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Im Mai wurde die Regionalwert AG Bodensee-Oberschwaben gegründet. Die BürgerInnen AG hat sich zum Ziel gesetzt, ökologisch wirtschaftende Betriebe in der Bodensee-Oberschwaben-Region zu unterstützen. Mehrere Obstbauern sind schon dabei. Der Aufbau von Vertriebs- und Vernetzungsstrukturen gehört ebenso zu den Zielen, wie die Entwicklung von neuen Ideen und Strukturen, die eine Wende zum sozial-ökologischen Wirtschaften in der Region befördern.

 

Clemens Hund ist ganz in seinem Element. Der Bio-Obstbauer steht inmitten seiner Obstplantage unweit von Meckenbeuren auf dem gemähten Wiesenstreifen zwischen zwei Apfelbaumreihen und zeigt auf die noch kleinen Äpfelchen, die kaum merklich eine optische Veränderung haben. „Das nennt man Berostung“, erklärt der 53-Jährige den Gästen. Der kleine, noch unscheinbare Fleck wächst mit dem Apfel mit und mit diesem optischen Makel, der wie ein Rostfleck aussieht, kommt er damit nicht in die Handelsklassen-Sortierung – und ist damit nicht verkäuflich. „Das ist bei Bio-Äpfeln nicht anders als bei konventionellem Obst“, sagt Clemens Hund. Obgleich der optische Fehler keine Beeinträchtigung auf den Geschmack und die Haltbarkeit hat, hat er doch Auswirkungen. „Der Markt will das nicht, die werden aussortiert und landen normalerweise in der Mosterei“, sagt der Bio-Bauer. Er schüttelt den Kopf, Unverständnis auch bei den beiden Gästen Sarina Gisa und Stefan Schwarz: „Es ist doch verrückt, wie man mit Lebensmitteln umgeht“, sagt Sarina Gisa und Stefan Schwarz meint: „Solche Geschichten spornen mich an, etwas zu tun.“
Getan haben die drei eine ganze Menge. Nach rund fünfjähriger Findungsphase und Vorbereitungszeit wurde vor wenigen Wochen die Regionalwert AG Bodensee-Oberschwaben gegründet. „Der Name ist Programm“, sagt Sarina Gisa, „es geht um Regionalität und um den Wert, den die Region für die Menschen hat! Wir installieren hier mit den Finanzprodukt „Aktie“ quasi eine eigene Währung, mit der wir Arbeitsplätze schaffen und die Region stärken.“ Mit Sarina Gisa, Stefan Schwarz und Clemens Hund sind drei Menschen in den Vorstand gewählt worden, die von ihrer bisherigen beruflichen Tätigkeit unterschiedlicher nicht sein könnten. Gisa ist ausgebildete Psycholinguistin und ist unter anderem für die Kommunikation der Aktionärsgemeinschaft zuständig. Schwarz kommt aus dem Bereich der Logistik, ist Betriebswirt und hat jahrelang als Makler mit der Vermittlung von Versicherungen und Aktienfond sein Geld verdient. Alles was mit Finanzen und Finanzierung der AG zu tun hat, fällt in sein Tätigkeitsbereich. Und mit Clemens Hund ist ein Bio-Obstbauer der ersten Stunde im Boot. Er ist Ideengeber, ausgewiesener Fachmann und einer von drei landwirtschaftlichen Betrieben, die bei der Regionalwert AG bislang mit dabei sind. Beim Apfelsaft aus biozyklisch-veganem Anbau – der Obsthof Hund ist solchermaßen zertifiziert – erklären die drei Pioniere, weshalb sie die Bürgeraktien-Gesellschaft gegründet haben.
Die Frage, weshalb der Biobauer Clemens Hund bei der Regionalwert AG dabei ist, drängt sich auf, denn auf den ersten Blick scheint der Obsthof gut zu funktionieren. Die Ernteausfälle durch Frost halten sich in diesem Jahr in Grenzen, der Wühlmaus-Befall (und damit das Absterben junger Obstbäume) sind noch im Toleranzbereich und die Vertriebswege sind eingerichtet und funktionieren. Warum sich also bei einer Aktiengesellschaft engagieren? Da müsse er ein wenig ausholen, sagt Clemens Hund. Würde bei dem 53-Jährigen schon bald die Hofnachfolge anstehen, hätte er ein Problem. Da alle drei Kinder derzeit kein Interesse an der Weiterführung haben, würde das normalerweise den Verkauf bedeuten. Mit all den Unwägbarkeiten, den Ängsten, ob der Hof gut weitergeführt wird und den Schwierigkeiten, die natürlicherweise damit zusammenhängen. Hier kommt die Regionalwert AG ins Spiel. Mit dem eingesammelten Kapital (einen Kapitalgrundstock von 320.000 Euro haben die 42 GründungsaktionärInnen mit eingebracht, eine erste Kapitalerhöhung auf 1 Mio. Euro wurde in der Gründungsversammlung beschlossen) könnte – falls die Hofübergabe irgendwann konkret wird – der Hof gekauft und ein Betriebsleiter eingesetzt werden.
