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In Zeiten des Klimawandels jedes Jahr mindestens eine Fernreise: Ist das nicht unsozial? Reisen ist meist nicht gut für die Umwelt, aber es gibt schon erhebliche Unterschiede beim fairreisen …

 

Sanfter Tourismus, auch Nachhaltiger Tourismus genannt, will möglichst wenig auf die bereiste Natur einwirken und ihr schaden, sondern sie möglichst intensiv und ursprünglich erleben. Zudem hat er zum Ziel, sich der Kultur des bereisten Landes anzupassen. Neben dem ökologischen Aspekt spielen soziokulturelle und wirtschaftliche Aspekte eine Rolle. Die Welttourismusorganisation (UNWTO) definiert Tourismus als nachhaltig, wenn seine gegenwärtigen und zukünftigen ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen vollumfänglich berücksichtigt und die Bedürfnisse der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Einheimischen integriert werden.
Nachhaltiger Tourismus ist also ein Gegenentwurf zum Massentourismus mit Mega-Hotels am Strand oder Billig-Flügen für Städtereisen übers Wochenende. Er engagiert sich für die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, will die verkehrsmäßige Erschließung der Urlaubsorte auf ein Minimum begrenzen. Urlauber sollen sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf Langlaufskiern fortbewegen. Durch Besucherlenkung sollen Schutzgebiete geschont werden, in Hotels werden regenerative Energien genutzt, Abfall und Wasser gespart. Urlaubsorte legen Barfußpfade und Themenwanderwege an oder organisieren geführte Schneeschuhtouren, die den Lebensbereich der Raufußhühner nicht stören, statt Pisten auszubauen, die mit Schneekanonen beschneit werden müssen.

Dies ist alles nicht neu. Den Begriff des sanften Tourismus prägte der Berner Architekt Fred Baumgartner bereits 1977 in seinem Beitrag „Tourismus in der Dritten Welt – Beitrag zur Entwicklung?“ in der Neuen Züricher Zeitung. Der Zukunftsforscher und Wissenschaftsjournalist Robert Jungk vertiefte den Begriff 1980 in einem GEO-Artikel. Die Bundesregierung gründete 2006 eine Beratungsstelle für Nachhaltige Tourismusentwicklung. Zahlreiche Zertifizierungsprogramme versuchen, den Nachhaltigkeitsgedanken zu präzisieren. Die Landesregierung von Baden-Württemberg startete 2008 das Sonderprogramm Sanfter Tourismus, um damit Fahrrad-, Gesundheits-, Kultur-, Öko- und Wandertourismus zu fördern. 2006 schlossen sich 19 Urlaubsorte im gesamten Alpengebiet zu den „Alpinen Perlen“ zusammen, um sich sommers wie winters für Urlaub ohne Auto einzusetzen. In Deutschland gehören Berchtesgaden und Bad Reichenhall dazu. Sie bieten vielfältige umweltverträgliche Mobilitätsangebote, Bewegung in der Natur, aber auch Wellness-Hotels an. Als Urlaubsgast in Berchtesgaden, einem nicht erst seit Pandemiezeiten von einheimischen Auto-Ausflüglern strapazierter Ort, kann man kostenlos Busse des Regionalverkehrs Oberbayern nutzen und mit der Gästekarte Ziele im Berchtesgadener Land, am Chiemsee und sogar den Ostbahnhof München erreichen. www.alpine-pearls.com

Ist nachhaltiges Reisen nur für Reiche?

In Zeiten von Pandemie und Extremwetter überdenken viele Urlauber ihr Reiseverhalten, der Begriff „Flugscham“ ist häufig zu hören. 2020 und 2021 blieb man im Land oder buchte sehr kurzfristig, die Pandemie-Entwicklung stets im Blick. In den letzten Jahrzehnten waren Fernreisen zu möglichst exotischen Zielen in vielen Kreisen höchst prestigeträchtig. In den Sechzigern konnte man es sich leisten, im Käfer an die Adria zu tuckern, später war der Grand Canyon oder die thailändische Insel Ko Phuket Fernweh-Ziel.
Der CO2-Rechner des Umweltbundesamtes (UBA) zeigt: Ein Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Florida hat eine Emissionsbilanz von etwa 3,5 Tonnen CO2 pro Kopf. Um klimaverträglich zu werden, müsste der CO2-Ausstoß allerdings auf unter eine Tonne pro Kopf pro Jahr kommen - und das nicht nur für das Reisen, sondern insgesamt! In einer Publikation des UBA aus dem Jahr 2019 wird der Anteil der Treibhausgas-Emissionen, die durch den weltweiten Tourismus verursacht werden, derzeit auf acht Prozent geschätzt mit steigender Tendenz. www.uba.co2-rechner.de/de
Die Lufthansa hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, bis 2050 CO2-neutral zu sein, unter anderem durch den Einsatz nachhaltiger Flugkraftstoffe.

