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Ulm - Vor 250 Jahren, am 24. Juni 1770, kam Albrecht Ludwig Berblinger als siebtes Kind armer Leute in Ulm zur Welt. 59 Jahre später starb der „Schneider von Ulm“ völlig verarmt. Gescheitert an seinem Traum zu fliegen, brachte ihm späten Ruhm und Ehre ein. So feiert die Stadt Ulm den runden Geburtstag ihres berühmten Sohnes - allerdings anders als geplant. Womit sich die Geschichte in gewisser Weise wiederholt - nämlich anders als geplant.

Der König ist mit seiner ganzen Entourage nach Ulm gekommen. Es ist der 30. Mai 1811 als Albrecht Ludwig Berblinger unter den Augen des Königs, seiner beiden Söhne und aller Zweifler aus der Stadt über die Donau fliegen will. Mit kunstvoll gebastelten Schwingen an den Armen steht der Schneider von Ulm am Rand der Adlerbastei. Er zögert. Der Fallwind ist äußerst schlecht. Das Publikum wartet. Es geht um Leib und Leben und die Ehre des Schneidermeisters. Der Flug muss gelingen und Berblinger hat nur diesen einen Versuch. Aber mit Rückenwind kann er nicht gelingen! Des Schneiders Verzweiflung muss groß gewesen sein, denn trotz der Anwesenheit des Königs verschiebt er seinen Flugversuch auf den nächsten Tag - wohl wissend, dass dies seine allerletzte Chance ist. Dann muss er fliegen!

Das Flugschiff Do X vor der Freiheitsstatue

„Ladies and Gentlemen, we are now approaching New York City.“ Das Flugschiff Do X von Claude Dornier über der Freiheitsstatue. Foto: Dornier 

Lange zurück reicht der Menschheitstraum, wie ein Adler elegant durch die Luft zu schweben und die Welt von oben betrachten zu können. Oftmals wurden die Bewegungen der Vögel, nicht nur vom Schneider von Ulm, kopiert. So ist das „Ländle“ reich an Flugpionieren, denen sich die Anthologie „Oberschwaben als Landschaft des Fliegens“, die 2007 in Konstanz erschien, widmet. Wer heute in Bad Schussenried das Deckengemälde im Bibliothekssaal des Neuen Klosters betrachtet, entdeckt Kaspar Mohr, einen dort ansässigen Mönch. Das Universalgenie baute, neben der klösterlichen Orgel und einem Uhrwerk, auch an einem Fluggerät, mit dem er im Jahre 1600 vom dritten Stock des Klosters in den Konventgarten gleiten wollte. Der Abt untersagte ihm diese toll dreiste Tat. Heute erinnert der Roman „Der fliegende Mönch“ von Simon X. Rost an den frommen Flugpionier.

Auch Ikarus vom Lautertal wurde, 300 Jahre später, vom „Erfinderwahn“ gepackt und baute Flugmodelle, die es letztlich sogar 1992 zur Weltausstellung nach Sevilla  schafften. Aufgrund seines rebellischen Verhaltens kam Gustav Mesmer, so hieß er mit bürgerlichem Namen, 1929 in die Psychiatrie nach Bad Schussenried. Den Zwangsaufenthalt widmete er ganz seinem Traum vom Fliegen. Dabei reichte seine Kreativität bis hin zu einem umgebauten Damenfahrrad, mit dem er die Hügel der schwäbischen Alb herunterstürzte.

Der wohl bekannteste unter ihnen aber ist Ferdinand Graf von Zeppelin. Er ließ zur vorletzten Jahrhundertwende sein erstes Luftschiff in Friedrichshafen steigen. Bei der Jungfernfahrt seines größten Luftschiffes LZ 129 Hindenburg entzündete sich 1936 die Wasserstofffüllung. Über der amerikanischen Stadt Lakehurst explodierte das Fluggerät und mit ihm endete auch für lange Zeit die Karriere der „fliegenden Zigarre“.

