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Ravensburg - „Jammernd standen Tausende vor den zerschlagenen Saaten und vor den, durch den wilden Sturm, zerschmetterten Bäumen.“ Dieser Bericht ist aus dem 19. Jahrhundert, er könnte von 1480 stammen, als sintflutartige Unwetter die Ernten in Oberschwaben vernichteten, er könnte von Weihnachten 1999 stammen, als der Orkan Lothar Schneisen der Verwüstung in den Wäldern und in den Weinbergen am Bodensee anrichtete. Über den enormen Zeitraum von 750 Jahren fanden Peter Fritsch und Miriam Kresser, die diese Ausstellung kuratierten, Belege für Naturkatastrophen im Raum Ravensburg, die Ernten zerstörten, Hungersnöte auslösten und Antworten geben auf die kulturhistorische Frage, wie die Menschen, wie die gesellschaftlichen Institutionen auf die Naturereignisse reagierten.

Dies war immer eine Frage des Wissens, ihres Verständnisses von Natur. Im Mittelalter gab es noch keine naturwissenschaftlichen Erklärungen. War das Unheil aus der Natur eine Strafe Gottes? Doch wofür? Wer waren die Schuldigen? In Ravensburg schrieb, auf Einladung des Bürgermeisters Konrad Geldrich, der päpstliche Inquisitor Heinrich Kramer den damaligen „Bestseller“ Malleus Maleficarum, den „Hexenhammer“, der die Schuldigen benannte: Hexen. Frauen, die unter qualvollen „Befragungen“ gestanden, auf welche „Weise sie Hagelschläge und Stürme zusammenbrauen und Blitze herabschleudern“ konnten. Im Jahre 1484 wurden in Ravensburg zwei von sechs Frauen als Hexen wegen ihres „Wetterzaubers“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die friedlichen Antworten im Mittelalter waren die Wetterheiligen, die „Zehn Nothelfer“, oder der kunstvolle, wasserspeiende Drachenkopf aus Ravensburg.

 

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Kopfüber am Seil hängend protestierten Prof. Wolfgang Ertel (rechts) und Samuel Bosch gegen die Energieverschwendung an der landeseigenen Hochschule in Weingarten. Der Ministerin gefiel‘s, nicht aber der Staatsanwaltschaft und dem Richter. 4000 Euro soll der Professor löhnen. Foto: Igor Chernov

 

