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Seit Arbeit und Freizeit kaum mehr getrennte Welten sind, bleiben Sorgen nicht mehr im Büro, fehlt der Abstand zum Job. Zusammen mit den während der Pandemie drastisch eingeschränkten Möglichkeiten, einen Ausgleich in der Freizeit zu finden, stieg die mentale Belastung für viele. Anderen kommt die Arbeit vom heimischen Schreib- oder Küchentisch entgegen, sie hoffen, auch weiterhin nicht jeden Tag ins Büro fahren zu müssen.

BLIX fragte Andrea Appel, die Pressesprecherin der Stadt Biberach nach den Erfahrungen des letzten Jahres. „Die Stadtverwaltung hatte bereits vor der Pandemie Regelungen für Beschäftigte im Homeoffice getroffen. Das hat es uns erleichtert, den Wünschen vieler Mitarbeitenden zu entsprechen, vorübergehend im Homeoffice zu arbeiten. Dennoch war es ein Kraftakt für unsere IT, die zusätzlichen Arbeitsplätze - wir hatten eine Zunahme um knapp 700 Prozent - in kurzer Zeit einzurichten und die notwendige Hard- und Software zu beschaffen. Viele unserer Arbeitnehmer sehen hauptsächlich die Vorteile und möchten auch nach der Pandemie im Homeoffice arbeiten. Wir möchten dies auch künftig möglich machen, allerdings ist an vielen unserer Arbeitsplätze Präsenz erforderlich, wie zum Beispiel im Bürgeramt oder in der Tourist-Info. Arbeitsplätze interner Dienstleister wie zum Beispiel die IT oder die Personalabteilung bieten sich eher an. Wir haben aber auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen, die kein Homeoffice möchten und froh waren, in unseren gut ausgestatteten Büros arbeiten zu können. Nicht jeder Homeoffice-Platz konnte auf die Schnelle optimal ausgestattet werden, die Netzverbindung ist je nach Wohnort unterschiedlich und nicht alle Lebensumstände sind geeignet. Positiv zu vermerken ist, dass durch die vermehrte Arbeit im Homeoffice unser Intranet größere Bedeutung erlangt hat; wir haben es vermehrt zum Informationsaustausch genutzt. Dies wird sicher auch nach der Pandemie so bleiben“.
Große Firmen, die sich um die Gesundheit der Mitarbeitenden kümmern, weisen darauf hin, dass man die Bereiche Bewegung, Ernährung, mentale Gesundheit und Sucht nicht aus den Augen verlieren darf: Ist der Arbeitsplatz zu Hause ergonomisch gestaltet? Wie bringt man die Mitarbeitenden in Bewegung, wenn der Arbeitsweg wegfällt? Nehmen Stress und Depressionen zu, steigt die Burn-out-Quote? Maßnahmen aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement sind etwa Video-Coachings, bei denen Experten dabei helfen, den Arbeitsplatz ergonomisch zu gestalten, zeigen, welche Übungen für Entlastung sorgen. Sie bieten auch Coachings an, bei denen die Mitarbeitenden ihre Sorgen vertraulich besprechen können. Zwar setzt nach Monaten im Homeoffice so langsam eine Bildschirm-Müdigkeit ein, aber ein digitaler Kochkurs als Team-Event animiert vielleicht zu gesundem Kochen.

 

Boehringer Ingelheim Standortleiter Biberach Dr. Fridtjof Traulsen

Boehringer-Ingelheim Standortleiter Biberach Dr. Fridtjof Traulsen.

 

Achtzig Prozent arbeiten von zu Hause
Welche Erfahrungen man bei Boehringer-Ingelheim während der Pandemie mit der Arbeit im Homeoffice gemacht hat, fragten wir den Standortleiter Biberach, Dr. Fridtjof Traulsen. „Wir haben in den vergangenen Jahren stark in Digitalisierung und IT-Infrastruktur investiert, damit unsere Mitarbeitenden ortsungebunden und flexibel arbeiten können. Das hat den schlagartigen Wechsel von weltweit rund 80 Prozent der Belegschaft ins Arbeiten von zu Hause im vergangenen Jahr reibungslos ermöglicht.“ Und welche Rolle wird das Homeoffice künftig spielen? „Sicherlich werden die Erfahrungen, die wir während der Pandemie gesammelt haben, unsere Arbeitsweisen nachhaltig und auch positiv verändern. Wir planen derzeit, wie wir diese Erfahrungen langfristig in unsere Zusammenarbeit einfließen lassen wollen, um mehr Flexibilität möglich zu machen. Grundsätzlich steht unseren Mitarbeitenden die technische Ausrüstung zur Verfügung, um mobil arbeiten zu können.“