 

Hirte be

Ein  marokkanischer Hirte erklärt der Wandergruppe seine Arbeit.

 

Emissionen kompensieren:
moderner Ablasshandel?

„Reisen Sie lieber weniger, aber dafür richtig“, wirbt Manfred Häupl, Geschäftsführer des Münchner Trekking-Spezialisten Hauser Exkursionen. Der Reiseanbieter ist Mitglied beim Forum anders Reisen, einem Verband für nachhaltigen Tourismus. „Reisen unter 800 Kilometer bieten wir nur mit dem Zug an. Für Reisen ab 3800 Kilometer gibt es einen Mindestaufenthalt von zwei Wochen“, erklärt Häupl. Außerdem kompensiere sein Unternehmen alle Europaflüge mit 110 Prozent - das heißt: Ein Klimaschutzprojekt wird unterstützt. Zwölf Prozent seiner Kunden kompensierten zusätzlich noch freiwillig. www.forumandersreisen.de
Es gibt verschiedene Kompensationsanbieter. Bei den meisten Rankings ging atmosfair als Sieger hervor. Finden Sie heraus, wie viel CO2 Sie mit Ihrem Flug verursachen. Dieses CO2 spart atmosfair in mehr als 20 Klimaschutzprojekten ein und entlastet damit das Klima. Angenommen Sie wandern höchst vorbildlich zu Fuß auf dem Jakobsweg an den Atlantik und bedienen sich auf dem Rückweg eines Flugzeuges, sieht die Bilanz folgendermaßen aus. Der Flug von Santiago de Compostela nach Stuttgart verursacht für eine Person 437 Kilogramm CO2. Die Website nennt zum Vergleich die Pro-Kopf Jahresemission eines Äthiopiers (560 kg) und was man während eines Jahres Autofahren (12.000 km) im Mittelklassewagen heraus bläst: 2000 Kilogramm. Das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen wird mit 1500 Kilogramm errechnet. Sie könnten nun die Klimawirkung Ihres Fluges von 437 Kilogramm CO2 kompensieren durch die Unterstützung eines von atmosfair vorgeschlagenen Klimaprojektes (etwa effizientere Öfen in Nigeria oder den Bau eines Wasser-Kleinkraftwerkes in Honduras) mit der Zahlung von elf Euro. www.atmosfair.de
Der Transparenz halber möchte ich erwähnen, dass ich schon als Schülerin im elterlichen Reisebüro in Pforzheim mitgearbeitet habe und nach dem Studium als Reisejournalistin von 1982 bis 2007 für das Reisemagazin in über achtzig Ländern unterwegs war. Seit 2007 bin ich nicht nur als Bergwanderführerin, sondern auch als Reiseleiterin für Hauser-Exkursionen tätig, einen Reiseveranstalter, dessen Trekkingreisen allesamt nach den strengen tourCert Standards durchgeführt werden. www.tourcert.org
Jede der Wanderungen zwischen Island, Algerien, Marokko, Äthiopien, Ruanda oder Iran hinterließ bleibende Eindrücke. Der großartigen Landschaften wegen, aber auch durch die Begegnungen mit einheimischen Kamel- und Eselführern, Köchen oder Bergführern aber auch der ihrem Gastland gegenüber sensiblen Mitreisenden. Dabei gehört die Begegnung mit frei lebenden Gorillas im ugandischen Bwindi-Nationalpark mit zu meinen berührendsten Naturerfahrungen. Zugegeben: Der Flug von Frankfurt über Istanbul nach Entebbe ist mit 3528 Kilogramm CO2 wenig umweltfreundlich. Der atmosfair-Rechner nennt 85 Euro als Kompensationsabgabe. Aber - um beim Beispiel Uganda zu bleiben - nicht immer trägt der Tourismus zur Zerstörung der Natur bei. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Der Siedlungsdruck am Rand der Regenwälder, die als Rückzugsorte der letzten Berggorillas gelten, ist so hoch, dass viele Bäume längst gerodet worden wären, wenn nicht - auch durch die Einnahmen durch den Tourismus - strenge Schutzgebiete eingerichtet und kontrolliert würden. Alleine das Permit für einen Tag Gorilla-Tracking - natürlich ohne Erfolgsgarantie - beträgt pro Tourist 630 Euro, die dem Nationalpark zu Gute kommen. Wir sind dort und im Ruwenzori-Gebiet natur- und sozialverträglich zu Fuß unterwegs, unterstützt von einheimischen Trägern, Köchen und einer Bergführerin (!), die ohne Touristen kaum Arbeitsmöglichkeiten hätten.
Auch wer bei Freiwilligendiensten mitmacht, bei Work&Travel oder als Au-Pair ein Land kennen lernt, bleibt mehrere Monate unterwegs. Die Anreise ist zwar trotzdem mit CO2- Emissionen verbunden, in Sinne der Nachhaltigkeit aber eher zu vertreten als bei häufigen Kurzreisen. Dass man bei dieser Art des Reisens einen intensiven Kontakt mit Einheimischen aufbauen und sich kulturell integrieren kann, kommt hinzu.

