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Biberach - Kultur in Zeiten von Corona und Digitalisierung. Vieles hat sich geändert durch das Virus und vieles auch beschleunigt. Steffen Dietze ist Künstler, Musiker und auch deshalb Betroffener. Seit vielen Jahren ist Steffen Dietze als Fotodesigner und Pianist in der Region präsent, und in beiden Genres geht er ganz eigene Wege. Im Gespräch mit BLIX reflektiert der 59-jährige Biberacher über Kunst und Kultur, über Digitalisierung und Kreativität und über den „prekären“ Umgang der Menschen damit.

 

Herr Dietze, Kunst, Musik, Kultur allgemein sind Corona-bedingt immer noch stark eingeschränkt. Wie erleben Sie als Kulturschaffender diese Zeit? 

Wie die allermeisten Künstler und Musiker auch. Es ist sehr still geworden auf den Bühnen und das bedeutet: Kein Engagement - keine Gage! Aber für fast jeden Musiker ist der Auftritt vor Publikum das Ziel seiner Arbeit, er will etwas geben und Anteil haben lassen an seiner Welt.

 

Funktioniert das nicht auch mit digitalen Formaten, die vermehrt eingesetzt werden?

Aus meiner Sicht nur sehr eingeschränkt. Es fehlen ganz entscheidende Aspekte: Die Nähe, die Atmosphäre, die direkte und auch spontane Interaktion mit dem Publikum, all das fehlt. Und dann sind es vor allem auch die vielen Nuancen, die Feinheiten, die untergehen. Ein Live-Konzert ist ein mehr dimensionales Erlebnis. Der Raum und mit ihm die Akustik sind dreidimensional, weitere Ebenen sind all die anderen Sinneseindrücke wie das Licht, die Temperatur, Gerüche usw. Bei allen Instrumenten ohne elektronische Verstärkung kommen zudem eine Direktheit und Reinheit des Klanges dazu, die digital so nicht zu erleben ist. Das gleiche gilt auch für die bildende Kunst. Ein Bild, ein Gemälde im Original zu sehen, ist etwas völlig anderes als der virtuelle Museumsrundgang.

 

Sind denn diese Nuancen und Feinheiten überhaupt noch gefragt?

Immer weniger. Das klingt ja auch alles irgendwie ernst und nicht nach Party, das ist richtig. Ich glaube aber, dass diese Nuancen vor allem deshalb nicht mehr gefragt sind, weil durch das prekäre Überangebot von Informationen und Eindrücken und den zahllosen Möglichkeiten, die unsere Zeit ja bietet, die Erfahrung solcher Eindrücke fehlt. Und damit nimmt auch die Fähigkeit ab, sich intensiv mit einer Sache zu beschäftigen, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren und dadurch intensiv wahrzunehmen.

 

Ein ‚prekäres‘ Überangebot von Informationen und Möglichkeiten? Ist es denn nicht ein enormer Gewinn, über viele Möglichkeiten zu verfügen und sich umfassend informieren und frei entscheiden zu können?

Ja und nein. Aus der Menge an Informationen, die relevanten herauszufiltern, wird immer schwieriger und bedarf eines breiten Allgemeinwissens. Die Flut an Bildern und Musik überfordert ganz einfach unsere Aufnahmefähigkeit. Um in diesem Meer überhaupt noch wahrgenommen zu werden, muss alles immer lauter und schriller werden. Und das stumpft ab. Die Problematik bezüglich der vielen Möglichkeiten an Lebensentwürfen und Beschäftigungen ist, dass diese Möglichkeiten exponentiell zugenommen haben, die eigene Lebensspanne aber noch immer die gleiche ist. Deshalb wird ja auch so verbissen an der eigenen Optimierung und Gesundheit gearbeitet, um all das unter einen Hut zu bringen. Prekär also, weil das letztendlich nicht funktioniert und dadurch auch immer das Gefühl entsteht, etwas zu verpassen. Ein Teufelskreis.

 

Weniger ist also mehr?

Das wird ja in allen Lebensratgebern immer wieder angepriesen, die aber selber immer mehr werden und ganze Regale füllen. Ich will es so sagen: Im vermeintlich Wenigen das Mehr entdecken.

 

Nennen Sie ein Beispiel.

Wenn man sich für eine Sache entscheidet und diese intensiv betreibt, dann ‚verpasst‘ man zwar einerseits vieles andere, aber man gewinnt andererseits eine große Intensität in dem, was man tut. Die eigene Erlebniswelt wird erheblich größer und tiefer, und das ist eine wunderbare Erfahrung. Das gilt natürlich generell für alle Bereiche, je mehr man sich mit einer Thematik befasst, desto mehr sieht, hört, riecht und schmeckt man. Letztendlich braucht man weniger, um mehr zu erleben.