Und was sagt die Gewerkschaft? Wir fragten Maria Winkler, die Geschäftsführerin von ver.di, Bezirk Ulm-Oberschwaben nach ihren Erfahrungen der letzten Monate. „Mails checken im Café, arbeiten am Küchentisch: statt jeden Morgen ins Büro zu fahren, können Beschäftigte heute von zuhause arbeiten dank mobiler Endgeräte und Cloud Computing. Das klingt nach Freiheit und Flexibilität – doch funktioniert das wirklich? Die Corona Pandemie mit zwei harten Lock-downs im Frühjahr 2020 und von Mitte Dezember 2020 bis Juni 2021 haben den Trend ‚von zuhause arbeiten‘ einen regelrechten Schub gebracht. Nach einer repräsentativen Befragung der Hans-Böckler Stiftung im Januar 2021 arbeiten rund 24 Prozent der abhängig Beschäftigten überwiegend von zuhause, das sind rund 10 Prozent mehr als im November 2020. Während der Anteil bei den Geschlechtern in etwa gleich ist, sind es in der Altersgruppe 31 bis 45 Jahre 27 Prozent, der Altersgruppe bis 30 Jahre rund 24 Prozent und in der Altersgruppe über 46 Jahre nur 22 Prozent. Gravierender ist die Ausprägung bei den Haushaltseinkommen: bei mehr als 4.500 Euro verfügbaren Einkommen liegt der Anteil der Beschäftigten im Home-Office bei rund 36 Prozent, bei verfügbaren Einkommen zwischen 2.600 bis 4.500 Euro bei rund 24 Prozent und bei einem verfügbaren Einkommen von weniger als 2.600 Euro bei lediglich 16 Prozent.“
Auf die Frage nach den Vorteilen aus Sicht der Gewerkschaft antwortet die ver.di Geschäftsführerin: „Vorteile für Beschäftigte sind die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Home-Office kann zu mehr Spielräumen führen, die Arbeitszeit lässt sich flexibel gestalten und zum Beispiel an die Öffnungszeiten der Kita anpassen. Als positiv empfinden viele das ungestörte Arbeiten. KollegenInnen, die laut telefonieren, zeitraubende Meetings in Präsenz: solche Störfaktoren gibt es im Home-Office nicht. In den eigenen vier Wänden können Beschäftigte deshalb oft konzentrierter und effektiver arbeiten und sich ihre Zeit selbst einteilen. Durch das Arbeiten zuhause fallen Fahrten zur Arbeitsstätte weg oder reduzieren sich. Das ist vor allem für Pendler mit langen Anfahrtswegen interessant – und die werden immer mehr.“
Und die Nachteile? Winkler: „Da sehen wir vor allem eine schleichende Entgrenzung, das heißt, es gibt keine klare Trennung von Beruf und Privatleben, die Grenzen verschwimmen und Beschäftigte verlieren den Überblick darüber, wann und wie viel sie arbeiten. Hinzu kommt die geforderte ständige Erreichbarkeit. Nach dem DGB-Index „Gute Arbeit“ gibt knapp ein Viertel der Befragten an, dass sie dem Arbeitgeber oft auch in der Freizeit zur Verfügung stehen müssen. Im Home-Office hat sich dieser Trend verstärkt. Hinzu kommt der fehlende Austausch: Wer von zuhause arbeitet, hat natürlich weniger persönlichen Kontakt zu KollegenInnen, der persönliche Bezug zum Unternehmen nimmt ab. Ausgeschlossen von der informellen Kommunikation, dem sogenannten Flurfunk, kann nicht nur die Karriere, sondern auch die Motivation leiden.“ Und was ließe sich verbessern? „Damit die Nachteile für die Beschäftigten nicht überwiegen, braucht es ausreichend gute Schutzbestimmungen und eine Absicherung durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen.“

 

Autorin: Andrea Reck

 

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