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Bad Schussenried - Es war spannend bis zuletzt. Hält das Wetter, bleibt es trocken oder werden wir von einem lokalen Gewitterregen überrascht? Die nachmittäglichen Prognosen für den Abend waren gut und stimmten hoffnungsfroh, stammten sie doch von „Mister Wetterwarte himself“. So fanden wir, Fotograf Dieter Ege, Roland Roth und ich, uns im Garten der Wetterwarte in Bad Schussenried ein, um ganz im Sinne von „Urlaub dahoim“ an einem kleinen Lagerfeuer den BLIX-Klassiker „Herr Roth, wie wird’s Wetter?“ zu spielen.

Es war wie immer bei den Interviews mit Roland Roth turbulent, und das Gespräch ging einmal quer durch den Gemüsegarten, aber das Feuer trug auch zur Beschaulichkeit und Nachdenklichkeit bei. Dieter Ege war dabei nicht nur aufmerksamer Fotograf, sondern als Freund aus Jugendtagen dem „Role“ auch innig zugetan und anregender Stichwortgeber. Dabei begann alles mit einer glatten Falschmeldung, denn kurz vor dem Anzünden des Feuers schaute der Wetterexperte noch einmal auf seinen Bildschirm und kündigte sofortigen Regen an. Es blieb trocken bis Mitternacht, dann bin ich nach Hause.

 

Herr Roth, wie immer das Wichtigste zuerst. Wer führt in der Tabelle: wettermäßig dieser besondere Sommer oder fußballtechnisch die Frankfurter Eintracht, die in der Bundesliga auf Platz 9 rumhängt, wenn ich mich nicht täusche? Kein Abstieg, immerhin. 

Kein Kommentar!

 

Wie, Sie haben nichts zur Eintracht zu sagen? Ist Ihnen nicht gut?

Meine Eintracht aus Frankfurt ist wieder so divenhaft wie in den 90er Jahren. Völlig unberechenbar! Wie eine Wundertüte: man weiß nie, was dabei rauskommt. Die fertigen die Bayern mit 5:1 ab, gewinnen klar gegen Leipzig und Leverkusen, spielen Augsburg an die Wand und verlieren gegen die Absteiger sang und klanglos. Traumhafter Kombinationsfußball und dann wieder ein Gurkenkick zum Davonlaufen. Ganz sicher nicht die beste Mannschaft in der Bundesliga, aber die interessanteste und vor allen Dingen: nie langweilig. ‚Eintracht vom Main, nur du sollst heute siegen, Eintracht vom Main, weil wir dich alle lieben ...‘

 

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Lagerfeuerromantik vor historischer Kulisse im Garten der Wetterwarte in Bad Schussenried.

 

Okay, ich verstehe: die Eintracht kickt wie das Wetter ist, nämlich wechselhaft. Ein Virus hat die Welt lahm gelegt, aber Wetter findet trotzdem statt. Es scheint, Ihr Job ist absolut krisensicher?

Na ja, Wetter ist immer ein Thema und sei es nur, wenn man sich nichts zu sagen hat. Dann reden Leute übers Wetter, auch wenn sie davon keine Ahnung haben. Fakt ist aber auch, dass zum Höhepunkt der Corona-Pandemie nicht wenige Menschen ganz offensichtlich mal Zeit gefunden haben, sich über das Wetter und den Klimawandel ernsthaftere Gedanken zu machen. Wir haben unglaublich viele, teils hoch interessante Anfragen erhalten, und ich habe selten zuvor derart spannende und tiefschürfende Gespräche über mein Lieblingsthema geführt.

 

Wie kommt’s? Welche Erklärung haben Sie dafür? Geben Sie ein Beispiel. 

Corona hat die Leute wachgerüttelt, sensibilisiert und zum Nachdenken gebracht, ganz sicher bei weitem nicht alle, aber doch einige. Manchen wurde bewusst, dass es im gleichen Trott wie bislang nicht weitergehen kann und dass der grenzenlose Wachstumswahn die Menschheit vor gewaltige Probleme stellt. Eines der drängendsten ist der Klimawandel, eine schleichende Gefahr mit großer Tragweite. So starben, was nur wenigen bekannt ist, im ‚Jahrhundertsommer 2003‘ der Rhein-Schiene (Benelux-Staaten, Ostfrankreich und Westdeutschland) entlang mehr als 50.000 Menschen aufgrund der exorbitanten Hitze, wie bei Corona vorwiegend Ältere. 

