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Ravensburg - Nachmittag in der Dachwohnung von Rosie B. am Rand von Ravensburg. Die altdeutsche Anbauwand, die Sofaecke und der große Wohnzimmertisch strahlen behäbige Gemütlichkeit aus. Zum Kaffee am Nachmittag strahlt die Sonne durch die großen Dachfenster. Rosie geht einen Stapel Bildbände durch, meist Kochbücher. Dabei beurteilt ihr geübter Blick den Nachfragewert. Denn Rosie verkauft Trödel auf Flohmärkten. Das Geschäft geht aber nicht mehr so gut. Ganz aufhören möchte die 71-Jährige aber noch nicht.

 

„Kind und Gesellschaft in der Kunst“ heißt der Ausstellungskatalog, den sie mustert. Darin sind Bilder von noblen Familien mit edel angezogenen Kindern zu sehen, aber auch Fabrikkinder, Kinder in Arbeitshäusern und großstädtischen Elendsquartieren und bei beschwerlicher Feldarbeit auf dem Land. Rosies Blick bleibt daran haften. Erinnerungen an die Heimat im ehemaligen Jugoslawien kommen hoch.
„Wir waren arm. Meine Mutter hat kein Geld für Streichhölzer gehabt. Beim Nachbar hab ich mit einem Schäufele Glut geholt“, erzählt die Seniorin aus ihrer Kindheit: Reingeregnet hat es in das Haus mit Lehmboden. Morgens vor der Schule war das Schwein zu füttern. Im Herbst Brombeeren sammeln und das Geld aus dem Verkauf dem Vater geben. Für seine Zigaretten und seinen Schnaps ging das bissle Geld weg. Einmal schickte der Vater die kleine Rosie mit zehn Eiern in einem Tuch in den Ort mit der Eisdiele, sechs Kilometer für die kurzen Beine zu laufen, die Eier zu verkaufen und das Geld heimbringen. „Andere Kinder sind mit Eis herausgekommen, ich hab gar nicht gewusst wie Eis schmeckt!“
Der Vater hat sie im Arbeitsbüro zur Vermittlung nach Deutschland angemeldet. Da war sie achtzehn. Ein Nachthemd und einen Koffer hat er ihr gekauft. Sie sollte Geld heimschicken bis sie heiratet. Die Firma in Nürnberg produzierte Fernsehgeräte, zahlte anfangs die Unterkunft und einen guten Lohn von 350 Mark im Monat. Mit einer Freundin hat sie eine eigene Wohnung gehabt. Aber auch immer Heimweh. Ihr Trost: „Ein paar Jahre und dann heim!“
„Ich hab Deutschland schon bewundert, alles so schön, die Ordnung, die Blumen,“ erklärt Rosie dem Besucher. Mit einer Freundin in den Bus und zum Picknick ins Grüne war das Sonntagsvergnügen. Kuchen und Bier das Festmenü. Geld hat sie gespart und heimgeschickt, damit das Dach gemacht wird. War aber nix, wie sie beim ersten Heimatbesuch feststellt. Das war das Ende der Geldsendungen. Mit der Mutter habe sie viel Mitleid gehabt. Weil der ältere Bruder auch wegzog und es zehn Jahre lang keinen Kontakt gab, habe die Mutter viel geweint.
 
Flohmärkte sind ihr Leben
In jungen Jahren hat sie ihren Mann kennengelernt. Ein Onkel war der Mittelsmann. Und so kam der Umzug nach Ravensburg. Zwei Jahre hat sie in der Küche einer Wirtschaft geschafft. Was die Leute alles wegwerfen, hat sie am nächsten Arbeitsplatz gesehen. Das war bei einer Entsorgungsfirma an der Abfallsortierung. „Da waren auch Spritzen drin, ich hab Glück gehabt, dass ich mich nicht verletzt habe. Der liebe Gott hat auf mich aufgepasst.“ Die junge Familie hat mit viel Eigenleistung ein Haus gebaut. Zwei Kinder sind gekommen. „Meine Ehe war mit viel Arbeit verbunden. Ich hab gemeint, mit Mann und Haus habe ich ein anderes Leben.“
Es musste gespart werden, deshalb wurde für die Tochter auf dem Flohmarkt ein Kinderfahrrad gesucht. Das war vor 35 Jahren in Baienfurt. Die Erinnerung ist noch lebendig. „Guck mal, die vielen Sachen, die da rumliegen, wir machen auch Flohmarkt, sagte mein Mann.“ Mit dem Zeug aus der Abfallsortierung bei der Entsorgungsfirma war ein Anfang gemacht. Damals waren die blauen Schmalztöpfe und Sammeltassen der Renner. Ihr erster Flohmarkt als „Beschicker“ war ein voller Erfolg, der 700 DM einbrachte. Rosie hat nie wertvolle Sachen angeboten und immer nur gebrauchte Dinge, meistens für eine Mark oder später für einen Euro. Denn, sagt Rosie: „Kleinvieh macht auch Mist!“  Die junge Familie konnte Hypotheken abzahlen und mit diesen Zusatzeinnahmen zum Lohn gut leben. Man ging auf Märkte in ganz Oberschwaben. Ein Auto mit Anhänger war nötig. Und die gebrauchten Sachen mussten gewaschen und hergerichtet werden. Rosie: „Oft habe ich das bis nachts um elf Uhr geputzt.“
„In der heutigen Zeit ist gut, dass man alles hat“, meint Rosie. „Aber die Jugend ist mit nix mehr zufrieden!“ Und der Markt sei übersättigt. Sammeltassen und Bierkrüge gehen nicht mehr, stellt sie fest. Die Schuld am schleppenden Marktgeschäft gibt sie nicht dem Internet oder eBay oder Corona. Sondern: „Deesch isch alles übersättigt. Die Kinder haben heute ganz andere Ansichten. Junge Leute wollen nicht mehr sammeln.“ Sie akzeptiert es, sie kann es nicht ändern und kommt aus, weil sie seit Kindheit genügsam zu leben gewohnt ist. Für Recycling oder Upcycling hat sie großen Respekt. Die ökologisch begründete Genügsamkeit schätzt sie und sagt: „Weniger ist mehr, ist gar nicht schlecht!“

 

Text und Foto: Johannes Reichert

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