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Isny/Ulm - Der am 13. Mai 1922 als Sohn eines Handwerkers in Ulm geborene und 1991 tödlich verunglückte Otto „Otl“ Aicher gilt als einer der prägendsten deutschen Gestalter und Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts. Verheiratet war er mit Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie Scholl, jenen Mitgliedern der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ gegen das NS-Regime, die im Februar 1943 unter dem Fallbeil endeten. Aichers 100. Geburtstag wird in Ulm und Isny mit Ausstellungen begangen.

 Vor 50 Jahren: Im Jahr 1972 der Münchner Sommer-Olympiade, für die er als Gestaltungsbeauftragter mit seinen Piktogrammen das komplette olympische Erscheinungsbild kreierte, zog Aicher in den Leutkircher Weiler Rotis, wo er seine Atelierhäuser baute. Das nahe gelegene schnuckelige Isny hatte es ihm angetan. Es wurde ihm Antrieb und zugleich Partner, um ihr kleinstädtisches Kulturverständnis per Corporate Design zu stärken. In der Summe sind es 136 Motive, die er über Jahre aus der ästhetischen Praxis heraus Schritt für Schritt entwarf. 1982 war das erste Stadtbild in schwarz-weiß gesetzt. Es machte Furore weit über Isny hinaus. Wer durch den historischen Altstadtkern schlendert, dem stechen die in radikaler Reduktion präzise in schwarzen Strichen gezeichneten geometrischen Formen auf weißem Grund als unübersehbarer Blickfang in die Augen. Damit statuierte Aicher ein Exempel moderner Stadtwerbung.

 

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Genial einfach: Otl Aichers Piktogramme waren als Wegweiser bei den Olympischen Spielen in München 1972 „Weltsprache ohne Worte“.

 

Wenn am 21. Mai im Pavillon in der Blumenwiese des Parks vor dem Kurhaus die bis 31. Oktober dauernde Ausstellung von Aichers Schaffen für Isny eröffnet wird, dann begeht das Städtchen dessen Hundertsten in ganz eigener Weise. Das von der Baden-Württemberg-Stiftung geförderte Projekt beabsichtigt, wie Katharina Proebster vom Projektteam erklärt, „Aicher wieder in die Stadt zu bringen“. Und ihre Kollegin Christiane Brockhoff zitiert den großen Grafiker: „Weil ich die Menschen hier liebe.“
Auf der Außenhaut des Magazins im Kurpark, dem Herzstück der Jubiläumsaktivitäten, wird beim Rundgang die einstmalige freie Reichsstadt mit zahlreichen Bildzeichen zu ihrer Geschichte zu sehen sein. Mit digital zugänglichen Audiobeiträgen werden von ihrem Isny erzählende Stimmen laut: über‘s Brezelbacken, von den „Lutherischen“ der Reformation, vom Kochen und Feste feiern und von Themen, denen Aicher leidenschaftlich nachgespürt hat: von Mühlen zum Beispiel, von Brunnen und mäandrierenden Bächen. Weitere und nähere Informationen bietet „isnyaicher22“ auf www.isny.de

 

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Spannend: Moderne Grafik auf historischem Hintergrund. Zu sehen in Isny. 

 

Auch Aichers Geburtsstadt Ulm ehrt den Grafikdesigner, der Schriften, Sportzeichen und Plakate mit politischer Sprengkraft entwickelt und der Welt grafische Erfindungen geschenkt hat, die jeder versteht, gleich mit zwei Ausstellungen. Seit 25. März zeigt das HfG-Archiv die prägnant betitelte Ausstellung „Otl Aicher: 100 Jahre 100 Plakate“. Als Mitbegründer und zeitweiliger Rektor der 1953 gegründeten und 1968 geschlossenen Hochschule für Gestaltung (HfG), wo er die Abteilung „Visuelle Kommunikation“ leitete, setzte er in der Gestaltungsausbildung bis heute nachwirkende Impulse. Noch immer sind seine international ausgestellten Werke leuchtende Vorbilder für ganze Generationen angehender Gestalter.
Im Herbst diesen Jahres eröffnet Mitte November das Museum Ulm die Ausstellung „Otl Aicher - Widerstand und Protest: Symbole, Gesten, Signale“. Bereits in den 1960er Jahren entwarf der politisch engagierte „Meister der Zeichnung“ Plakate für die Ostermärsche. Der Gestalter engagierte sich in der Friedensbewegung und protestierte 1983 in Mutlangen gegen die Stationierung amerikanischer Pershing-Atomraketen im Rahmen des so genannten Nato-Doppelbeschlusses. Der Vater von fünf Kindern schöpfte seinen Antimilitarismus bereits als Heranwachsender aus seinem katholischen Glauben, entzog sich zeitweise der Einberufung zur Wehrmacht und desertierte schließlich 1945, dabei fand er Unterschlupf bei der Familie Scholl. Seine Frau Inge bestimmte als Gründerin der Volkshochschule Ulm und Mitbegründerin der Hochschule für Gestaltung das kulturpolitische Leben in der Donaustadt in der Nachkriegszeit maßgeblich mit.
Und Otl Aichers Piktogramme prägten das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele in München und gelten als „Weltsprache ohne Buchstaben“. 1988 veröffentlichte Aicher einen neuen Schrifttyp namens Rotis. Er starb am 1. September 1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

 

Autor: Horst Hacker

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