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Aulendorf - Die Letzten beißen die Hunde. Der Lockdown traf alle und manche besonders. Dazu zählt die Branche, die in normalen Zeiten den öffentlichen Raum bespielt: die Kultur- und Veranstaltungsmacher. Die drinnen und draußen dafür sorgen, dass was los ist im Städtle. Und dass auf der Bühne was passiert, braucht es viele hinter der Bühne. Und weil vorne immer noch nichts los ist, ist auch hinten tote Hose. Um auf die prekäre Situation der Branche hinzuweisen, wurde die Aktion „Night Of Light“ ins Leben gerufen. Deutschland sieht rot – Alarm!

Über 8000 Gebäude in ganz Deutschland wurden am 22. Juni in rotes Licht getaucht – ein Alarmsignal, um auf die dramatische Lage der Branche aufmerksam zu machen. Auch in Aulendorf erstrahlten Schloss, Gewölbekeller sowie die Gaststätten Schalander und irReal in rotem Licht. Einer der Organisatoren der Aktion ist Florian Angele, der als Gastwirt, Brauer und Kulturveranstalter in dreifacher Hinsicht von der Krise betroffen ist.

Florian Angele darf sich auf die Fahnen schreiben, das Brauwesen in seine Heimatstadt zurückgeholt zu haben. 2008 gründete er die Schlossbrauerei, ein Jahr später kam das erste Bier, das auf den Namen Reibolf (Flobier rückwärts gesprochen) getauft wurde, in den Handel. 2013 kaufte Angele schließlich die Säulenhalle und verlagerte seine Brauerei in das Gebäude. Nach einer einjährigen Umbauphase wurden die Gaststätte Schalander sowie die Kleinkunstbühne Spielerei unter demselben Dach eröffnet. Damit leistete der 42-Jährige einen großen Beitrag dazu, dass die Stadt Aulendorf auch als Standort für Kulturveranstaltungen wieder attraktiver wurde. Doch genau das scheint nun durch die Corona-Krise gefährdet.

„Anfangs hab‘ ich die ganze Sache noch etwas belächelt“, gibt Florian Angele zu. Erst als schließlich die Schulen dicht machten, wurde dem Vater dreier Kinder der Ernst der Lage bewusst. Noch eine Woche vor dem eigentlichen Lockdown beschloss er seine Gaststätte zu schließen. „Vom Bauchgefühl her war es die richtige Entscheidung“, erklärt Angele auch im Hinblick auf den Schutz seiner Mitarbeiter. Da auch Kulturveranstaltungen nicht mehr stattfinden durften, blieb dem Braumeister nur noch das Bier zum Broterwerb, allerdings „dümpelte auch das nur noch vor sich hin“, verrät der Aulendorfer, da es keinen Ausschank in der Gaststätte mehr gab. Dennoch hält Angele die Maßnahmen der Regierung für richtig, er selbst habe keine Ahnung von Viren und überlässt die Einschätzung daher den Experten: „Die Leute, die jetzt rummaulen, können gerne Politiker werden und das dann besser machen. Hätte man nichts getan und 100.000 Leute wären gestorben, hätte man ihnen Untätigkeit vorgeworfen.“ Auch die bisherige Unterstützung durch die Regierung wertet er positiv: „Es ist schon toll, dass wir überhaupt Hilfe bekommen.“ Schließlich ginge es hier mittlerweile um eine Summe von über 100 Milliarden, die im Endeffekt verteilt werden müssten, um strauchelnden Branchen unter die Arme zu greifen. Persönlich hält sich Angele sowie sein Team an die vorgegebenen Maßnahmen und er rät jedem dazu, dasselbe zu tun, gerade in der Gastronomie sei man für das Thema Hygiene sensibilisiert. „Ich möchte nicht derjenige sein, der mit Ischgl und Tönnies in einer Reihe steht, wenn es dann heißt: in Aulendorf wurde das Schalander oder die Spielerei zum neuen Corona-Hotspot“, bekräftigt er. Das gibt der stellvertretende Zunftmeister der Narrenzunft Aulendorf auch im Hinblick auf das 2021 geplante Landschaftstreffen zu bedenken.

