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Weingarten - „Nachhaltigkeit“ ist ein Zauberwort. Wer es benutzt, der hat verstanden. Und scheinbar sind es viele, denn viele reden davon. Und manche lehren darüber. An der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU) ist es Barbara Niersbach, die dies im kommenden Wintersemester tun wird. Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin leitet einen neuen berufsbegleitenden Masterstudiengang im Fachbereich Betriebswirtschaft. Zielgruppe sind zukünftige Führungskräfte, denen die Professorin und ihr Team Nachhaltigkeit als „Handwerkszeug“ vermitteln will. BLIX sprach mit der Wissenschaftlerin über das Zauberwort und was es bedeutet.

 

Frau Prof. Niersbach, ‚Nachhaltigkeit‘ ist in aller Munde, was verstehen Sie darunter und wie definieren Sie diesen inflationären Begriff als Wissenschaftlerin?

Für mich als Wirtschaftswissenschaftlerin ist der Begriff Nachhaltigkeit in einem ganzheitlichen, organisatorischen Ansatz zu verstehen. Dies bedeutet für mich, dass dieser Ansatz der Nachhaltigkeit in Unternehmen sowohl auf eine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als auch auf eine sozial ausgewogene und ökologisch verträgliche Entwicklung in Organisationen bauen müssen. Wir orientieren uns in diesem Verständnis an der Definition der Bundesregierung.

 

Ihr neuer Studiengang basiert auf einer Erhebung in der Wirtschaft, wonach Unternehmen besonders großen Wert auf Nachhaltigkeit legen, weil sie darin einen ‚Megatrend‘ sehen. Dem soll das Management entsprechen, dafür bietet Ihr berufsbegleitendes BWL-Master-Studium eine entsprechende Qualifizierung. Wie muss man sich diese Qualifizierung vorstellen?

Die Ausgangssituation für meinen Studiengang ist eine andere, die ich gerne nochmal deutlich skizzieren möchte. Die Wirtschaft sieht in der Nachhaltigkeit mitnichten einen Megatrend! Vielmehr betrachtet sie die Nachhaltigkeit als ein ‚Werkzeug‘, einen oder mehrere Megatrends erfolgreich zu bedienen und daraus für das Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil zu generieren. In der praktischen Umsetzung bedeutet dies für Unternehmen - falls das Unternehmen mit dem Begriff der Nachhaltigkeit nicht nur ‚Greenwashing‘ betreiben möchte - aus den gegebenen Kompetenzen des Unternehmens und mit Fokus auf die Nachhaltigkeitsfelder aus den Bereichen ESG einen ‚business case‘ zu generieren.

 

Frau Prof. Niersbach, das müssen Sie übersetzen.

Die Studierenden lernen bei uns, Nachhaltigkeitsaspekte nach Umwelt-, Sozial und Unternehmensführungsgrundsätzen umzusetzen. Im besten Fall verstehen sie, wie unter diesen Aspekten ein Geschäftsmodell erfolgreich etabliert wird, schaffen so ein Differenzierungsmerkmal für ihr Unternehmen und können schlussendlich damit einen Wettbewerbsvorteil auf dem Markt erreichen. Kurz gesagt: unsere Studierende bekommen im Studiengang von uns das Handwerkzeug mit auf den Weg, um Unternehmen umfassend nachhaltig auszurichten und aufzubauen, sowohl in der eigenen Organisation als auch zum Kunden hin. 

 

Mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist das Etikett, das Zukunftsfähigkeit verspricht.

Diese Konklusion möchte ich gerne korrigieren. Nachhaltigkeit verspricht per se keine Zukunftsfähigkeit, sondern Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip. Es geht um die Nutzung von Ressourcen auf den Feldern von ESG unter Bewahrung der ‚Regenerationsfähigkeit‘ der beteiligten Systeme; wie zum Beispiel Kreislaufwirtschaft, keine Kinderarbeit, Donation-Management, um jeweils ein Item pro Nachhaltigkeitsfeld aus ESG genannt zu haben.

 

Wie kann gewährleistet werden, dass der Inhalt dem auch entspricht und es nicht nur ums Marketing geht?

Dies kann sehr gut gewährleistet werden, wenn unsere Studieninhalte unternehmerisch umgesetzt werden. Dabei spielt Marketing selbstredend eine wichtige Rolle. Ganz im Sinne von ‚tue Gutes und rede darüber‘.