1930 startete ein anderes Fluggerät am Bodensee. Claude Dorniers Flugschiff überfliegt als erstes Großflugzeug den Atlantik. Damit war die maritime Hürde zwischen Europa und Amerika endgültig überwunden. Aber nicht jede Erfindung in der Geschichte des Fliegens wurde als solche angemessen gewürdigt. Denn Verlierer schreiben selten Geschichte.

Zur Lebenszeit des Schneiders von Ulm herrschte meist Krieg und  Chaos in Europa. Eine politisch unsichere, revolutionäre Zeit forderte den Wandel und innovative Ideen, die aber nicht selten an den überkommenen Strukturen und dem konservativen Denken scheiterten. In diesem historischen Umbruch, Anfang des 19. Jahrhunderts, provozierte ein Schneidermeister in der ruinierten Donaustadt Ulm seine Zunft, indem er statt Pariser Chic Ungeheuerliches wagte. Noch nicht einmal das Fahrrad, geschweige denn die Eisenbahn waren erfunden, da wollte dieser Besessene den Vögeln gleich sich in die Lüfte erheben. Seine Zunft drohte ihm mit Ausschluss, aber der König honorierte den Mut und die Phantasie des Schneiders mit 20 Goldmünzen.

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Gustav Mesmer hatte ein fliegend' Herz: Nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie in Schussenried widmete sich Gustav Mesmer ganz seinem Traum, einmal hoch in die Lüfte zu steigen und frei wie ein Vogel zu sein. 

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35 Jahre führte der sogenannte Ikarus vom Lautertal ein Leben hinter den Mauern der Psychiatrie in Schussenried. Der Traum vom Fliegen jedoch half Gustav Mesmer durch diese Zeit hindurch und hielt ihn am Leben. 
Fotos: Gustav Mesmer Stiftung

Nun galt es den Gegnern wie den Unterstützern zu beweisen, dass er es kann: Fliegen - mit selbst gebauten Schwingen schwebend wie ein Bussard. So steht Berblinger am nächsten Tag, dem 31. Mai, erneut auf der Adlerbastei und wartet. Allerdings nicht auf den König, der bereits abgereist war. Er hatte jedoch seine Söhne als Beobachter zurückgelassen. Berblinger wartet mit seinen selbst gebastelten Flügeln an seinen Armen auf den richtigen Wind. Von unten hoch musste er kommen, doch wie am Vortag kommt er von hinten und streicht zur Donau hinab.

Ob ihn nun ein Polizeidiener gestoßen hat oder er selber absprang, ist nicht belegt. Dem fehlenden Aufwind folgte der Absturz. Der Schneider wird zwar gerettet und überlebt mit einigen Rippenbrüchen, gilt aber fortan als Witzfigur und Dilettant. Hohn und Spott verfolgen ihn: „Dr Schneider von Ulm hots Fliega probiert, do hot en dr Deifl en’d Donau neigführt.“ Kurze Zeit später flieht der Familienvater und verfällt sogar dem Alkohol. Dem gescheiterten Genie, verdanken wir aber nicht nur einen wagemutigen Flugversuch, der nachweislich auch gelingen hätte können, sondern auch die Erfindung der ersten Beinprothese mit Gelenk – die funktionierte.

Berblinger, der im Waisenhaus, in dem er aufwuchs, statt Schneider viel lieber Uhrmacher geworden wäre, interessierte sich schon immer mehr für die Mechanik, als für Seide. Schon früh soll er versucht haben, am Michelsberg von einem Gartenhaus zum anderen zu schweben. Leider ist, vor allem von seinen Flugversuchen, wenig bekannt. Seine Konstruktionszeichnungen wurden nie gefunden und zusätzlich fiel vieles der Zensur zum Opfer. Johannes Schweikle füllt diese Wissenslücken mit seiner fiktiven Biografie „Fallwind“. In Romanform berichtet er über den Alltag des berühmten Schneiders zur Zeit Napoleons und das Leben in der Donaustadt.

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Albrecht Ludwig Berblinger versuchte 1811 zu fliegen - und stürzte geradewegs in die Donau.

