gespräch mit den Zuschauern suchten – was mühelos gelang.
Das Konzept entspricht dem, was ihr Mann als Gründer der Biberacher Filmfestspiele über 40 Jahre entwickelt hatte und das Helga Reichert nach dessen Rückzug zwei Jahre lang erfolgreich fortsetzte, bevor es zum Crash mit dem Vereinsvorstand kam. Ein Unterschied: jetzt ist es der Mehlsack, das Ravensburger Wahrzeichen, der als Preisstatue verliehen wurde. Es gibt freilich weitere Unterschiede. So atmet das Ravensburger Kino noch den historischen Charme des letzten Jahrhunderts: großer Saal, aber wenig Aufenthaltsraum drumrum, was die Bewegung und Begegnung einengt. Aus Zeit- und Kapazitätsgründen verzichtete die Intendantin auch auf ein Rahmenprogramm zum Festival, zu dem in Biberach seit ein paar Jahren sogar ein verkaufsoffener Sonntag zählt.

 

DerNeueBiber

In Biberach gibt es einen neuen Biber, der sei „moderner und stehe etwas aufrechter“, begründet der Vorstand die Investition.

 

Der wird auch in diesem Jahr wieder stattfinden. Doch was in Biberach einerseits schon Routine ist, ist andererseits auch eine Premiere. Denn mit dem Abgang von Helga Reichert als Intendantin in Biberach musste sich der Vereinsvorstand um den Vorsitzenden Tobias Meinhold nach einer neuen Intendanz umschauen. Und die Biberacher wurden ganz in der Nähe fündig. Nathalie Arnegger stammt aus Ravensburg und übernahm den Job von Reichert. Der Auftrag ist diffizil: Die studierte Film- und Fernsehwirtschaftlerin muss beweisen, dass es in Biberach nach über 40 Jahren auch weiterhin sehenswerte Filmfestspiele geben wird. Dabei muss sie auf die Unterstützung eines Teils der Filmbranche verzichten. So kommt es, dass Hans W. Geißendörfer, Regisseur, Produzent und „Vater der Lindenstraße“ als Sponsor des Fernseh-Bibers ausfällt, weil der Mann mit der Mütze sein Geld zukünftig in einen Mehlsack für den besten Spielfilm bei den Filmtagen in Ravensburg investiert. Ein klares Statement für Helga Reichert. Ein ebensolches kam auch von Douglas Wolfsperger, der Dokumentarfilmer („Die Blutritter“) kündigte in BLIX an, dass er nicht mehr zu den Filmfestspielen an der Riss komme, stattdessen saß er in Ravensburg in der Dokumentarfilmjury. Anders Marianne Sägebrecht, die bayerische Schauspielerin war schon häufig Gast in Biberach und wird heuer den Ehrenbiber entgegennehmen.
„Die Biberacher Filmfestspiele finden statt“, verkündete der Oberbürgermeister Norbert Zeidler im Frühjahr bei der Vorstellung der neuen Intendantin erleichtert. Und so ist es! Arnegger kündigt an, vom 2. bis 7. November rund 70 Filme in sieben Kategorien zu zeigen. Los geht es am Dienstag, ab 19 Uhr, in der Biberacher Stadthalle mit dem Eröffnungsfilm“Me, We“. Der österreichische Film thematisiert eine vielschichtige Geschichte über Flucht und Migration, mal tragisch, mal komisch. Das Festivalprogramm sei eine Auswahl aus rund 300 Einreichungen „mit einem weiblichen Blick“, erklärt die Intendantin.
Auch das diesjährige Festival findet unter Corona-Bedingungen statt. Die Pandemie und die Konsequenz für das Festival war angeblich der Scheidepunkt im Streit mit Helga Reichert bei den Vertragsverhandlungen. Der Vorstand wollte die Intendantin verpflichten, zukünftig ein Online-Angebot (Video-on-Demand) anzubieten, um das Festival zukunftsfähig zu machen, so die Begründung. Reichert sah darin keinen brauchbaren Ersatz für eine Live-Veranstaltung und akzeptierte keine Verpflichtung dazu.
Die Wege trennten sich und Reicherts Nachfolgerin berichtet, dass nun neun Filme, davon fünf Kurzfilme, alle laufen außer Konkurrenz, während des Festivals hinter einer Bezahlschranke ohne Festivalfeeling zu sehen sind. Zukunftsfähig? 

 

Autor: Roland Reck

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