 

Ein besonders krasses Beispiel von ‚Etikettenschwindel‘ liefert ausgerechnet die Forstwirtschaft, die ‚die Wiege der Nachhaltigkeit‘ beansprucht.

Ich nehme an, dass Sie hier den Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645–1714) ansprechen, der den Gedanken der Nachhaltigkeit auf die Waldwirtschaft übertrug. Im Grunde genommen ging es darum, dass nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann. Diese ‚Begriffsdefinition‘ von Nachhaltigkeit auf die heutige Zeit zu übertragen, greift für mich viel zu kurz.

 

Mein Beispiel ist hoch aktuell: Seit über 30 Jahren vermüllen Förster den Wald mit Plastikröhren, um kleine Bäume zu schützen, ein erheblicher Teil der Schutzhüllen verrottet im Wald, der Rest wird unbekannt entsorgt, wie Studien an der Hochschule Rottenburg belegen. Dies passiert seit Jahrzehnten unter dem Etikett ‚Naturnaher Waldbau‘. Ein Skandal, der angeblich betriebswirtschaftlich Sinn macht.

Dies kann schon sein. Jedoch muss hier meiner Meinung nach differenziert werden, wer letztlich die Waldverschmutzung maßgeblich vorantreibt. Sind dies tatsächlich die Förster oder handelt es sich vielleicht um Privatpersonen, die ein Stück Wald als Wertanlage gekauft haben und einen erheblichen Anteil an der Waldverschmutzung haben? Um aber im Sinne der Nachhaltigkeit bei diesem Beispiel zu bleiben, so würde es jetzt darum gehen, eine Schutzhülle zu entwickeln, die die Jungbäume vor Wildverbiss schützt und sich nach gegebener Zeit dann gänzlich umweltunschädlich und klimaneutral auflöst. Eine solche Schutzhülle wäre ein Differenzierungsmerkmal für das herstellende Unternehmen und dieses Unternehmen hätte dann sicher einen Wettbewerbsvorteil.

 

Um bei der Forstwirtschaft als ‚Wiege der Nachhaltigkeit‘ zu bleiben: Es waren rein eigennützige bzw. betriebswirtschaftliche Gründe des sächsischen Königs im 17. Jahrhundert, die ihn motivierten. Er brauchte das Holz für seine Erzschächte und für seine Prunkbauten. Die Folge waren forstliche Monokulturen, die lange Zeit den begehrten Rohstoff Holz lieferten. Aber jetzt raffen in Folge der Klimakrise Hitze, Feuer, Sturm und vielerlei Schädlinge den Wald hinweg. Kann Betriebswirtschaft der Schlüssel zur tatsächlichen Nachhaltigkeit sein?

Ein unbedingtes JA, wenn auch nicht der einzige Schlüssel. Dennoch, BWL bietet Instrumente und Wege an, wie Unternehmen aus den gegebenen Kompetenzen ihres Unternehmens auf den Feldern von ESG einen ‚business case‘ entwickeln können, um daraus Wettbewerbsvorteile zu generieren. Dies kommt einer klassischen ‚Win-win-Situation‘ gleich. Profiteure eines solchen Handelns sind Kunden, Umwelt und Unternehmen in gleichem Maße sowie dann natürlich nachfolgende Generationen.

 

Ist tatsächliche Nachhaltigkeit nicht vielmehr der Weg zur Kreislaufwirtschaft und Post-Wachstumsgesellschaft?

Ja klar, Kreislaufwirtschaft ist zumindest ein Teil einer ‚tatsächlichen Nachhaltigkeit‘.

 

Können Sie sich eine Wirtschaft ohne Wachstum vorstellen?

Nachhaltigkeit und Wachstum sind kein Widerspruch. Gerade durch eine konsequente Ausrichtung der Unternehmensstrategie am Handlungsprinzip der Nachhaltigkeit wird den praktizierenden Unternehmen auch weiterhin Wachstumspotentiale liefern. Für uns an der RWU ist ein Ausbildungsauftrag, den wir klar haben: junge Führungskräfte mit diesem Verständnis auszubilden, so dass es ihnen gelingen kann, Unternehmen strategisch im Verständnis der ‚tatsächlichen Nachhaltigkeit‘ auf den Weg zu bringen. Ich denke, die vielen Ereignisse, die wir tagtäglich erleben, machen klar, dass dringend Handlungsbedarf besteht.

 

Autor: Roland Reck

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