Das sei nur ein Beispiel von vielen, sagt Clemens Hund: „Ich möchte schon lange einen Verkaufsautomaten aufstellen, das muss ich dann nicht über die Bank finanzieren, sondern kann mir von der Regionalwert AG den Geldbetrag leihen. „Viele meiner Landwirt-Kollegen tun sich mit Banken schwer und umgekehrt ist es eben auch so“, sagt Clemens Hund. „Wenn du einen Ernteausfall hast und du musst deine Schulden zurückzahlen und kannst es nicht, dann wird die Bank sauer.“ Die Aktiengesellschaft dagegen fördert explizit Projekte, wo eine Bank zurückhaltend bleibt. „Banken schauen auf Zahlen und müssen überzeugt werden. Das ist manchmal nicht so einfach, gerade in der Landwirtschaft, wo langfristig gedacht wird“, sagt Clemens Hund. Zudem seien die wenigsten Banken transparent. Bei ihm dagegen könne man die Investition mit eigenen Augen sehen. „Bei mir kann man die Bäume anschauen, die einmal von der Regionalwert AG gepflanzt werden“, sagt er. Den Aktionären wird das gefallen, ist er sich sicher.
„Damit merkt man schon, dass die Regionalwert AG keine normale AG im landläufigen Sinn ist“, sagt Stefan Schwarz. „Manche Menschen bekommen ja regelrecht Schnappatmung, wenn sie von solchen Finanz-Konstrukten hören. Eine Aktiengesellschaft ist aber eigentlich ein Zusammenschluss von Menschen, die ein Projekt finanzieren, das sie gut finden. Das ist der Kerngedanke, eine Ursprungsform des heutigen Crowdfunding“, zeigt Schwarz den ursprünglichen Gedanken einer AG auf. Menschen geben also Geld in Form von Aktien, beteiligen sich damit am Unternehmen und können damit auch mitreden, mitwirken und mitbestimmen.
„Unsere AG ist aber im besten Sinne eine Beteiligungs-AG und nicht börsennotiert“, ergänzt Sarina Gisa. Der Gemeinschaftsgedanke sei wichtig. „Das ist ganz essentiell“, betont Gisa. Geplant seien immer wieder Treffen zum Austausch und Kennenlernen untereinander, woraus Ideen und Vorschläge entstehen, wie sich die Regionalwert AG Bodensee-Oberschwaben entwickeln kann und welche Schwerpunkte sie legt. „Jeder bringt unterschiedliche Qualitäten ein und somit bekommt das Ganze einen Wert. Das ist der Regionalwert“, sagt Sarina Gisa.
Die bundesweit neun Regionalwert Aktiengesellschaften – die erste wurde vor 15 Jahren in Freiburg gegründet – sind bislang vor allem im landwirtschaftlichen Bereich tätig. Dieser Schwerpunkt soll auch bleiben, andere Formen oder Ausprägungen sind aber möglich. Erst vor einem Jahr hat Stefan Schwarz die Regio E-Cars GmbH gegründet. Die Idee: Mit einem regionalen Netz von Elektro-Fahrzeugen soll ein Car-Sharing-Angebot aufgebaut werden. Ein weiteres Betätigungsfeld könnte sein, wenn die Photovoltaik-Pflicht beim Neubau von Einfamilienhäusern kommt und eine Familie sich die PV-Anlage nicht leisten kann, könnte die Regionalwert AG in Vorleistung gehen und die Anlage bauen und betreiben. „Genau solche Ideen werden übrigens von den AktionärInnen an uns herangetragen“, sagt Sarina Gisa.
Satzungszweck der AG ist die ökologische, soziale und regionalökonomische Weiterentwicklung der Wirtschaft in Oberschwaben. „Wir haben das Thema Energie als Satzungszweck, können uns aber genauso gut vorstellen, in die regionale Siedlungsentwicklung einzusteigen“, sagt Sarina Gisa. „Alles was in irgend einer Form die nachhaltige Entwicklung der Region und des Unternehmens fördert, ist möglich“, ergänzt Schwarz. Weitergesponnen hieße das: Der Bio-Apfelsaft könnte in einem Regionalwert AG-Laden verkauft werden. Dieser ist untergebracht in der von der Regionalwert Siedlungs GmbH gebauten Ökosiedlung und verkauft ganz selbstverständlich Obst und Gemüse von Bio-Bauernhöfen der Region, die sich mit der Regionalwert AG verbinden. Eine Utopie? Mitnichten, in der Region Freiburg funktioniert das System schon so und der erste Schritt in der Oberschwaben-Bodensee-Region ist mit der Gründung getan. Mit der Kapitalerhöhung können nun Aktien mit einem Nennwert von 500 Euro gezeichnet werden. Gefragt nach einer Rendite schmunzelt Stefan Schwarz und sagt. Vorläufig ist nichts geplant, wir stehen ja am Anfang. Über allem steht aber der Nachhaltigkeitsgedanke. „Die Rendite sind gesunde Lebensmittel“, sagt Stefan Schwarz.