Reisen als Wohlstandsindikator

Das deutsche Nachkriegs-Wirtschaftswunder ging einher mit einem Tourismus-Boom ohnegleichen. Lange waren die Deutschen Reiseweltmeister, doch 2012 hat China die USA und Deutschland überholt und ist zum Tourismus-Weltmeister aufgestiegen. Reiseweltmeister ist der Staat mit den weltweit höchsten Ausgaben für Auslandsreisen. Deutschland rutschte auf den dritten Platz ab, bei einem Reisebudget von 82 Milliarden US-Dollar. Reisten im Jahr 2002 gerade mal 16,6 Millionen Chinesen ins Ausland, waren es 2011 bereits 77 Millionen, 2014 etwa 105 Millionen. 2019 gaben Chinesen 255 Mrd. Dollar für Reisen aus (pro Kopf 180 $), die Deutschen 93 Mrd. Dollar (pro Kopf 1077 $). Es folgen Großbritannien, Frankreich und Australien.
Tourismusforscher Martin Lohmann stellte seine jährliche Reiseanalyse auf der Eröffnungs- Pressekonferenz der Stuttgarter Tourismus-Messe CMT im Januar 2022 vor. Demnach haben sich bereits im November mehr als vier von fünf Deutschen gedanklich mit einer Urlaubsreise im Jahr 2022 beschäftigt. Ob jemand tatsächlich eine Reise antritt, ist dann eine Frage von Zeit und Geld und des Wollens. Die Urlaubslust ist mit 61 Prozent auf einem Höchststand (Vorjahr 51 Prozent), die Faktoren Zeit (72 Prozent) und Geld (70 Prozent) zum Reisen werden ebenfalls so günstig wie noch nie zuvor eingeschätzt. Insgesamt drücken diese Ergebnisse eine sehr positive Urlaubsstimmung aus. Lohmann sieht einen deutlichen aktuellen Nachholbedarf. Dabei lassen die Unwägbarkeiten der Pandemie Viele abwarten. Zu rechnen sei mit einem Volumen von etwa 60 Millionen Urlaubsreisen der deutschsprachigen Bevölkerung, einem noch hohen Anteil von Zielen im Inland und in den Nachbarländern und einem gegenüber 2019 relativ geringen Anteil von Flugreisen. Im Vergleich zu 2020/2021 bedeutet das einen Schritt Richtung Normalisierung zur Situation vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Dagegen boomt Campingurlaub auch in Oberschwaben, der Wiege von Wohnmobil und Wohnwagen. Basis-Triebkräfte für Urlaubsreisen bestehen laut Lohmann fort. Der Wandel komme vor allem durch Entwicklungen in den Rahmenbedingungen und im touristischen Angebot, etwa bei den Themen Nachhaltigkeit, technologischer Wandel und Personal. Bleibt zu hoffen, dass Nachhaltigkeit dabei eine größere Rolle spielt. Wir Urlauber und Urlauberinnen haben es in der Hand.

 

Text und Fotos: Andrea Reck

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