 

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Wegen Corona gab‘s kein Schützenfest, kein Rutenfest und auch in Ulm ging nichts an und auf der Donau, in Memmingen ebenso wenig, auch in Sulga fiel‘s Bächtle aus. Und auch Ihr Heimatort Schussenried, eine Hochburg biertrunkener Seligkeit, ruht im tiefen Corona-Schlaf. Und wer schläft, dem ist das Wetter egal. Sind Sie womöglich doch auch in Kurzarbeit? 

All die tollen Heimatfeste hin oder her, für mich war die Absage eines Konzerts von ‚UFO‘, eine der genialsten Rockbands ever, der gravierendste ‚Verzicht‘. Die hätten im Juni in Memmingen eines ihrer Abschiedskonzerte gegeben. Echt zum Heulen! Dafür habe ich sogar einen Vortrag gecancelt. Corona hat dann dafür gesorgt, dass alle meine Vorträge abgesagt beziehungsweise verschoben werden mussten. Shit happens!

 

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Herr Roth, ich weiß, Sie sind ein durch und durch politischer Wetterfrosch. Welche Botschaft hält Corona für uns parat?

Kaum zu glauben, was in Corona-Zeiten alles möglich war und ist. Plötzlich lassen sich die große und kleine Politik und die Geschäfts- und Handelsbeziehungen ohne Flugreisen per Telefon oder Videokonferenz managen. Vor wenigen Monaten noch unvorstellbar. Wenn man bedenkt, was für ein Tross an Politikern, Ministern, Dolmetschern und Mitarbeitern, Wissenschaftlern, Fachleuten und sonstigen wichtigen Personen regelmäßig um die ganze Welt geflogen ist, um Klimakonferenzen abzuhalten, bei denen lediglich viel heiße Luft produziert wurde.Plötzlich verfügt unser Staat über Unsummen an Finanzmitteln, die für den nachhaltigen Klimaschutz und die dringend nötige Verkehrswende noch nicht mal im Ansatz vorhanden waren. Und plötzlich sind die meisten Menschen bereit, auf Wissenschaftler und deren Empfehlungen zu hören und Einschnitte in ihre Lebensweise zu akzeptieren. Bleibt nur zu hoffen, dass dies auch nach Corona noch so sein wird und sich Politik und Gesellschaft der anderen drängenden Probleme endlich ernsthaft und konsequent annehmen werden. Ich wünsche mir eine ähnliche Entschlossenheit beim Klimaschutz, natürlich mit anderen Mitteln.

 

BLIX RoRo 2020 17So viel schwätza machd duschdig.

 

Wie lautet Ihr Fazit für das zu Ende gehende Jahrzehnt?

Mit dem Jahr 2019 ging die wärmste Dekade der Menschheitsgeschichte zu Ende. Viele Menschen sind auf der Flucht, weil in ihrer angestammten Heimat ein Leben durch die veränderten Klimabedingungen nicht mehr möglich ist. Es geht längst nicht nur um die für alle sichtbaren Wetterextreme wie Sturm, Dürre, Überflutungen, Hagel, verheerende Spätfröste und vieles mehr, die nachweisbar verbreiteter, stärker und folgenschwerer auftreten als früher, es geht um eine grundlegende Änderung der klimatischen Verhältnisse auf der Erde, um die Verschiebung ganzer Klimazonen. Der Klimawandel lässt grüßen, selbst die, welche den Ruf nicht hören wollen. Aber kann ja sein, dass uns die Corona-Pandemie nachdenklicher gemacht hat und offener für Veränderungen unserer Lebensweise, die keineswegs von Nachteil sein müssen. Ich befürchte allerdings, es geht genauso gedankenlos weiter und wir geben sogar noch ‚Vollgas‘, um das Versäumte auf- und nachzuholen. Anstatt effizienter Nachhaltigkeit Kommerz bis zum Geht-nicht-mehr und grenzenloser Wachstumswahn, gemäß dem Motto von Media Markt ‚Hauptsache ihr habt Spaß‘. 

