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Memmingen - Als Oberbürgermeister Manfred Schilder im März 2018 bei einer Delegiertenversammlung des Fischertagvereins „mit großer Freude auf die Heimatfeste der Maustadt“ blickte, würdigte er die besondere Bedeutung des Fischertags: „Er gehört zu Memmingen wie die Luft zum Atmen.“ Schon damals gab es einen abschlägigen Bescheid für eine Antragstellerin, die per Satzungsänderung auch Frauen zum traditionellen Ausfischen des Stadtbachs zuzulassen forderte. Dass ihr Ansinnen abgeschmettert wurde, quittierte „mann“ mit stürmischem Beifall. Das legendäre Heimatfest mit Identität stiftender Wirkung sollte Männerdomäne bleiben. Jetzt ist Schluss damit!

Der Widerstand: Im März 2019 ergab eine geheime Abstimmung mit 157 von 162 Delegiertenstimmen, dass am Fischertag weiterhin nur Männer in den Bach „jucken“ dürfen. Die Forderung eines Delegierten, die Antragstellerin wegen vereinsschädigendem Verhalten vom 4270 Mitglieder zählenden Fischertagsverein auszuschließen, lehnte der Vorstand aber ab.
Dessen ungeachtet klang es am wegen Corona ausgefallenen Fischertag am 20. Juli diesen Jahres durch die Stadt: „Schmotz Schmotz - Dreck auf Dreck, Königin, du stolze Frau“. Ein Häuflein junger Frauen ließ es sich nicht nehmen, am Schrannenplatz in den Bach zu jucken, um Memmingens erste Fischerkönigin auszurufen. Am Roßmarkt setzten die Stadtbachfischerinnen mit einem Plüschdelfin als Königsforelle ihre „Performance“ fort. Einsatzfahrzeuge der Polizei beendeten den Spuk. Die Polizisten nahmen lediglich Personalien auf und versprachen, keine weiteren Maßnahmen zu treffen, sofern die Damen ihre Aktion sofort beenden. Das taten sie.
Die Reaktionen auf die nassforsche Aktion waren gespalten. Ein Teil der Passanten fand die Aktion „luschtig“, „absolut richtig“ und „ganz toll“ und forderte dazu auf, so weiterzumachen. Ein anderer Teil ließ sich zu üblen Schimpfwörtern, ja sogar zu fäkaliensprachlichen Ausdrücken hinreißen. „Solle wie ihr sollat verrecka“, schrie einer von ihnen. Und ein anderer würde gar den „Weibern in den Kübel scheißen“, wenn sie zum Ausfischen zugelassen würden.
Der Sieg: Wie am ersten Septembertag in der Allgäu-Rundschau zu lesen war, erlaubte das Memminger Amtsgericht in Gestalt seiner offenbar höchst emanzipierten Richterin Katharina Erdt, dass nächstes Jahr auch das schöne Geschlecht zum Ausfischen des Baches reinjucken darf. Sie sieht in der jahrhundertealten Memminger Tradition einen Verstoß gegen Artikel drei des Grundgesetzes, der die Gleichstellung zwischen Mann und Frau festschreibt. Der Fischertagsverein dürfe Frauen auch nicht ausschließen, weil sie genauso ihre Steuern und Mitgliedsbeiträge zahlen.
Geklagt hatte die Tierärztin Christiane Renz. Nach dem Urteil reckte sie – völlig aus dem Häuschen – die Fäuste in die Höhe, umarmte ihre Anwältin und jubelte: „Endlich gibt es einen Tick mehr Gleichstellung in Memmingen.“ Ihre Anwältin Susann Bräcklein hofft auf eine „Strahlwirkung“ dieses Urteils, denn auch andere Vereine würden Frauen diskriminieren.
Für Anna Huslik, die 3. Vorsitzende des Fischertagvereins, bricht das Urteil unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung mit einer für Memmingen prägenden Tradition. Damit werde die Vereinsautonomie in Frage gestellt. Erster Vorsitzender Michael Ruppert äußerte sich zum Urteil „überrascht und enttäuscht“. Auf die seit Jahrhunderten bestehende Tradition pochend, möchte er erst einmal das schriftliche Urteil abwarten. Im 60-köpfigen Vereinsausschuss soll dann entschieden werden, ob Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werden, damit das Landgericht als nächsthöhere Instanz angerufen wird.
Die Folgen: Solch emanzipatorisches Ungemach dräut nun auch andernorts. Nichts ist diesem Zeitgeist heilig. In Weingarten hat der Blutfreitag am Freitag nach Himmelfahrt ähnlich große Bedeutung wie der Fischertag in Memmingen. Das Heilig-Blut Jesu ist seit 925 Jahren am Ort und wird verehrt. Außer in Kriegszeiten findet regelmäßig eine Reiterprozession statt. Rund 100 Gruppen aus Oberschwaben nehmen daran teil. Sie versammeln sich ab 5 Uhr im Klosterhof, um 7 Uhr wird am Kirchenportal die Heilig-Blut-Reliquie (Blutstropfen Jesu in der Erde von Golgatha) übergeben. Außer einigen Ministrantinnen, die den 13 Kilometer langen Prozessionsweg begleiten, sind nur männliche Reiter zugelassen. Lässt ein Gruppenführer Frauen als Reiter zu, muss er schlimmstenfalls mit Ausschluss vom Prozessionsritt rechnen. Die fundamentale Streitfrage: Soll traditionelles Brauchtum in Reinkultur erhalten bleiben oder soll es modernisiert und an Bedürfnisse der Jetztzeit angepasst werden? Viele meinen, dass die Zeit reif sei, ein progressives Zeichen zu setzen und Frauen die Teilnahme an der Reiterprozession zu erlauben.
Vergleichbar ähnlich stellt sich in ihrem Kern die Situation in Ravensburg rund um das altehrwürdige fünftägige Rutenfest dar, das kurz vor Beginn der Sommerferien mit viel Trara und noch mehr Tschingderassabum als „fünfte Jahreszeit“ begangen wird. Die aus vielen Gruppierungen bestehende Festgemeinde umfasst auch Fanfarenzüge und Trommelgruppen. Wenn der Schülerrat als Gremium der Jugendbeteiligung kritisiert, beim Rutenfest würden „Mädchen zu Objekten degradiert“, dann macht er sich dafür stark, dass auch sie mittrommeln dürfen. Doch das Trommlerkorps und die Landsknechte widersetzen sich solchen Fisimatenten mit erbittertem Widerstand. Rutenhauptmann Laurin Muschel vom Trommlerkorps der Gymnasien begründet seine Ablehnung damit, dass das Troko seine „Grundstruktur weder verändern noch kaputtmachen lassen“ werde. Er verweist auf ein entsprechendes offizielles Statement zum Thema Diskriminierung und regt an, vielleicht mit einem gemischten Adlerschießen eine neue Tradition zu begründen.
Ob Ravensburgs holde Weiblichkeit auch mit juristischen Schritten liebäugelt, ist nicht bekannt. Dieses Jahr verhinderte Corona, dass es zum Schwur kam. Wie es 2021 sein wird, wird sich zeigen. Der Gemeinderat hofft auf ein fröhliches nächstes Rutenfest, bei dem heuer Versäumtes nachgeholt werden soll.

 

Autor: Horst Hacker

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