 

Haben Corona und der Lockdown uns das nicht gelehrt: Was einem fehlt, aber auch was einem NICHT fehlt?

Es sollte uns zumindest eine Lehre sein, ich glaube aber nicht an die Lernfähigkeit der Menschheit insgesamt. Wenn man in die Geschichte und auf die aktuelle Weltlage schaut, hat man kaum das Gefühl, dass aus all den Kriegen, Katastrophen und auch Pandemien wirklich etwas gelernt wurde. Sicher werden einige Menschen neue Wege gehen, es werden neue Bewegungen entstehen. Aberder erforderliche Gesinnungswandel insbesondere hinsichtlich des Klimawandels und damit des Konsums müsste in einer Geschwindigkeit und Konsequenz erfolgen, der realistisch betrachtet kaum zu erwarten ist. Ich sehe hier die Kunst und die Musik auch nicht als ‚Weltretter‘, das wäre ebenso realitätsfern. Aber als eine Möglichkeit, Raum für Schönheit, für Freude und auch für Melancholie zu schaffen, dafür waren Kunst und Musik schon immer ideale Welten. Sie sind große Trostspender.

 

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Kultur in der Region? 

Das kann ich pauschal nicht beantworten, da fehlt mir der Überblick. Aber grundsätzlich leben wir in einer auch kulturell reichen Region mit vielen Angeboten. Ich erfahre leider immer wieder eine Art Hemmschwelle zum Beispiel gegenüber der Klassik oder dem Jazz. Da gibt es in weiten Kreisen leider noch immer Berührungsängste und Vorurteile, das ist sehr schade. Dabei gibt es hier in unserer Region fantastische Möglichkeiten, einfach mal Neues zu entdecken und auszuprobieren. Ich denke da an die Landesakademie in Ochsenhausen mit ihrem hochkarätigen Konzertangebot, zumeist sogar kostenlos. Oder auch an den Jazzclub Biberach. Einfach mal neugierig sein und hingehen, vielleicht macht es ja klick.

 

Wo sehen Sie Veränderungsbedarf? 

Was mir fehlt ist die Wertschätzung der Kunst und insbesondere der Musik in ihrer Einzigartigkeit. Wenn man die Kultur auf den Begriff des ‚Standortfaktors‘ reduziert, hat sie damit den gleichen Rang wie die Themen Steuern, Industrieansiedlung, Freizeitangebote oder Baugebiete. Oder wenn das Erlernen eines Instruments vor allem damit begründet wird, dass dadurch die Intelligenz des Kindes gefördert wird, dann ist das zwar richtig, geht aber am Thema komplett vorbei.

 

Warum?

Weil Kunst und Musik viel mehr sind als vermeintlich messbare Intelligenz. Es ist ein fantastisches Universum, das es sinnlich zu entdecken gilt. Das ist auch ein Weg zu einem anderen Lebensstil, den wir dringend brauchen. Das hat nichts mit Verzicht zu tun, wie häufig propagiert. Ganz im Gegenteil. Es ist ein großer Gewinn an Lebensfreude und befreit davon, sich ausschließlich materiell zu definieren.

 

Zur Person

Steffen Dietze Pianist 2 sw

Steffen Dietze zählt als Fotograf und Musiker zu den vielseitigen Kulturschaffenden in Oberschwaben. Nach langjähriger Tätigkeit als Maschinenbaukonstrukteur und Betriebswirt in unterschiedlichen Bereichen machte er seine Nähe und Begeisterung für die Kunst und die Musik zum Beruf. Er lebt und arbeitet selbständig als Fotodesigner und Dozent/Lehrbeauftrager für Fotografie und als Musiker in Biberach. In der Region stellte er u.a. in der Galerie im Fruchtkasten Ochsenhausen, im Museum Biberach, der Kunsthalle Ravensburg und in Galerien im Raum Bodensee aus. 2012 und 2017 erhielt Dietze Preise für seine Arbeiten zu den Themen „Raum und Licht“. Musikalisch war er u.a. im Jazzclub Biberach und im Rahmen der Reihe club-modern zu hören, 2018 produzierte er eine CD zusammen mit dem peruanischen Percussionisten Cesar Gamero, 2019 veröffentlichte er seinen ersten Notenband mit eigenen Kompositionen.

www.ds-foto.de 
www.ds-piano.de

 

Autor: Roland Reck

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