 

Ihre Skepsis macht wenig Freude. Aber entspannt Corona nicht auch die Klimakrise? 

Wir bräuchten ein Mobilitätsverhalten wie im März und April über rund zehn Jahre hinweg, um eine nachhaltige, für den Klimawandel relevante Kohlendioxidreduktion zu erreichen. Aber trotzdem, eine durchaus romantische Vorstellung!

 

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Ein Linkshänder mit fremder Gitarre. Aber Musik ist seine Leidenschaft.

 

Wir können doch im Ländle ganz zufrieden sein mit dem Sommer bisher, er macht einen fast normalen Eindruck: Es regnet in Abständen, es ist nicht zu heiß, fast wie früher. Oder lieg‘ ich falsch?

Werter Herr Doktor, ich bin baff! Sie sind ja überraschend wetteraffin. Der Sommer ist in hiesigen Breiten tatsächlich weitaus besser als sein Ruf. Während die Norddeutschen einen bislang recht kühlen und sehr wechselhaften Sommer erleben, können wir uns über das Wetter in den letzten Wochen wirklich nicht beklagen. Aber verwöhnt von den Hitzesommern der vergangenen Jahre und ihren Urlaubsimpressionen ist das Anspruchsdenken der Menschen hierzulande deutlich gestiegen. Dabei sollte man die meteorologische Bodenhaftung nicht verlieren. Der Mittelmeersommer schwappt immer öfters über die Alpen nach Süddeutschland mit all dessen Schattenseiten: Trockenheit, Hitze, heftige Gewitter und Unwetter. Das sollten sich vor allem manche Zeitgenossen vergegenwärtigen, die sich unreflektiert nach trocken-heißen, event-tauglichen Sommermonaten sehnen. Und in der Summe fehlt nach wie vor enorm viel Regen. Das sommerliche Niederschlagsdefizit der letzten Jahre ist beträchtlich. In tieferen Bodenschichten, aus denen viele Baumarten ihren Wassernachschub beziehen, ist sogar die extreme Trockenheit aus dem Sommer 2003 noch spürbar. Freuen wir uns also über jeden Landregen! Für die Natur, aber auch für die Land-, Forst- und Wasserwirtschaft ist er ein wahrer Segen.

 

Ist es in diesem Sommer eigentlich schwieriger, das Wettergeschehen zutreffend vorherzusagen? 

Ja, eindeutig! Durch die fehlenden Wetterdaten aus dem Flugverkehr, gerade über dem Atlantik, der unsere Witterung maßgeblich beeinflusst, liefern uns die von Computern erstellten Wettermodelle seit Monaten deutlich unsichere Grundlagen für die Erstellung der Prognosen. Das fiel im von stabilen Hochdruckgebieten bestimmten April kaum ins Gewicht, doch seitdem die Witterung von Tiefs geprägt wird und damit ausgesprochen wechselhaft ist, haben wir damit ein echtes Problem. Die Wettervorhersagen sind in Corona-Zeiten also mit noch mehr Vorsicht zu genießen als ohnehin.

 

Role Roth goes Hollywood, hab‘ ich gelesen. Nun also ins Fernsehen. Reicht Ihnen die tägliche Wetteransage in der Heimatzeitung und das jährliche ‚Große Sommerinterview‘ in diesem weltweit beachteten Magazin nicht mehr?

Nichts Neues für mich. Ich war in all den vielen Jahren sicher schon an die 100-mal im TV. Aber keine Sorge, deswegen heb‘ ich nicht ab. Wetter lehrt Demut! Wenn du allein im Keller sitzt und mit dir keiner mehr reden will und jeder mit dem Finger auf dich zeigt, weil sich anstatt des strahlenden Sonnenscheins mit warmen Temperaturen ein fettes feucht-kühles Regentief breitgemacht hat, werden dir als kleiner Wetterfuzzi manchmal ganz deutlich deine Grenzen aufgezeigt.

 

Apropos Wetter und Medien. Das verhält sich wie Experte und Laiendarsteller, sagen Sie. Was haben Sie gegen die ‚schneidende Russenpeitsche‘ und die ‚knallende Horrorhitze‘ im journalistischen Sprachgebrauch einzuwenden?