Die Vermessung der Welt bringt kulturellen Wandel

Den kulturellen Wandel zeigt die komplexe Ausstellung ab dem 17. Jahrhundert. Es ist der Beginn einer modernen Naturwissenschaft, die Unwetter, Hagel und Blitze zu erklären vermag, meteorologische Messgeräte entstehen. Ein hübsches Beispiel: der alte Blitzableiter vom Ravensburger Rathaus. Es sind katholische Geistliche, für die in diversen Publikationen eine aufgeklärte Kirche mit einem wissenschaftlichen Naturbegriff vereinbar ist.
Der nächste große Wandel findet Ende des 19. Jahrhunderts auch in Ravensburg statt: die Industri-alisierung. Gemessen am Ruhrgebiet und den neuen Industriezentren verdunkeln die Fabriken den Himmel nicht und vergiften nicht die Schussen. Doch sie wird begradigt für die Bedürfnisse von Escher-Wyss. Schon damals ein umstrittenes Thema. Was der Industrie nutzte, verursachte viele Überschwemmungen für die Bauern im Schussental. Was Begradigungen von Flüssen verursachen, wenn sich das Klima ändert, wurde erst jüngst an der Ahr deutlich. Die Brisanz des Ausstellungsthemas Klimawandel wird deutlich auch an einigen besonders kuriosen Stücken, die man in diesem Museum noch nie sah: da wachsen fast ausgestorbene Kräuter, deren Samen man bei Ausgrabungen unter dem Museum fand - Kornrade und gezahnter Feldsalat. Früher „begleitende Pflanzen“ auf den Feldern für Insekten und Vögel, und die die Böden bereicherten. Doch dann wurde zu Unkraut, was die monokulturelle Landwirtschaft vorgeblich beeinträchtigte. Auch an den Hängen um Ravensburg waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Folgen zu sehen. Die von jedem „Unkraut und Ungeziefer“ gesäuberten Böden des regionalen Weinbaus waren wenig ertragreich, sie waren keine Speicher mehr für Regenwasser, Nährstoffe und Mikro-Organismen. Museumsleiterin Sabine Mücke verwies bei der Präsentation der Ausstellung auch auf die Klimarelevanz und die ökologische Nachhaltigkeit des regionalen Landbaus im Kreis Ravensburg, auf Modelle wie „Solidarische Landwirtschaft“ mit alten, angepassten Samen, auf den Bauernmarkt, mit kurzen Wegen von den Bauern zu den Konsumenten.
Und da sind wir bei der zentralen Frage der Ausstellungsmacher, wie die Menschen über die Jahrhunderte das Klima interpretiert haben. Natur als übergeordnete Macht, mit Launen und Schwankungen, die es immer gab und geben wird, biedermeierlich verklärt von Künstlern in der Romantik und im Impressionismus. Aber Klimawandel, von den Menschen gemacht? Die Schuldigen? Wir alle, mit unserem Lebensstil, unserem Wachstumswahn? Da gibt es die Klimaleugner, einen wie Donald Trump, mit denen im Sinne der Konzerne das Wachstumsmodell unbehelligt bleiben kann. Da gibt es die Verschwörungstheoretiker, die „linke Panikmache und grüne Verbotsparteien“ angreifen, oder Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, der in der Süddeutschen Zeitung meinte, man wolle sich wegen der Klimakrise nicht vorschreiben lassen, wie groß ein Auto sein dürfe und wie schnell man es fahre. Und da gibt es eine um ihre Zukunft besorgte und zunehmend ungeduldiger werdende Jugend, Fridays for Future, Klimaaktivisten, die im schönen Ravensburg Bäume besetzen, und deren erwachsene Sympathisanten von Scientists for Future. Aber auch wenn in dreißig Jahren die Zahl der Klimaflüchtlinge weit über 100 Millionen liegen dürfte und weite Teile auf den Kontinenten des Südens nach Studien des Weltklimarates unbewohnbar sein werden, in Ravensburg gilt Recht und Ordnung und ein Versammlungsrecht, das nach Ansicht der Staatsanwaltschaft regelt, wann man einen Rasen betreten und auf Bäume klettern darf, auch wenn man dabei niemanden schädigt, sondern auf eine unsägliche Energieverschwendung aufmerksam macht. Ein solches Vergehen kostet in Ravensburg 4000 Euro, wie das jüngst verkündete Urteil am Amtsgericht feststellte. Dabei ging es um einen auf Bäume kletternden Professor, der auf dem Hochschulcampus in Weingarten die Energieverschwendung anprangerte, die er darin sieht, dass auch in den Ferien geheizt wird und es bis dato kein intelligentes Energiemanagement an seiner Hochschule gibt. Für Wolfgang Ertel, Professor für künstliche Intelligenz und engagiertes Mitglied bei Scientists for Future, ein Frevel, der den 63-Jährigen aus Protest gemeinsam mit zwei jungen Aktivisten auf die Bäume klettern ließ. Durchaus mit Erfolg, die Missstände wurden endlich angegangen, aber nach Klage der Staatsanwaltschaft und Meinung des Richters machte er sich dabei als Leiter einer „unangemeldeten“ Versammlung schuldig. Zur Strafe: 4000 Euro.
Aber stellt sich die „Schuldfrage“ heute nicht anders? Jeder Mensch hat durch seinen Lebensstil einen „ökologischen Fußabdruck“, der lässt sich im Humpis- Museum auch messen. Er ist nicht statisch, er hängt ab vom Lebensstil und von der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Die heute jeden betrifft.
Deshalb hat die Ausstellung einen interaktiven Teil, der am Jungen Museum Frankfurt entwickelt wurde: „Umwelt, Klima & Du.“ Vor allem Jugendliche können sich in diesem Teil mit Fragen und möglichen Antworten auf die Klimakrise auseinandersetzen. Auch die Klimaaktivisten aus dem Altdorfer Wald sind vertreten. Und unter dem Glasdach des Museums hat Roland Roth von der Wetterwarte Süd eine kleine Wettermessstation installiert. Für diese großartige Ausstellung sollte man reichlich Zeit mitbringen.

Von der Kleinen Eiszeit bis ins Anthropozän:
Die neue Ausstellung im Museum Humpis-Quartier über Klimawandel in Ravensburg 1350–2050 läuft bis 2. Oktober 2022.

 

Autor: Wolfram Frommlet

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