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Kanzach - Das Getümmel ist unübersichtlich. Wer ist Angreifer, wer Verteidiger? Ort des Geschehens ist die Bachritterburg in Kanzach. Auslöser des Kampfgeschehens war die Frage, warum die Mittelalterburg anders als das benachbarte Federseemuseum im Sommer geschlossen blieb. BLIX fragte bei Bürgermeister Klaus Schultheiß nach und berichtete kurz und knapp darüber (Aug/Sep 20). Was folgte war ein Sturm der Empörung von Seiten der Living-History-Szene in halb Europa, und im kleinen Ort Kanzach war man darüber zutiefst erschrocken. Nun sucht man den Burgfrieden.

91 ausführliche Statements folgten nach Veröffentlichung des Artikels „Bachritter suchen neue Wege“ online. Von Paris bis Wien war die Mittelalterszene in Aufregung. Indiz dafür, dass die Bachritterburg, diese Replik einer Holzburg des niederen Adels im 14. Jahrhundert, eine europäische Institution ist. Die allerdings unter Beschuss geraten ist, weil sich diejenigen, die in der Vergangenheit wochenends die Burg mit mittelalterlichem Leben gefüllt haben, sich als Sündenböcke aus der Burg vertrieben sahen.
Stein des Anstoßes war die Erklärung des Bürgermeisters als oberster Burgherr, dass die Corona-Zwangspause verlängert würde, um sich für das kommende Jahr konzeptionell neu zu orientieren. Das sei unumgänglich, weil die Burg ein großes Loch in den Gemeindesäckel gerissen habe, das dringend gestopft werden müsste, erklärte der Schultes und kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Burgbelebungen, die „ausgeufert“ seien.
Um die Empörung zu verstehen, muss man wissen, dass die Living-History-Szene, die etwas auf sich hält, einen hohen Anspruch an historische Authentizität hat und ihr Hobby mit mittelalterlichem Ernst betreibt, wofür sie keine Mühen und Kosten scheut. Die Wochenenden in der Bachritterburg waren Highlights, die die Gruppen weitestgehend kostenfrei für die Gemeinde, aber damit auch mit starkem Eigeninteresse gestalteten, die nur bedingt mit den Besucherinteressen übereinstimmten. Der Konflikt war bekannt, blieb aber unausgesprochen. Dann kam BLIX und fragte nach und der Aufschrei war groß.
Im Rathaus ist man nach dem Schreck über die heftigen Reaktionen um Burgfrieden bemüht. Man will auch zukünftig nicht auf die History-Gruppen als Besuchermagnet verzichten, versichert der Bürgermeister, doch das Angebot erweitern. Hohn und Spott erntete Schultheiß allerdings bereits im Sommer aus der Szene für seine Überlegung, die Bachritterburg auch als Kleinkunstbühne zu nutzen, was, so die Kritik, nur Geld kosten, aber keines bringen würde.
Aller Kritik zum Trotz weiß man in Kanzach, dass man liefern muss, wenn die nächste Saison gelingen soll. „Mittelalterliche Ernährung“ sei als Themenschwerpunkt für 2021 in Planung, lässt der Bürgermeister wissen. Dafür soll ein Unterstand samt mittelalterlichen Kuppelofen in der Burg in Eigenleistung gebaut und auch die Burgbelebung soll auf das Konzept abgestellt werden. Zur Betreuung und Weiterentwicklung des Projekts will man sich externer Fachkompetenz bedienen. „Durch die große positive Resonanz von engagierten Interessierten bin ich gemeinsam mit dem Gemeinderat überzeugt, die Konzeption realisieren zu können und die Bachritterburg um einen gewichtigen Aspekt zu bereichern“, gibt sich Schultheiß optimistisch.

 

Leserbrief

Stellvertretend für die vielen Zuschriften erscheint hier das Statement von „Jochen“ auf unserer Website.

Ehre für größeres Ziel
„Ich bin einer aus dieser ‚Mittelalterszene‘. Einer der seit vielen Jahren mehrere Wochenenden im Jahr unentgeltlich seine Freizeit opferte, um Besucher auf dieser Anlage willkommen zu heißen, ihre Fragen zu beantworten, ihnen ein stimmiges Bild abseits der medialen Fehldarstellungen eines süddeutschen Mittelalters zu zeigen (…).
Mehr noch, viele, viele Wochenenden habe ich für die Burg geopfert um kostensparend große Reparaturen an den Gebäuden durchzuführen. (…) Und das alles hat die Burg außer dem Material nur ein Frühstück, ein Vesper und ein Abendessen am Tag gekostet. Das war für mich Ehrenamt. Eine Ehre für ein größeres Ziel, den Erhalt dieser Anlage, arbeiten zu können, mich einzubringen, zu engagieren und zu hoffen, dass es noch viele weitere Jahre als Besucherziel für Gruppen aus ‚der Mittelalterszene‘ bestehen bleibt.
Dies alles wird nun in den Staub getreten. Ja, sogar noch schlimmer als Vorwurf benutzt, man hätte sich nur noch um die eigenen Vorlieben gekümmert und den Besucher aus den Augen verloren. (…)
Ich wünsche allen Beteiligten und Verantwortlichen viel Erfolg für die Zukunft und hoffe auf eine Zeit, in der jahrelanges Ehrenamt wieder geschätzt und gewürdigt wird und man miteinander an einer Zukunft dieses Juwels interessiert ist und nicht nur monetäre Aspekte die Daseinsberechtigung darstellen.“

 

Autor: Roland Reck

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