 

Über die Regionalwert AG

Hinter der Idee der Regionalwert AG steckt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in der Region in die Lebensmittelproduzenten, die Bauern, in Form von Aktien investieren, damit diese weniger in finanziellen Abhängigkeiten stehen und gesunde Lebensmittel produzieren können. Gleichzeitig soll der Bezug zwischen den Konsumenten und Produzenten gefördert werden.
Nachhaltigkeit soll dahingehend gelebt werden, dass nur Bio-Betriebe (oder solche, die sich im Umstellungsprozess befinden) im Regionalwert-Netzwerk dabei sein können. Die Grundlage ist ein Denken in Kreisläufen. Wichtig sind Biodiversität, bäuerliche Landwirtschaft, keine Chemie.
Der Findungsprozess der Regionalwert AG Bodensee-Oberschwaben dauerte rund fünf Jahre, zum ersten Mal vorgestellt wurde die Idee auf der Mitmach-Konferenz, organisiert vom Nachhaltigkeits-Netzwerk WirundJetzt e.V. 2017 in Ravensburg. 2006 gründete Christian Hiss erste Regionalwert AG in Freiburg. Bislang gibt es acht Regionalwert Aktiengesellschaften über ganz Deutschland verteilt.
Über eine eigene Vertriebsstruktur sollen regionale Produkte vermarktet werden: Eine eigene Vertriebs- und Marketing GmbH ist für die AG und alle ihrer Partnerbetriebe geplant. www.regionalwert-ag-bo.de

 

Text und Foto: Rüdiger Sinn

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