Allgemein schlägt der Fasnets-Enthusiast ernste Töne an und fordert ein Umdenken in der Gesellschaft. Wenn die Krise eines aufgezeigt habe, dann, dass unser kompletter Lebensstil nicht mehr stimmt. „Alle reden von Nachhaltigkeit, aber keiner lebt sie“, kritisiert der Brauer. Und er führt aus: „Jetzt nach Malle zu düsen oder beim heutigen Stand der Technik, in der jeder Videokonferenzen abhalten kann, für ein kurzes Meeting durch halb Deutschland zu fliegen, halte ich persönlich für Schwachsinn“. Auch die Lebensmittelindustrie und das Konsumverhalten der Kunden nimmt er ins Visier: „Die Leute, die den billigen Mist kaufen, sind dann die, die am meisten rumschreien und fragen, warum die Zustände in den Schlachthöfen so übel sind.“ 

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Schöne Ansicht zu ernstem Anlass: Auch der Reithof mit der Schlossbrauerei Aulendorf erstrahlte in rotem Licht. Foto: Hirschmann

Bei all der Kritik findet es Angele dennoch wichtig, auf die Misere der Veranstaltungsbranche hinzuweisen, da vielen nicht bewusst sei, wie viele Arbeitsplätze schlussendlich daran hängen. Insgesamt handelt es sich hier um einen Geschäftszweig mit einem Umsatz von rund 5 Milliarden Euro pro Jahr. Ob Sicherheitsdienste, Caterer, Veranstaltungstechniker, Bühnen- und Messebauer, Zulieferer, Schausteller, Zeltwirte oder Künstler, sie alle sehen sich mit einer existenzbedrohlichen Situation konfrontiert.

Tom Koperek, der Initiator der bundesweiten Aktion „Night Of Light“, fürchtet, dass die Veranstaltungswirtschaft in der aktuellen Situation keine 100 Tage mehr übersteht. Florian Angele schätzt die Lage ähnlich ein, schließlich haben die Unternehmen weiter laufende Kosten bei fehlenden Einnahmen: „Und das geht natürlich nicht ewig, irgendwann wird es eng.“ Darum war es ihm auch wichtig, sich an der Aktion zu beteiligen und zusammen mit Sebastian Engel von Gewölbe 15, Oliver und Daniel Jöchle von irReal, Carsten und Henri Hoffmann von Hoffmann Event Design, Markus Mahler von LMMS, Florian Vögtle und Sergej Derbin von Büro für Gestaltung sowie Stefan Weinfurter und Oliver Selzle von Audio Concept, die Öffentlichkeit auf die alles andere als rosige Lage der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen, die nach aktuellem Stand noch mindestens bis Oktober andauern wird. Angele selbst plant voraussichtlich im Juli einen Feierabendhock mit Musikkapelle im Biergarten. Weitere Veranstaltungen sind derzeit nicht geplant. Auch das sonst in diesem Zeitraum stattfindende Picknick im Park wird aufgrund der unsicheren Lage ausfallen.

Persönlich will der Aulendorfer den Kopf aber nicht in den Sand stecken, sondern die Zeit dazu nutzen, um neue Konzepte zu entwickeln. Schon während des Lockdowns produzierte er mit unterschiedlichen Gesprächspartnern Videos im Social-Media-Bereich. Dort weist er auch darauf hin, dass er das Brauen von Bier für durchaus „systemrelevant“ hält. Auch wenn Bier in der heutigen Zeit vielleicht nicht mehr ganz den Stellenwert habe, sei es ein Nahrungsmittel und ohne Lebensmittel könne der Mensch nicht existieren, so seine Sicht der Dinge.

Auch wenn ihm das Schicksal einiger Mitbewerber an die Nieren geht, persönlich in seiner Existenz bedroht sieht sich der Unternehmer derzeit nicht: „Seuchen und Pandemien gab es ständig im Lauf der Menschheitsgeschichte, und dass wir in so einer Zeit leben, ist einfach Pech. Wenn‘s den Bach runtergeht, ist das ebenso. Die Gesundheit ist das wichtigste, alles andere wird man sehen.“ Florian Angele hat es sich angewöhnt, nicht zu sehr über die Zukunft zu grübeln, sondern im Hier und Jetzt zu leben, denn er weiß: „Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere wieder auf.“

 

Autor: Alexander Koschny

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