Das ist der Zug der Zeit, dass man alles maßlos dramatisiert und aufbauscht. Es gibt aber kaum etwas, was wissenschaftlich klarer ist, als die Meteorologie, wohlgemerkt die statistische Erfassung, Auswertung und Einordnung von Messwerten, natürlich nicht deren Prognosen. Diese hysterisch übertriebenen Begriffe haben in der Wetterkunde nichts zu suchen. Das stört mich ganz gewaltig. Das Ärgerliche ist, dass man genau mit solchen Schlagzeilen Klicks bekommt. Im Wettbewerb, möglichst als Erster mit dem Monatsrückblick die Medien und die Öffentlichkeit beglücken zu dürfen, veröffentlichen einige der Wetterdienstanbieter, so auch der amtliche Deutsche Wetterdienst (DWD), bereits zwei oder drei Tage vor Monatsende ihre Statistiken, manche noch früher und teilweise mit Dezimalangaben der monatlichen Durchschnittswerte. Geht gar nicht! Das wäre in etwa so, wie wenn man bei Fußballspielen bereits zehn Minuten vor Schluss das Endergebnis bekanntgeben würde. Gerade von einem amtlichen Wetterdienst sollte man mehr Genauigkeit und vor allem mehr Seriosität erwarten dürfen. Ein korrekter Monatsrückblick lässt sich halt erst erstellen, wenn der Monat auch wirklich vorüber ist. Aber Seriosität und Verifizierbarkeit, selbst eindeutige Fakten und Sachverhalte interessieren die Menschen immer weniger. Teile dieser Gesellschaft sind auf dem Wege zur totalen Verblödung. Es gibt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Denkfähigkeit zu nutzen, um Informationen aufzunehmen und kritisch zu überprüfen.

 

Deshalb gibt es ja auch ‚Smartphones‘ und Wetter-Apps, Meister.

Die meisten dieser Apps sind oberflächliche Schmalspurwettervorhersagen. Dargestellt mit kindischen Wettersymbolen und nicht verifizierbaren Zahlen. Zum Beispiel 30 Prozent Niederschlag. Was fange ich damit an? Heißt das 30 Prozent vom Tag oder 30 Prozent der Fläche oder gar 30 Prozent vom Nachbargrundstück? Bevor man sich mit einer schriftlichen Wettervorhersage befasst und deren Aussage verarbeitet, greift man halt lieber zur meteorologischen Billigware, so wie in vielen anderen Bereichen unseres Lebens auch. Ein Blick an den Himmel oder auf die Radarbilder ist nicht selten hilfreicher als der Aufruf einer App. Das Bewusstsein für Wetter geht immer mehr verloren.

 

Bitte zeigen Sie, was Sie können: Herr Roth, wie wird’s Wetter für den Rest des Sommers?

Wetterprognosen sind der hin und wieder vergebliche Versuch, das Unberechenbare berechenbar zu machen, erst recht dann, wenn es sich um mittel- oder gar langfristige Vorhersagen handelt. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber versuchen wir es mal und nehmen uns eine uralte Volksweisheit zu Hilfe. In der Zeit um den Siebenschläfertag (27. Juni) herum entscheidet sich häufig die Witterung der kommenden Wochen, also die Lage der Hoch- und Tiefdruckgebiete, die Großwetterlage des Hochsommers. So gesehen erwartet uns auch weiterhin ein richtiger Schaukelsommer mit sonnigen und warmen bis richtig heißen Tagen, immer wieder unterbrochen von kühleren und feuchten Phasen, mit örtlich heftigen Schauern und Gewittern, lokal durchaus mit Unwetterpotential. Einige ‚Glaskugel-Prognostiker‘ und selbst ernannte Wetterpropheten haben uns ja einen Jahrhundertsommer mit extremer Trockenheit und Hitze verheißen. Doch von diesen hört man seit längerer Zeit nichts mehr. Sie sind ganz offensichtlich untergetaucht. Dabei hatten sie vor nicht allzu langer Zeit noch viel Gehör gefunden, auch bei einigen der so genannten ‚seriösen Medien‘.

 

Meinen Sie BLIX? Das kann nicht sein. BLIX steht für Qualität, und was drauf steht ist drin: Nicht wahr, Herr Roth? Vielen Dank fürs Gespräch.

 

Autor: Roland Reck
Fotos: Dieter Ege

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