INFO
Anders als vor 200 Jahren wird der tiefe Fall des Schneiders von den Ulmern trotz Corona dieses Jahr groß gefeiert, denn eines hat sich seither geändert: Heute gilt der einst verspottete Schneider von Ulm als Visionär, der zwar mit seinem Traum vom Fliegen scheiterte, aber den Mut hatte, ihn dennoch zu leben – und mit dem Verlust seiner bürgerlichen Existenz dafür bezahlte. Der Jubiläumsstart ist für den Zeitraum vom 24. bis 27. Juni vorgesehen. Weitere Veranstaltungen finden über das gesamte Jahr verteilt statt. Noch bis zum 25. Oktober ist die große Sonderausstellung „Die Welt, ein Raum mit Flügeln“ im Stadthaus Ulm zu sehen. An der Schnittstelle zwischen der Kraft der Fantasie und der Wissenschaft erschließen die Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter das Erbe des Flugpioniers. Eine weitere Ausstellung mit dem Titel „Transhuman: Von der Prothetik zum Cyborg“ soll am 27. Juni im Museum Ulm ihre Pforten öffnen. Geplant sind des Weiteren zahlreiche Veranstaltungen rund um die Themen „Erfindertum, Mut und Innovation“. Die Uraufführung des Musicals „Ich bin ein Berblinger“ sowie das Multimedia-Kunstprojekt „Digital Wall“ und das Fest an der Adlerbastei „Innovate, Celebrate“ sollen nach derzeitigem Stand auf nächstes Jahr verlegt werden.

 

Kleine Geschichte des Fliegens

1505
Leonardo da Vinci unternahm den Versuch, nördlich von Florenz, am Monte Ceceri, einen Menschen fliegen zu lassen. Er scheiterte allerdings.

ca.1600
Kaspar Mohr wollte vom dritten Stockwerk des Dormitoriums in den Klostergarten fliegen. Etwa zur selben Zeit versuchte der Schuster Salomon Idler aus Augsburg von einer Brücke zu springen. Vier Hühner starben bei dem Versuch; Idler brach sich beide Beine. 

1782
Die Gebrüder Montgolfier experimentierten mit einem Ballon und ließen diesen letztlich durch das Verbrennen von Wolle und Stroh fliegen. Ein Jahr später konnten die ersten Passagiere, ein Hammel, eine Ente und ein Hahn, mit an Bord. Später transportierte der Ballon auch Menschen.

1783
Jacques Alexandre César Charles baute die Idee der beiden Brüder aus und ließ einen Ballon, der mit Wasserstoff gefüllt wurde, über Paris fliegen.

1808
Ein Wasserstoffballon sollte von Jakob Degen über dem Prater in Wien zum Fliegen gebracht werden. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch. 

1811
Der Schneider von Ulm stürzte, aufgrund des schlechten Fallwindes, bei seinem Flugversuch in die Donau.

1888
Doktor Friedrich Hermann Wölfert flog mit einer propeller-getriebenen Gondel von Cannstatt nach Kornwestheim.

1891
Ein Hängegleiter aus Weidenholz und Baumwollstoff von Otto Lilienthal eroberte die Lüfte. Er gilt noch heute als der erste Mensch, dem es gelang, zu fliegen. Fünf Jahre später starb er an den Folgen eines Absturzes.

1900
Nachdem sich niemand bereit erklärte, das Großprojekt des Grafen Zeppelin zu finanzieren, gründete dieser eine Aktiengesellschaft. Am 2. Juli 1900 flog der erste Zeppelin über den Bodensee.

1903
Die Brüder Wright gingen mit ihrem ersten kontrolliert gesteuerten Motorflug in die Geschichte ein.

1907
Der erste freifliegende Hubschrauber von Paul Cornu konnte ohne weitere Hilfe fliegen.

1931
Die Do X, das erste Großflugzeug, überfliegt den Südatlantik. Claude Dorniers Flugschiff hatte 14 Mann an Bord.

 

Mehr Informationen zum Berblinger Jubiläumsjahr und zu den Veranstaltungen:  www.berblinger.ulm.de

 

Autorin: Carolin Dollinger

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